Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Die Pogrome in Süd-Wales
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 863 - 864 (sequence 2)
- Language
- German
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863 Die Pogrome in Süd-Wales, ihre Ursachen und Wirkungen 864 Summe belief sich auf rund vier Millionen Francs. . . . Jedes grössere französische Blatt erhielt von 40 000 bis 200 000 Francs. Vielleicht erfahren wir auch demnächst den Betrag, den die russische Regierung für ähnliche Zwecke in England ausbezahlt hat. . . . Solche Dinge pflegen ja nicht lange Geheimnis zu bleiben. Im Laufe der langen Untersuchung wegen des Hounsditcher Mordes stellte sich heraus, dass kein einziger der Beschuldigten ein Jude war. Uebrigens mussten Alle aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden. Zwei von ihnen, russische Christen, sind im berühmten „Sidney- Street-Kampf" gefallen. Der eigentliche Mörder und Anstifter, ,,Peter der Maler", konnte nie dingfest gemacht werden und spaziert wahrscheinlich noch heute im Londoner Westend als Gentleman- Spion herum. Jn Londoner massgebenden Kreisen sprach man offen von einer gegen Juden und Revolutionäre gerichteten Provokation der russischen Regierung. Und heute weiss jeder gebildete Engländer, was er über den Fall Hounsditch zu denken hat. Als der allzu plumpe Streich dermassen misslungen war, kam plötzlich wieder etwas anderes. Eines schönen Morgens bekamen die Engländer in den ,,Times", „der ersten Zeitung Europas", zu lesen, dass die türkischen Juden die armenischen Metzeleien und albanischen Unterdrückungen auf dem Gewissen hätten und dass sie allein für das in der Türkei seit Jahren vergossene Blut verantwortlich seien. Der Konstantinopeler und der Wiener ,,Times"-Korrespondent waren die Verfasser des merkwürdigen Artikels. Freilich entdeckte nun die liberale Presse, und insbesondere die ,,Daily News", dass hinter diesen zwrei Korrespondenten der Dragoman an der englischen Botschaft in Konstantinopel, Fitzmaurice, steht, der zu der russischen Botschaft in Konstantinopel gute Beziehungen unterhält.... Aber die ,,Times1' Hessen sich nicht anfechten, sondern setzen ihre Arbeit ruhig fort. Seit ungefähr zwei Monaten drucken sie tagtäglich die niederträchtigsten Veiieumdungsartikel über die türkischen Juden. Alle Proteste und Gegenbeweise des Dr.. Gaster, des gelehrten Chachams der sephardischen Gemeinde in London, der Salonikier jüdischen Gemeinde und der „Alliance Israelite Universelle",1) die dokumentarisch nachwies, dass die gegen die türkischen Juden gerichteten Beschuldigungen Lügengewebe seien, nützten wenig oder nichts. Nachdem sie alle Erwiderungen veröffentlicht hatten, nahmen die „Times" in einem langen redaktionellen Artikel selbst zu der Frage Stellung und — bestätigten, ohne auf die Erwiderungen einzugehen, die Verleumdungen ihrer Wiener und Konstantinopeler Korrespondenten. Es half auch nichts, als die Wiener „Zeit", auf die sich der ,,Times"-Korrespondent in seinen l) Siehe „Die Alliance Israelite Universeile an die Times, London" auf Seite 907/908 dieses Heftes. Anklagen gegen die Juden berufen hatte, telegraphisch verbreitete, dass der „Times"-Mann ihr Worte unterschoben, die sie niemals gebrauchte, und Artikel zitiert habe, die niemals in der „Zeit" gedruckt waren. Die „Times" - Redaktion war weiter unverschämt genug, die antisemitischen Märchen ihrer sehr zweifelhaften Hintermänner für Tatsachen auszugeben. Und der Zweck dieser „Times"-Kampagne, dieser an Stöcker und Drumond gemahnenden Anschuldigung, dass die türkischen Juden Volk gegen Volk hetzen, um daraus ökonomische Vorteile zu ziehen? Nun, ganz einfach, man wollte, da der Antisemitismus in England doch noch nicht so fortgeschritten ist, als dass sich eine Zeitung wie die „Times" erlauben könnte, offen gegen die Juden schlechthin zu hetzen, auf dem Umwege über die „türkischen Juden" die ganze jüdische Gesamtheit treffen. Und wirklich fanden sich ja auch bald genug griechische und andere Schmarotzer, die in den „Times" die Beschuldigungen gegen die türkischen Juden bestätigten und so nebenbei die Juden als Gesamtheit befehdeten. Natürlich nahm die ganze englische Presse von dem antisemitischen Feldzug der ,,Times" Notiz, — entweder zustimmend oder widersprechend........Dabei sprach es sich ordentlich herum, dass die Juden Betrüger sind, die Völker gegen einander verhetzen, um sich selbst zu bereichern, vaterlandslos sind und nur auf ihre eigenen Interessen achten. Und da die Stimmung, die die Hounsditch-Affäre hervorgerufen hatte, noch nachzitterte, insbesondere in den untersten Volksschichten, gab das Treiben der „Times" der judenfeindüchen Bewegung einen neuen Anstoss, und ist so für die Vorkommnisse in Wales mitverantwortlich. Freilich haben diese auch noch andere Ursachen. Es ist viel bemerkt worden, dass die Pogrome in fünf verschiedenen Städten gleichzeitig ausbrachen und dreimal wiederholt wurden. Ebenso, dass die Plünderer nur jüdische Läden heraussuchten und demolierten, obwohl sich diese nicht alle im selben Viertel befanden, sondern über verschiedene Distrikte zerstreut waren. Auch sind die Juden in Tredegar und in anderen Städten mehrfach vor den bevorstehenden Plünderungen gewarnt worden. Das ist eine Tatsache, die a n1ä s s 1 i c h d e r ersten V e r n e h m ungen i n den v o n d en. Pogromen heimgesuchte n Städten von vielen Personen eidlich bekundet \v u r d c. Aus alledem aber geht hervor, dass die Pog r o m ein S ü d -Wales von lange r Hand vorbereitet und organisiert w a r e n. Dass nicht die Bevölkerung von Süd-Wales selbst für die Pogrome verantwortlich gemacht werden kann, geht schon aus ihrer Stellungnahme zu den Pogromen hervor. In allen Orten, wo Judenplün-