Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Die neuesten Arbeiten Leopold Pilichowski's
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 859 - 860 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584006-2584016-2603506--12173-2603604- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
859 Xahum Sokolow: Pie neuesten Arbeiten Leopold Pilichovski's. 860 verschämt und andächtig bedeckt. Er steht an der Schwollo eines neuen Lebens und empfindet das Weh der Trennung. Rechts und links die Gäste, die ehrenhaften Bale-Batim, die N'gidim des Städtchens. Die Figuren sind lebenswahr und differenziert; die Abbildung, die den Eindruck macht, als ob des Guten zuviel darauf sei, gibt nur einen schwachen Begriff von der Schönheit des färben frischen Originals, auf dem neben der .Mengt! der Figuren auch das Problem der notwendigen Gleichartigkeit der Stimmung in dieser Gemeinschaft von Individuen glücklich gelöst ist. Ein Affekt freudiger Rührung, eine selbstvergnügte Feierlichkeit, eine Lust, die im Grunde das Bewusstsein einer Machtserhöhimg ist, findet hier den richtigen Ausdruck. Auch liier sind ja die Juden unter sich mit ihrem Rabbiner, mit dem Bräutigam, der ,,einem König gleich ist", mit ihrem Humoristen. Es sieht sich ausserordentlich heiter an. Tiefsinnig und symbolisch hingegen ist der jüdische Tod. Dieses Heimgehen zum l.Tgrund der Dinge in der Gestalt des jüdischen Todes, so einfach, die gewickelte Leiche düsterschwer auf dem Roden, liegend, wie ein bleierner Schatten eines '•gelebton Lebens, wie eine erstarrte Form, eine Sphinx — und der „Sehomer", als realer Gegensalz des Lebens neben dieser Form, die brennende Kerze, am Haupt der Leiche und das hereinströmenclo Licht von aussen — all dies ist geeignet, Rogungenauszulösen,die eine Reihe visionärer Zustände mit sich führen. Die Studien zu diesem Motiv haben den Künstler einige Jahre beschäftigt, in denen er nicht müde wurde, Skizzen zu zeichnen und wieder zu zeichnen, bis er dann die Fähigkeit hatte, in dieser aphoristischen Darstellung das Problem des Ineinanclei'wii'kens des furchtbaren Realismus des Todes mit dein sich nach aussen sehnenden müden, verzückt sich neigenden "Wächter in einem Wurf zu meistern. Das schauer- und stimmungsvolle Bild zeichnet sieh durch eine wundervolle Geschlossenheit der Komposition aus. Ich weiss nicht, ob dieses Bild geeignet ist, populär zu werden; aber es ergreift tief jeden denkenden Beobachter. Es ist keine blosse Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern wächst über sie weit hinaus. Die Kunst macht uns auch mit dem Bilde des Todes vertraut. Die Kunst versöhnt. 3m Rahmen des Kunstwerkes scheint der Tod so natürlich. Die grossen Schmerzen verlieren dadurch, dass sie im Kunstwerke Gestalt gewinnen, ihren Stachel. Das Tote wird lebendig, und Vergangenheit zu ewiger Gegenwart. So seilen wir unseren Pilichowski nach allen Richtungen ringend und schaffend. Von Paris, wo er seinen festen Wohnsitz hat, macht er von Zeit zu Zeit Ausflüge nach dem Schattenreich seiner Ghettoheimat. Ein jeweiliger Aufenthalt in Polen ist ihm zum unabweislichen Bedürfnis geworden, um neue Stoffe für seine Schöpfungen zu sammeln. Jeder Ausflug ergibt eine reiche Beute. Von den letzten Reisen hat .er eben die erwähnten Arbeiten oder die Skizzen und die Stoffe mitgebracht. Aber das ist nicht alles. Meies, noch sehr vieles erwarten wir von unserem strebenden, unermüdlichen Künstler. Wir haben in letzter Zeit auf diesem Gebiete ungeheure Verluste erlitten und wir müssen an die Lebenden desto grössere Hoffnungen knüpfen. Sie müssen alle herhalten, um die Lücken zu fidlen und die Anlange unserer Kunsttätigkeit weiter zu entwickeln. Denn die Kunst muss fruchtbar gemacht werden für unser Sein und Wirken, für alle Probleme unseres Lebens. I^M;^' . ' Iii: lMLlCIlOWSKJ. Violinvirtuose Prof. Pawel Kochanski. PARI?.