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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 795 - 796

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Eine Ritualmord-Beschuldigung in Kiew
Date
1911-08-01
Page
Seite 795 - 796 (sequence 4)
Language
German
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795 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Ivussland. 796 näher prüfen. Ernsthaft lässt sich ja die Tatsache nicht behaupten, dass es eine jüdische Sekte gibt, die Christenblut braucht und die den jungen Juschtschinski ermordet hätte. Eine solche Interpellation konnte nur von Leuten eingebracht werden, die sieh eine Ehre daraus machen, ihren Nächsten zu hassen. Und sie sind es, die von uns den Beweis verlangen, dass es keine Ritualmorde gibt. Die Reichsduma scheint das einzige Parlament zu sein, in dem man eine genügende Anzahl von Unterzeichnern für eine Interpellation dieser Art zusammenbringen konnte und in dem behauptet werden darf, dass die Verpflichtung des Beweises denen obliegt, die die Existenz jeglicher Sekte bestreiten. Als im Jahre 1900 der deutsche Antisemit Herzberg den Einfall hatte, die Regierung wegen der Massnahmen zu interpellieren, die sie treffen wollte, um. die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die an christlichen Kindern begangenen Morde nicht von den Juden zu Ritual zwecken verursacht worden wären, hat er — und dies sei zur Ehre des deutschen Parlaments gesagt — nicht die erforderlichen zwanzig Unterschriften erhalten können. Uebrigens sind auch bei uns hier die letzten Unterschriften unleserlich gewesen, und das tröstet mich ein wenig. Man unterschreibt ja so eine Interpellation, aber man sorgt dafür, dass die Unterschrift unleserlich bleibt. Was steht denn überhaupt darin? Dass seit ungefähr 150 Jahren eine Sekte von Chassidim besteht, die man einer Schuld bezichtigt, die vorher schon den Christen vorgeworfen worden war. Hier habe ich eine Stelle aus Gibbon, der erzählt, dass Tacitus und Plinius der Jüngere die Christen der Menschenfresserei beschuldigen und class man von dem Märtyrer Justin das Geständnis über die Vorwondung von Heidenblut seitens der Christen entrissen hat. Diese Beschuldigung haben die Christen dann auf die Juden übertragen. Nur haben seit Gregor IX. verschiedene Päpste, polnische Könige und selbst Alexander I. den Befehl erlassen, Beschuldigungen dieser Art keine Folge zu geben. Im Jahre 1S70 erliess der griechische Patriarch von Konstantinopel ein Rundschreiben, in dem er den Aberglauben des Ritual mords als widerwärtig bezeichnete. Und auch wir müssen gestehen, class dieser falsche Gedanke uns nur Ekel und Widerwillen erregt. Es ist ein Vorurteil für beschränkte Leute, die in ihrem Glauben nicht feststehen: denn wir setzen voraus, dass jeder fromme Christ eine bessere Meinimg von seinen jüdischen Mitbürgern haben müsste. Weder das von Mose gegebene Gesetz, noch die heutige soziale Entwicklung der Juden, noch ihre natürliche Sanftmut rechtfertigen solchen Argwohn. (Lachen rechts.) Lachen Sie, meine Herren; unter Nero haben die echt römischen Männer auch gelacht. (Anhaltender Beifall.) Ich muss jedenfalls darauf aufmerksam machen, dass in den letzten Jahren jedesmal, wo ein Mitglied des „Verbandes der russischen Männer"' im Winter hier einen Pogrom vorausgesagt hatte, man im Frühjahr, kurz vor Ostern, einen Ritualmord entdeckte. In Ihrer Interpellation ist von einer Grabschrift am Grabe eines Christenknaben die Rede, der von Juden getötet worden ist. Wenn nun auch die Juden anfingen, alle Steine auf den Gräbern ihrer Frauen und Kinder vorzuweisen, die ihnen von den Christen hingemordet worden sind! Wenn auch sie die Errichtung von Grabmülcrn verlangen würden, die ein ganzes Volk anklagen, etwa in folgender Form: .Hier liegen alle Juden begraben, die von den Christen getötet worden sind!' Wenn Interpellationen in der Art der vorliegenden überhaupt gestattet sind — müssten dann nicht alle, denen Menschenleben teuer sind, den Justizminister über die Existenz einer Sekte russischer Männer interpellieren, die — schlimmer als im Mittelalter — den Mord an einem Juden für erlaubt und selbst für wohlgefällig betrachtet'? Sollte dem Minister diese Sekte unbekannt sein, die für diesen Zweck Beiträge sammelt und auch bekommt? Sollte ihm ferner nicht bekannt sein, class diese Sekte sich besonders mit der Verbreitung der Beschuldigung beschäftigt, class die Juden Christenblut verwenden? Erinnern Sie sich, class man seit zehn Jahren Pogrome organisiert hat, und class stets die berühmte Rituahuordbcschuldigung ihr Ausgangspunkt gewesen ist. Erinnern Sie sich an den Fall in Wilna, der nur den Zweck hatte, Erpressungen an den. Juden zu üben — denn es ist ausserordentlich leicht, sich selbst am Hals zu verwunden und dann die anderen zu beschuldigen. Denunziation und Pogrom — eines ist des anderen wert. Die Duma sollte darüber nachdenken, wie derartige Anomalien künftig zu verhindern wären. Ihre Würde verträgt sich nicht mit Vorurteilen, die man vor 500 Jahren mit Unwissenheit entschuldigen konnte, die aber heute nur das Ergebnis von Verleumdungen sind und keinen anderen Zweck haben, als die Aufreizung der Volksmenge zu Porgrom und Massenmord! Im Namen der russischen Volkswürde muss die Interpellation abgelehnt werden. Im zwanzigsten Jahrhundert können solche Worte vielleicht an eine Bande von Aufruhrern gerichtet worden, aber nicht an eine Versammlung von Volksvertretern." Markow II hält eine lange Rede. Er erklärt die Ursache der von den Heiden gegen die Christen erhobenen Beschuldigung mit der Hypothese, dass die Christen von ihnen als eine jüdische Sekte angesehen worden sind. ,,Die Regierung handelt gegen das Gesetz, wenn sie den Ritualmord als individuelles Verbrechen und nicht als Ergebnis der von der ganzen Sekte gewollten Vergehens beurteilt. Man sagt uns, die Untersuchung befinde sich in sicheren Händen. Aber nein! Wie soll man Vertrauen, zu einem Staatsanwalt haben, der von den Behörden verlangt, dass sie die öffentliche Gedenkfeier für einen Märtyrer verbieten? Nachdem man ihn körperlich umgebracht hat, wird er so auch noch religiös gemordet. Heimliche Gewalten verhindern die Ergreifung der jüdischen Mörder: anstatt rechtzeitig in den Synagogen nach den Blutspuren zu forschen, verhaftet man die eigene Mutter des Opfers. Das russische Volk ist übrigens so vollständig von der Existenz des Ritualmords überzeugt, dass jede Mutter ihre Kinder vor der .Annäherung an Juden warnt. Aber die Macht ist an das goldene Kalb verkauft! Man hat hier von Pogromen gesprochen; aber wir selbst haben seit 190(3 die Pogrome verhindert. Wenn Sic jedoch nicht Gerechtigkeit walten lassen, wenn die Verbrecher nicht bestraft werden, so wird es an dem. Tage, da das russische Volk sich überzeugt, dass es kein Mittel gibt, einen Juden wogen Ermordung eines russischen Kindes zu bestrafen, wirkliche Pogrome geben. Und nicht wir werden sie provoziert haben, und sie werden nicht so sanft verlaufen wie die früheren — man wird sich nicht damit begnügen, die Federn aus den Kopfkissen zu schütteln, sondern man wird die Juden bis zum letzten totschlagen!" Herr F r i e d m a n n nimmt das Wort, um seine Abstimmung zu begründen. Die vorliegende Inter-

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