Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 867 - 868

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Article
Die Pogrome in Süd-Wales
Date
1911-10-01
Page
Seite 867 - 868 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584016-2603512--12188-2603608
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SG7 Die Pogrome in Süd-Wales, ihre Ursachen und Wirkungen. 868 derungen stattfanden, wurden Protestmeetings abgehalten und einstimmig Resolutionen angenommen, in denen die Ausschreitungen in den schärfsten Ausdrücken verurteilt werden. An diesen Protestmeetings, die von der christlichen Bürgerschaft organisiert waren, beteiligten sich alle Parteien, von den Ultra-Konservativen bis zu den extrem Linken. Auch erklärten sich die lokalen Behörden bereit, den Juden einen Teil des erlittenen Schadens zu ersetzen, wiewohl sie dazu rechtlich gar nicht verhalten werden können. Der Schaden beläuft sich auf mehr als zwei Millionen Mark. Den grösseren Teil dieser Summe werden die christlichen Steuerzahler freiwillig aufbringen. Wenn es aber noch eines Beweises bedarf, dass die Pogrome in Süd-Wales von einer gewissen Diplomatie und nicht von der lokalen Bevölkerung ausgingen und dass sie von langer Hand vorbereitet waren, so liefern ihn die Kommentare derjenigen englischen Blätter, die gute Beziehungen zur russischen Botschaft in London unterhalten. Die „Times" z. B., statt die Pogrome zu verurteilen, waren niederträchtig genug, sie aus den Verhältnissen in Süd-Wales zu erklären. Die Juden hätten durch ihre gewissenlose Ausbeutung der Bevölkerung die Pogrome selbst verschuldet. Also ganz nach dem Muster der russischen Regierungspresse, die ja die Pogrome auch mit dem Hinweis auf das ökonomische Ausbeutungswerk der Juden zu rechtfertigen suchte. . . . Wieviel Wahrheit übrigens in diesen Beschuldigungen steckt, ist daraus zu ersehen, dass amtlichen Angaben gemäss die kleinen, von den Pogromen heimgesuchten Judengemeinden keinerlei wirtschaftliche Rolle spielen und dass die meisten Mitglieder der Gemeinden sich schlecht und recht vom Kleinhandel nähren. Nur wenige jüdische Familien in Süd-Wales haben es nach vierzigjähriger Arbeit zu einem kleinbürgerlichen Wohlstand gebracht. Die überwiegende Mehrzahl ist arm. Man bedenke auch noch, dass der Mob die Läden in fünf jüdischen Gemeinden in einem mehrtägigen Vernichtungswerk total ausplünderte und der Schaden doch nicht mehr als zwei Millionen Mark beträgt. Dabei war der grössere Teil der geplünderten Ware nicht einmal Eigentum der Juden, sondern entweder Kommissionsware oder wenigstens auf Kredit genommen. So sieht der Reichtum der Süd-Waleser Juden aus! Soweit die Ursachen der Pogrome. Betrachten wir nun kurz ihre voraussichtlichen moralischen und konkreten Wirkungen! England ist ein Land, in dem sich jeder Präzedenzfall bald zur Tradition verdichtet, wie sich ja auch der grösste Teil' des englischen Rechts auf Präzedenzfällen aufbaut. Bisher war kein Pogrom in England möglich, weil es keine diesbezügliche Tradition gab. Nun ist es leider dank den Bemühungen einer gewissen Diplomatie und einer gewissen Presse anders geworden. Die Bedeutung der Pogrome in Süd-Wales besteht nämlich nicht darin, dass fünf kleine Judengemeinden ökonomisch ruiniert worden sind, sondern darin, dass ein Präzedenzfall geschaffen ist. ...Die Tatsache, dass in England ei n :Pogrom stattgefunden hat, i s t;d a s grösste "Unglück, das die J u| d e n des zwanzigsten Jahrhunderts treffen konnte. England galt bisher als das Land der Freiheit und der religiösen Toleranz. Neben Italien war es das einzige Land: der Welt, in dem die Judenemanzipation ganz durchgeführt war. Und jetzt plötzlich ein: Beispiel für Pogrome! . . . Die „Nowoje Wremia" und mit ihr die ganze russische Regierungspresse jubeln denn auch. Wenn sich russische Staatsmänner bis jetzt vor England geschämt haben, jetzt haben sie es nicht mehr nötig! . . . Judenpogrome wirken überall demoralisierend auf das Volk. Man konnte das am besten in Russland sehen. Derjenige Teil der Bevölkerung, der sonst gar kein Verhältnis zum Judentum hat und sich um die Judenfrage gar nicht kümmert, wird aufmerksam und ist, da er gewöhnlich dem Einfluss einer korrupten Presse ausgesetzt ist, gar bald geneigt, die Pogrome mehr oder weniger zu rechtfertigen. In England kommt noch dazu, dass der nationalstolze Engländer nie zugeben wird, dass englische Arbeiter ohne Grund und Ursache unschuldige Bürger überfallen und ausrauben. . . . Also müssen es die Leute verdient haben. . . . Und s o w i rd der P o g ro m selbst, w e n n auch künstlich, erzeugt, z u r Q u e 11 e des Judenhasses werden. Der Antisemitismus aber bedeutet, nach der übereinstimmenden Meinung der massgebenden Männer der Politik und Wissenschaft im Lande, in England etwas weit S c h 1 i m ni e r e s f ü r die J u d e n a 1 s z. B. in Deutschland, denn keine englische Regierung, ob konservativ oder liberal, kann gegen die Volksmeinung regieren und das Volk besitzt eine absolute Kontrolle über die Regierung. Selbst in den achtziger Jahren, als die Wogen des deutschen Antisemitismus hochgingen, hat die deutsche Regierung mehr oder'weniger ihre Reserve bewahrt und nicht in allem dem Mob nachgegeben. In England ist so etwas einfach unmöglich. Leider beweisen die englischen Juden, resp. ihre Führer, — deren ,,englisch-nationaler" Stolz es ihnen nicht erlaubt, zuzugeben, dass die Pogrome in Süd-Wales wirklich gegen die Juden gerichtet waren, wiewohl ja drei Tage hintereinander an fünf verschiedenen Orten nur jüdische Läden geplündert wurden, und wiewohl die gesamte englische Presse von „Jevvish Pogroms" sprach, — dass sie der jetzigen Situation wenig gewachsen sind. Die ,Jewish Chronicle" hat die geradezu lächerliche Stellung, die die Führer der englischen Judenheit zu den Pogromen in Süd-Wales ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.