Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Sein erster Vers
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 883 - 884 (sequence 5)
- Language
- German
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883 Theodor Zlocisti: Sein erster Vers. 884- Still liegst du da. Ich stehe am Hügel. Mein Auge weint: Wach auf. Die Angst der Einsamkeit schwillt in mir und die Armut des Verlassenen. Sieh, ich vergehe in der Sehnsucht. Fern war ich, und ich suche dein brechendes Auge. Länder und Meere lagen zwischen uns. Ich suche deinen letzten Blick. Ich suche den Blick der Offenbarung. Ich sehne mich nach seiner Süsse, die süsser ist denn die Küsse der Liebenden. Ich rufe nach dem belebenden Segen deiner sterbenden Hände: Siehst du mich nicht? Du aber hebst das müde Lid. Und wehmütige Heiterkeit glänzt auf deinen Zügen. Hört ihr mich nicht, Schollen — ich höre euch. Siehst du mich nicht, Knabe — i c h sehe dich. Ich ging ein in das Ohr des Herrn, in das Auge des Schöpfers. Ich weiss euer Sehnen und Werden. Und gebe euch das Wort wie einen Trost ins Herz: Blicket auf zu den Sternen. Von dorther wird euch das Heil kommen. Eli stand am Ofen, die Augen fest geschlossen. Er lauschte den Worten, die in ihm sprachen, gleich in einem lohenden Dornenbusch. Und das Wort klang L, P1LICHOWSKI. PARIS. Kontraste. ferner-und ferner und ward zu inhaltlosen Akkorden, die auf und nieder stiegen und laut anschlugen, leise verhallten,und ihres Kommens und Schwindens Rhythmus war kein Ende, wie der Wogen des Meeres, die ans Gestade pochen. Von dem dunklen Untergrunde dieser Akkorde stiegen wie Lerchen von einem Stoppelfelde leise, süsse Klänge in die Höhe, und zarte Lichter schwangen in den Tönen mit und die verhauchten, weichen Farben des Frührots... Eli fühlte, wie ihn diese lichten Töne in den blauen Aether hinaufhoben, und sich wiegend und schwebend und schaukelnd in den seligen Klängen ward er selbst zum Klange und ganz Rhythmus. Da aber ballte sich dunkles Gewölk zusammen und stellte sich neidisch vor das Azur des Himmels. Und das Licht floh aus den Klängen, und schwer und müde ward der Rhythmus. Aus den Wolken sank ein neues Lied hernieder, und wie dürres Gras in das Geäst der Pappeln sich schlingt vom Winde emporgejagt, so umwand, umschlang und durchwirrto der schwere Sang der Wolke das lichte Lied und zog es tief und tiefer, bis dass es ganz zum schwarzen Erdreich niedersank. Aller Schwung zur jubelnden Höhe war gelähmt. Es konnte nimmer hüpfen, springen und lachen wie eine Walddrossel. Schwer war es, wie eine Wolke vordem Gewitter, das an die schwarze Schale der Erde dröhnend sehlägt und mit zuckender Fackel die Tiefen sucht. Und das graue Wolkenlied klagte immer lauter und lauter, bis dass es Eli aus dem wallenden Nebel seiner Träume riss. Eli schreckte zusammen. . . . Ein Kind weinte durch die Stille. Wohl im Nebenhaus. Aber die dünnen Wände sperrten dem Jammern und Schluchzen nicht den Weg. Aufgescheucht aus nächtlicher Ruhe wollten sie anderen die Ruhe nicht gönnen. Denn Neid und .Missgunst liegt in. dem gepressten Ziegel. Und das Kind weinte und weinte, und schien es selbst einmal, dass es müde wurde von allem Schreien, es war nur ein Atemschöpfen, ein Kräftesammeln. Lauter, wilder und ergrimmter fing das Weinen an. Der Schrei des Kindes umhallte Eli. Aber er brachte ihm keine Bitternis, wie sonst wohl, wenn ihn ein Lärm der Strasse aus Sinnen und Träumen riss und das friedevolle Gelände seiner Seele wie ein Sturzbach der Berge überschwemmte. Nicht wie Feinde kamen heut zu ihm die Töne des ihn umflutenden Lebens. Selbst ganz Ton und Rhythmus nahm seine Seele das Weinen des Kindes in sich au! gleich den Rinnsalen der Hügel, die sich den stürzenden Wcllon des Flusses vermählen. Das Kind weinte und weinte, und weinend weckte es ein Rild aus alten Tagen. Ein schwerer Schleier lag auf dem Rildc. Aber die klagenden Töne zerrten an dem hüllenden Gespinst, bis dass es niedersank. Ein Kind weinte. . . . Ein Knabe lag in seinem Rette. Und er hatte ganz Elis Züge. Nur die Furchen zogen sich nicht schwermütig um den Mund. Und die Stirn war licht, und Heiterkeit lag zwischen den Brauen. Ja, das war der junge, lachende Eli, der da im Bette lag und aufwachte, weil ein Kind weinte.