Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Die neuesten Arbeiten Leopold Pilichowski's
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 857 - 858 (sequence 3)
- Language
- German
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S57 NahumSokolow: Die neuesten Arbeiten Leopold Pilichowski's. S5S L. PILICHOWSKI; PARIS. Bildnis. ■gibt sich im Gebet einen Ausdruck, wodurch das unsichtbar' verborgene nationale Leben in die Erscheinung tritt und zur Darstellung kommt. Diese betenden Juden sind nach allen Richtungen Einzelg-.'Stalton; sie sind aber zugleich auch das betende Volk. Dir? Aufgabe des Künstlers ist es ja. den ganzen Menschen in seinem innersten Wesen zu erfassen und dieses frei von dem Schleier, den die materielle Wirklichkeit über die Erscheinung breitet, darzustellen. Es gilt ja, das Bild des Individuums von innen heraus nachzuahmen. Aber zu gleicher Zeit muss das Individuum auch als Typus dienen können. Damit ist nun die Notwendigkeit einer künstlerischen Tätigkeitohne weiteres gegeben. Für mich ist der betende Jude an sich (ohne irgend welche Akzessorien) eine Kunstl'oi'in. Denn in demselben Masse, als die Idee und die Erscheinung sich decken, und die Idee aus der Darstellung mit zwingender Gewalt sich dem Schauenden oder Hörenden zum Bewiisstsein bringt, in demselben Masse ist die Erscheinung eine Kunstform. Die Schönheit der Kunstform liegt in der vollendeten Einheit von Idee und Erscheinung. Diese betenden Juden sind viel schöner als all die dekorativen Zeremonien eines reichen Kultus. Hier ist eine Andacht, die zwischen Bangigkeit und Hoffnung schwankt; hier ist eine Ahnung, ein visionäres Schauen, eine inbrünstige Ekstase. Niemand kann das „Abba" so rufen . . . Pilichowski ist der fruchtbarste Maler dieser betenden Juden. Sie bilden für unseren Künstler eine unerschöpfliche Quelle, aus der er immer mehr aufs geistreichste zu schöpfen versteht, stets neue Seiten entdeckend. Der Wert seiner Einzelleistungen ist verschieden, aber ohne jede Uebertreibung darf man wohl von allen sagen, dass hier der Künstler seine eigene Handschrift schreibt, die man auf hundert Sehritte mit unfehlbarer Sicherheit erkennt. Der bekannte Heraklitsche Satz, der Gegensatz sei das Prinzip der Entwicklung, kam in der Wahl der Sujets.zur Geltung, die Pilichowski in den allerletzten Jahren beschäftigt haben: eine Szene aus einer jüdischen Hochzeit und — der jüdische Tod. Nur ein sicherer Beobachter des Lebens, der zugleich seiner Ausdrucksmittel gewiss ist, vermochte eine Genre-Szene, wie der Besuch der Hochzeitsgjistc beim Bräutigam vor der Trauung, so überzeugend zur Anschauung zu bringen, wie es auf diesem Bilde geschehen ist. Man hört schier die . Konversalion, die halblaut geführt wird, bevor der schwatzhaft ulkige Lustigmacher, der Badchon, seine halb witzelndn halb moralisierende Rede beginnt. Der Rabbiner trägt eine unerschütterliche Würde zur Schau; er ist nur Gast, doch bildet er den Mittelpunkt des Ganzen. Der schüchterne Bräutigam verbirgt sein hoffendes Glück, sein bangendes Beijen, indem er sein Antlitz L. PILICHOWSKI. PARIS. Bildnis.