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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 793 - 794

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Eine Ritualmord-Beschuldigung in Kiew
Date
1911-08-01
Page
Seite 793 - 794 (sequence 3)
Language
German
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703 Mitteilungen der Alliunce Lsraelitc Universelle: Die Israeliten in Russlaml. 794 versucht immer, sich zu rechtfertigen. Beweisen Sic uns hier auf der Stelle, dass wir lügen, und kein Mensch wird mehr zu behaupten wagen, dass die Juden zu rituellen Zwecken töten ..." „Aber hat nicht selbst der jüdische Abgeordnete Nisselowitsch vor Eintritt in diesen Saal in den Wandelgängen behauptet, dass es unter den Juden Fanatiker gelten kann. (Nisselowitsch protestiert: Das ist nicht wahr, was Sie eben behaupten!) Doch, es ist wahr! Und wenn diese Fanatiker vorhanden sind, klagen Sio sie doch an, bezeichnen Sie sie! Geben wir Russen uns nicht auch alle Mühe, eine Reihe von Sekten zu vernichten, die dem Staat und der Kirche gleich feindlich gegenüberstehen. Warum also fliese grosse Entrüstung, wenn wir von einer jüdischen Sekte sprechen? Wieviel lieber würde ich glauben, dass es sich nur um eine Sekte handelt, aber die Dokumente des Fürsten Galitzin zeigen uns, dass alle .luden sich dieses Verbrechens schuldig machen. Ich bitte Sie, kommen Sie der Justiz zu Hilfe. ..Wir haben ja alle Kinder, und wer kann wissen, iil.» nicht auch sie an einem der künftigen Osterfeste das Schicksal des Juschtschinski treffen mag? Das Volk muss wissen, ob die Duma im Schlepptau der Herren Roditschew, Friedmann und Nisselowitsch geht, ob es eine jüdische oder eine russische Duma ist." •«••; S cliubin s'k i (Oktobrist der Rechten): Der liedner erklärt sich gegen die Dringlichkeit. Das Zentrum der Duma, das die Dinge objektiv beurteilt, ist der Ansicht, dass noch niemals eine weniger begründete Interpellation der Duma vorgelegen hat; das ist der Hauptgrund für die Ablehnung der Dringlichkeit. Wie oft ist liier schon der Grundsatz ausgesprochen worden, dass in Angelegenheiton, die die Gerichte beschäftigen, die Duma nicht einzugreifen habe. Man warte doch das Ergebnis der Untersuchung ab. Der Redner wird gegen die Ueberweisung an eine Kommission stimmen, bevor nicht die Untersuchung abgeschlossen ist. Aus Hochachtung vor der Justiz will er auch auf die Sache selbst nicht eingehen. Die Frage des Ritualmords ist eine der meist bestrittenen und seit Menschengedenken ist kein Ritualmord bewiesen worden; immer haben sich religiöse Leidenschaften eingemischt und ein unparteiisches Urteil verhindert. Einzig die Justiz, für die es weder Hellene noch Jude gibt, weicht vor den Schwierigkeiten nicht zurück. Ausserdem würde die Justiz niemals dieses oder ein anderes Verbrechen irgendeiner Gesamtheit unterstellen, sie kennt nur Individuen. Man respektiere also diese Tribüne, die nur für das Wohl des Volkes geschaffen worden ist und mache sie nicht zu einem Kampfplatz der Agitation. :\ i s s e 1 o w i t s c h (besteigt die Tribüne mit einem Buch in der Hand. Zuruf: Aha, der Talmud!): „Nein, das ist nicht der Talmud, es ist ein Band Liutostanski (bekannter Antisemit). Ich werde Ihnen eine Stelle daraus vorlesen, die Ihnen beweisen, mag, dass die in der .Semschtschina'' wiedergegebenen Einzelheiten über den Mord an dem kleinen Juschtschinski in Wirklichkeit nur eine Abschrift des vor langer Zeit Geschriebenen sind. Denn diese Beschuldigung stammt aus dem Mittelalter und ist bereits in einer päpstlichen Ihtlle vom Jahre 1235 verurteilt worden. Wenn ich nochmals darauf zurückkomme, so geschieht es, weil Purischkewitsch eben von mir behauptet hat, ich hätte in den Wandelgängen der Kammer das Vorhandensein einer jüdischen Sekte zugegeben, bei der solche Attentate gebräuchlich sind. Es ist eigentlich überflüssig, darauf zu antworten, dass seine Behauptung erlogen ist, ebenso erlogen wie die Behauptung des Ritualmord-Verbrechens, das man gemeinhin dem Juden zuschreibt. Sie dürfen mir indessen glauben, dass ich nicht hergekommen bin, um die Juden gegen eine Beschuldigung zu verteidigen, die aus dem 12. Jahrhundert stammt und die schon vor dieser Zeit gegen die Christen gelichtet worden war. Diese Beschuldigung ist eine ganz besondere Schande für das Christentum. Wie kann man dergleichen auch nur einen Augenblick den Juden zumuten, denen die heiligen Schriften die Verwendung des Blutes, ja selbst die Verwendung eines mit Blut befleckten Eies verbieten. Es ist unter meiner Würde und unter der Würde aller Israeliten, auf eine so dumme Anschuldigung zu antworten. Ausserdem haben es schon andere, Fürsten und Päpste, für uns getan. Ich spreche davon nur, um zu zeigen, wie weit die Verirrungen unserer Feinde schon gelangt sind: nachdem sie das Judentum als Ganzes nicht mehr beschuldigen können, entdecken sie jetzt eine Sekte und fragen die Minister, ob sie deren Vorhandensein kennen. Ich wende mich an die Bischöfe und an die Priester, die hier in dieser Versammlung sitzen, und frage sie. ob sie Kenntnis davon haben und ob sie auf Ehre und Gewissen erklären können, dass eine solche Sekte bei den Juden existiert? Nein, also woher sollen die Minister etwas wissen, was Ihnen, den Theologen, unbekannt ist? Die Ankläger aber hat schon Gregor IX. stigmatisiert, indem er sie als Leute bezeichnete, ,,cUV nach dem Golde der Juden gieren", denn auch liier ziehen Sie aus diesem Fall Nutzen, um die Leidenschaften aufzureizen und einen Pogrom, vorzubereiten. Beachten Sie einmal den Gang der Ereignisse. Der Mord ist vor 2 Monaten, am 12. März, verübt worden. Am 14. März erschien in der Zeitung ,,Semschtschina*' der ei'ste Bericht über dieses Ereignis. Man hat einen ganzen Monat gebraucht, um die Sache aufzunehmen und die Juden nach der Formel des Liutostanskischen Buches des Ritualmords zu bezichtigen. Aber schon sehr bald haben der Chirurg Professor Obolenski und der Untersuchungsrichter die Angaben dieses Artikels dementiert. Selbst Sanenko, auf den Menschikow sich beruft, hat alle Behauptungen des letzteren energisch bestritten. In Wirklichkeit haben Sie keinen anderen Zweck, als durch Ihre Organe die Volksmassen zur Organisierung von Pogromen aufzuhetzen. Auf dem Kirchhof zu Kiew wurde ein Flugblatt folgenden Inhalts verteilt: .Orthodoxe Christen! Die Juden haben den jungen Andreas Juschtschinski umgebracht. Alljährlich ermorden die Juden zu ihrem Passahfeste ein paar Dutzend Christenkinder und verwenden deren ßlut zur Mazza als Erinnerung an die Passion des Heilands, den sie gekreuzigt haben. Die Gerichtsärzte haben festgestellt, dass Juschtschinski gemartert, nackt ausgezogen wurde und dass man ihm die grosse Ader geöffnet hat, um möglichst viel Blut herauszuziehen. Die Juden haben 50 Einschnitte in seinen Körper gemacht. Russen, wenn ihr eure Kinder liebt , schlagt die Juden tot, so lange noch ein einziger in Russland bleibt. Habt Mitleid mit euren Kindern! Rächet die Martern! Es ist höchste Zeit!*' Dieser Aufruf zum Pogrom dient der vorliegenden Interpellation zur Unterlage. Ich bin überzeugt, dass die Kommission Ihre Interpellation ablehnen wird, und jeder Mann von Ehre wird dasselbe tun.*' Roditschew (Kadettenführer): „Auch ich bin gegen die Dringlichkeit, wie ich gegen die Interpellation selbst bin. Wir wollen sie trotzdem etwas

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