Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Sein erster Vers
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 881 - 882 (sequence 4)
- Language
- German
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S81 Theodor Zlocisü: Sein erster Vers. 882 an die bleiche Wand, die Starrheit der Finger zu lösen. Und dieweil er also dastand, den Rücken und das dichte, dunkle Haar dos Scheitels hineindrängend in die laue Wärme des Ofens, blickten Elis Augen zur Decke empor. Und den kleinen Rissen und Sprüngen in dorn kalkigen Anstrich folgend, die sich fanden und löston und \vi 'der ineinandersoh langen zu einem zarten Netzwerk, in dem von vielen Tagen das Leid und die Lust, so dieses Zimmer geborgen, sich verstrickt und der Hauch von stillen Träumen sich gefangen hatten, — in diesem Starren zur Decke kam das Einst in blassen Farben und verhaltenen Tönen zu ihm. Mählich erst sah er schärfere Umrisse, und in dem Klingen hörte er liebe alte Melodie. Und die Decke stieg höher und höher empor, also dass er das Netzwerk der Risse nicht mehr erkannte. Aus dem verschwimmenden grauen Blau griissten viel tausend Sterne herab, schöngezackte Storno, wie sie die unbeholfene Hand des Dorfmalers auf die Wölbimg der kleinen Tempel gemalt hatte. Wie ■oft hatte er zu diesen Sternen emporgeträumt und nach dem Geheimnis ihrer Zahl geforscht, bis dass der heisere, weinende Singsang des alten Kantors ihn nicht mehr von trocknen, dürren Lippen, sondern von der Höhe des Sterngcwimmcls zu treffen schien. Nicht berührt von der Ordnung der Gebete, von dem Auf und Nieder ihres Gehaltes, von der Inbrunst des Flehens dankbarer Ergebung und •demFrohgefühlderkommcndenGnatle,nicht berührt von dem Treiben und den Trieben der Menge hatte er seinem Sternengesang gelauscht. Sein Lauschen war ganz; Gebet, als der Schwärm der Beter hinausdrängte, der Vater leis berührt, um Elis versunken; in den jubelnden Sonnentag zu führen. Und Eli sc-hloss die Augen, die Sterne blasstcn und verschwammen ins Finstere. Er fühlte die weiche Hand seines Vaters auf der linken Schulter und sah zu ihm empor, dessen Blick ihn rief — nicht befehlend, nur streichelnd, bittend. Und tiefe Wehmut senkte sich auf Eli und durchsetzte ihn ganz, wis die Dämmerung, die von don Wolken herabsteigt, in den Zweigen sich fängt und langsam in die Schollen und die Ackerkrume eindringt. Ihm war, als müssten seine Lippen rufen: Vater! . . . Vater! Ein Ruf nach dem Glück der Kindertage, nach den stillen Worten, nach dem Blick mit seiner kosenden Lockung, nach den segnenden Händen. . . Und die Süsse der Erinnerung schlich in die Wehmut ein, wie ein verlorener Sonnenstrahlin ein Waldesdickicht. Ein niederer Hügel, weit draussen auf dem Felde der Toten.....Vber Amsel und Drossel singen ihr frohes Lied in den frohen Tag, und die Maiblüten schwingen ihre Glöcklcin, und die rote Buche winkt von dem Gezweige zu ihrem Schatten, und die L. PTLICHOWSKI. In Gedanken. PARIS. Und erst, hatte ihn Andacht icli die ewigen. Wundermären, des Blätter raunen Frühlings zu. . . . Wie liebtest du diese Märchen des Frühlings! Wir schritten oft durch das 'Gelände, wenn wieder zu den dunklen Schollen der Schöpf erruf des Herrn und der lächelnde Gruss der Sonne kam. Du hieltest mich an der Hand. Wir gingen schweigend und schlürften gierig den Odem der jungen Welt. Nun bliebst du lauschend stehen, dass dir das keimende Blatt sein Geheimnis verrate. Dir und mir. Du liebtest die Märchen und Geheimnisse dos Frühlings. Und da du das letzte Mal dich aufrichtetest und deine zitternden Arme die fiebernde Brust trugen, da lauschtest du in don Frühling hinaus, und deine Blicke suchten mich, den Freund deiner Wege— " So sprach es in Eli, und seine Lippen waren fest geschlossen. . . . Still liegst du da, und die Schollen trauern. Sie klagen: Werde-wach. Die Nacht sass auf deinem Hügel. Da ward die Brust dir schwer. Wir haben sie verscheucht- Schon will es in uns keimen. Uncl wir rufen das Ohr dos Lauschenden, des selig Geniessenden. Wir rufen deine Inbrunst.. Hörst du uns nicht?