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Ost und West · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 855 - 856

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Article
Die neuesten Arbeiten Leopold Pilichowski's
Date
1911-10-01
Page
Seite 855 - 856 (sequence 2)
Language
German
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855 Xahum Sokolow: Die neuesten Arbeiten Leopold Pilichowski's. 856 eine wohlwollend freundliche Anerkennung gefunden, clor ihm. am meisten zusagende Gegenstand der Darstellung sei die Poesie der Nacht,■ dann \vandlc sich seine leithafte Natur anderen Gebieten zu, auf denen die Entwickhins;' eines feinen, modernen Geschmacks in intimen Wendungen zutage tritt. Es wäre aber ein Irrtum, Piliehowski als einen „fliegenden IIollfmder''*' zu betrachten. Dieser vielseitige Aluler Ii a t sein Zentrum. Das Gebiet, welches er sich zu seiner speziellen Domäne erkor, ist das Leben der polnischen Juden. In dieser schwer erkämpften Domäne wurzelt er fest und fester. Alles andere bildet die Peripherie seiner Kunst. Er ist weit entfernt davon, ein ausschliesslicher Ghetto-Maler zu sein, er versteht es, dankbare und reizvolle Gegenstände seines künstlerischen Wirkens überall aufzufinden und seinen Gesichtskreis unermüdlich zu erweitern, aber mit Vorliebe pflegt er doch die jüdischen Sujets, und diese. Seite seiner Tätigkeit ist es auch, die uns besonders interosisort. Piliehowski folgt dem Wesen des polnischen Juden bis in die geheimsten Fasern seines innersten Daseins und umkleidet es mit dem Zauber seiner Gefühlswelt. Djr lyrische Stimmungsgehalt ist darum auch all seinen Schöpfungen gemeinsam, und ihr llauptreiz basiert im wesentlichen auf dem Geheimnis der Verbindung einer realistischen Wiedergabe des Lebens mit einem vornehmen Idealismus. Bezeichnend hierfür sind ..Die müden Wanderer" Pilichowski's. Dieses Bild in seiner ungosuehten Schlichtheit, in allen Formaten nachgebildet und vervielfältigt, hat eine unverwüstliche Probehalligkeit L. PILICHOWSKT. PARIS. Bildnis. bewiesen und die grössto Popularität gewonnen, so dass es nur zu oft ohne den Namen des Künstlers zu linden ist. Dieses Bild zählt zu den unverfänglichsten Perlon seiner klagenden, den Beschauer ganz gefangennehmenden Kunst. Ein Gegenstück bildet der blühende jauchzende, duftvolle „Sman Ssyinchati'nu" mit den patriarchalischen Gestalten, beim Segen des „Lulab" und ,,Essrog", an einer Idylle, voll Natursinn und zugleich erhöhter Andacht, festgehalten. So sind die meisten Judongostalfen Pilichowskis. Zumeist sehen wir sie entweder während dos Gebets, oder leidend — im Goluth. Es ist nicht Zufall, dass Piliehowski immer und immer wieder zu den betenden Juden zurückkehrt. Bei den betenden Juden, die wir hier sehen, handelt es sich nicht um das Boten, sondern um die Form vollkommener Subjektivität. Alles wahre Leben beruht auf dem inneren Vermögen, sich selbst nach Willkür zu bestimmen. Das stete, bleibende Sichfühlen des Subjekts in der Gesamtheit seiner besonderen Gefühle und Stimmungen — das ist Wahrheit und Leben zugleich. Deshalb ist der betende Jude auch der eigenartigste. Bei jeder anderen Funktion trübt irgend ein äusserer Einfluss diese Originalität: hier ist der Jude frei und gibt sich wie er ist. Dieses Handeln des vom Glauben erfüllten Herzens ist durchaus der unmittelbare Ausdruck des vorhandenen selbsttätigen Lebens. Es will nicht etwas wirken, sondern will kraft innerer Notwendigkeit das bereits vorhandene innere Leben zum Ausdruck bringen. Es tritt nicht in die Erscheinung wie etwa der Gottesdienst anderer Religionen als geordnete Einrichtung, sondern zunächst durch das Einzelleben, das bereits vorhanden ist und sich auswirkt. Dieses Boten, von einer gesteigerten Ekstase begleitet, dieses jüdische Beton, bei dem „das geängstete und zerschlagene I lorz" als das rechte Opfer betont wird ( Ps. 51, 19), die Kawänali dieses jüdischen Betons, die Suche des innersten Gefühlslebens ist, wird in den Typen der betenden Juden Pilichowskis in einer Forin dargestellt, deren Harmonie nur von einem seelisch tiefen Künstlerauge erfasst werden kann. .Mich interessiert hier weniger das Malerische, als das Genre. Piliehowski ist unbedingt Meistor in der Zeichnung und hat das. feinste Gefühl für eine rhythmische Schönheit der Linien und eine harmonische Ausgestaltung seiner Kompositionen; koloristisch würden gewiss andere Maler andereTöne hineinbringen. Aber eins ist sicher: Piliehowski rodet zu uns hier in machtvollem Pathos, sein Streben gel.it auf Innigkeit und Tiefe des Ausdrucks, auf Adel und Wahrheit der Form. Diese betenden Juden sind nicht nur die subjektiv wahren, in sich gekehrten, ich möchte fast sagen: anthropozentrisch empfindenden polnischen Juden; sie verkörpern auch das national-religiöse Phänomen dos Juden. Das jüdische Boten ist das unmittelbare Aufgehen der eigenen Persönlichkeit nicht nur in der des Gottes, sondern auch des gesamten jüdischen Volkstums. Der Jude botet nicht für sich; er betet in Pluralform für sein ganzes Volk. Die Volksgemeinschaft

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