Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 887 - 888

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Article
Sein erster Vers
Date
1911-10-01
Page
Seite 887 - 888 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584016-2603518--12210-2603618
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

S87 Theodor Zlocisti: Sein erster Vers. 888 waren in dorn Perlenglanz, und die Lieder, die sie ihm gesummt hatte und immer wieder hatte summen müssen, wenn sich der Ahend_in seinem schwarzen Mantel vor das Fenster stellte. AVenn Kinder weinen, da weinen darin die Seelen verschollener Geschlechter. Sie wollen die Erinnerung wecken. In dieser Nacht war Elis Jugend erwacht. Und füllte sein Zimmer mit Vergangenheit, also dass er ganz darinnen versank. Versank ^'ie jene Fee in Grossmutters Märchen, die von den Sternen zur Erde floh und auf der Erde herumirrend im Waldscc ertrank. -Aber weiche Hände umfingen ihn und hohen ihn empor. Der Kaum wuchs und wuchs bis zu der Kuppel des Himmels, an der mit goldenen Nägeln die Sterne gleich Diamanten geheftet waren. Lerchen stiegen auf, und sie trugen in ihren Fängen kleine Gläser, in denen ein müdes Eicht brannte. Und ein leises Summen füllte die Luft. Tränen quirlten darin und Wiegenlieder und ein heiserer Sang aus unsichtbarem Betermunde. Und dann war es, als pochten viele, viele Herzen. Die Herzen unzähliger Geschlechter. Immer lauter und lauter wurde das Pochen, das also klang wie das Köllen des Donners in weiter Ferne. Erst war es, wie Schläge, die wirr durcheinander klopfen. Dann aber fügten sie die Töne zueinander zu einem erschütternden Rhythmus. Und die Lichter schwangen in dem Rhythmus. Und die Lerchen sangen in dem Rhythmus. Und die Gebete schmiegten sich darein, class sie anschwollen und verschwebten mit dem Pochen der Herzen. Die Bäume der Wälder rauschten nachdenkliche Mythen. Die Schafte der Grabblumen strafften sich. .Aus den zerfallenen Särgen griffen knochige Hände an das Gerank ihrer Wurzeln und zerrten und zogen, als wären es Seile, die des Kirchturms Glocken bewegten. Und also schlugen ihre Blütenglocken aneinander, dass ihr leises Klingen in die Melodie der Lerchen einging. Die Halme, die ihre Aehrcn wie Kronen trugen, neigten sich im Rhythmus der Töne. Die Berge hüpften wie Lämmer, die Hügel wie junge Schafe. Die Wellen murmelten und weckten die Kiesel der Ufer zum /wiesang. Eine heilige Symphonie brauste durch di? Welt zum Takt, den die Herzen der Geschlechter schlugen. Und die Melodie ging in Elis Seele ein, dass sie schwang und sang in klingenden .Akkorden. Da war es plötzlich, als riefe aus weiter Ferne eine Stimme. Leise war die Stimme und milde, wie ein Lonzhauch des Paradieses: Gott sprach . . . Die Enge1! aber nahmen die Worte und banden sie auf die Melodie der Welt. Der Odem des Schöpfers trat in die Weise. Die Weihe glänzte darin. Und Wort und Melodie durchdrangen einander. Die Lerchen sangen die Worte des Liedes. Die Lichter funkelten die Worte des Liedes. Die Blüten dufteten die Worte des Liedes. Die Wellen flüsterten sie. Die Herzen aber pochten und pochten den Takt. . . . . , . Vom Rausche dieser seligen Minuten emporgetragen lauschte Eli in die Nacht. Die Uhr tickte laut in die Stille. Tick . . . Tack . . ., Tick . . . Tack . . ., Tick . .. Tack ... Er presste die Lider aneinander. Seine Hände waren gefaltet wie zum Gebete. Sie. lagen auf seinem Herzen, das stürmisch schlug. Er erfühlte den Rhythmus der dumpfen Schläge. .Aber seine Lippen bewegten sich. Sie sprechen glitzernde, klingende, würzig-süsse Worte. . . . Es war ein Lied . . . Es waren seine ersten Verse. Und ein Schauer durchrieselte ihn von einer Wonne, die er niemals noch empfunden. Sein .Antlitz versonnte sich zu einem Lächeln. Ein Hauch umspielte ihn, gleich dem Atem eines schlafenden Kindes, und glättete kosend die Furchen seiner Stirn. Die Schwere löste sich von seinem Körper. Und leicht war seine Seele geworden, als wie ein Blütenblatt, das über dem Silber des Waldsees schwebt im Sonunerwind. Die Seligkeit der Befreiung war in ihm. Er war der Angst befreit, die ihn zerriss. Aus seinen Sinnen wichen die grauen Gespenster, die ihn gehetzt hatten, so er die Ruhe wollte; die ihn an den Boden gedrängt, wenn die Schmeichlerblicke der Ferne ihn riefen.. Befreier und Befreiter zugleich: Er hatte das Lied befreit, das in ihm war, eh dass er geworden . . . Er sprach die WTorte wieder und wieder. Sie lagen auf seinen Lippen in der Glut und der Süsse des ersten Kusses junger Liebe. Jedes Wort hatte ihm den weichen Glanz von Falterflügeln und die Musik der Weihe und die Keuschheit von Knospen, die eben erst im Morgentau gesprungen. Und gleich Engelhänden, so die erdgelösten Seelen hintragen zu den Seelen der Gerechten, also weich und schwingend trug die Heiligkeit ein jedes Wort. Sie funkelten wie Sterne der Winternacht; Und Eli sprach die Worte in der Inbrunst der Andacht; denn nun wusste er, dass die Gnade des Herrn, die Ahnung des Schöpferwillens, ihm geworden. Er schlürfte die Gnade des Augenblickes, der reicher war denn all sein Erleben bis zu dieser Stunde und weiter als die Spanne der Zeil seines irdischen Wandels. Da war es. dass der Gedanke in seinen Rausch trat, die Worte festzuhalten. Dass sie ihm nimmer entrönnen. Aber der Gedanke schon schien ihm ein Frevel. Ein Frösteln kroch in seine Glieder. Entweihte er nicht den Segen der Stunde? Er wollte die Seh eu in sich niederbannen. Aber die Finger bebten wie im Fieber, da er die ersten Worte schrieb. Und es war ein Rhythmus in diesem Zittern: der Rhythmus seiner Seele, die der Rhythmus seiner \7erse war. Also hüpfte die Feder über die weisse Fläche, auf der nun die Köstlichkeit seines Schöpferglückes ruhen sollte. Aber die Worte legten sich nicht in das weisse Papier gar still hinein, als wär es ein Leichenbett. Sie sprangen und sangen und weckten mit ihrem Klingen junge Träume ....

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.