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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 791 - 792

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Eine Ritualmord-Beschuldigung in Kiew
Date
1911-08-01
Page
Seite 791 - 792 (sequence 2)
Language
German
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791 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: I>ie Israeliten in Uussland. 792 direktor Ziadow aus dein Justizministerium zur Untersuchung des Falles nach Kiew geschickt. Angesichts der schwachen Beweise hielt auch dieser Beamte sich für verpflichtet, die Gerüchte von einem Ritualmord zu dementieren; er konnte nach seinen Erhebungen nur feststellen, dass die Angelegenheit dunkel und verwickelt scheine. Trotz alledem fand sich in der Duma eine Gruppe von Abgeordneten, um dieses Vorkommnis zur Propaganda gegen die Juden auszubeuten. Am 12. Mai wurde folgende von zwanzig Mitgliedern der Rechten unterzeichnete Interpellation der Kammer unterbreitet : ,,Am 12./25. März, dem Tage vor dem jüdischen Osterfest, verschwand der zwölfjährige orthodoxe Knabe Andreas Juschtschinski aus Kiew. Er war am Morgen desselben Tages aus der elterlichen Wohnung fortgegangen, um durch die jüdische Vorstadt Sloboda zur Schule zu gehen und war später in einer vor der Stadt belegenen Grotte als Leiche wiedergefunden worden. Der Leichnam wies als unabweisliche Merkmale eines gewaltsamen Todes 45 Wunden und Spuren von Misshandlungen auf; die Adern waren zum Zweck der Blutentziehung geöffnet. Diese gerichtsärztlichen Feststellungen stimmen genau mit schon früher vorgekommenen Fällen überein, wo christliche Kinder von Juden gemartert worden waren, um zu einem bestimmten, seit Jahrhunderten gebräuchlichen Ritus zu dienen. So feiert die griechisch-orthodoxe Kirche alljährlich am 20. April das Andenken des Knaben Gabriel, der im Jahre 1690 von den Juden getötet worden ist und dessen Reliquien im Kloster zur Dreieinigkeit : in Slutzk beigesetzt sind. Die katholische Kirche verehrt einen Märtyrer, der in der St. Bcrnardinkirche zu Wilna begraben liegt und dessen Ermordung im Jahre 1592 stattgefunden hat. Zahlreiche Verurteilungen seitens russischer und ausländischer Gerichte bestätigen die Tatsache des Vorhandenseins von Ritualmorden. So fand man im Jahre 1823 in Welij den Leichnam eines ermordeten Christen, dessen Tötung nach der Meinung der Gerichte auf religiöse Tatsachen zurückzuführen war. Unter der gleichen Beschuldigung verurteilte der Gerichtshof von Saratow im Jahre 1852 den Juden Kewtscher und seine Mitschuldigen zu Zwangsarbeit. Obgleich es feststeht, dass die Juden das Blut von Christenkindern zu Zwecken religiösen Aberglaubens verwenden, weigert sich die Regierung, Massregeln zur Ausrottung der jüdischen Sekte zu ergreifen und will diese Mordtaten nur als vereinzelte Vorkommnisse, als gewöhnliche Morde betrachten. Als im Jahre 1900 der Mordversuch gegen Vinzenta Grendziuk verübt wurde, hatte der Justizminister angeordnet, dass die Beschuldigung des Ritual mords in der Voruntersuchung und in der Anklageschrift vermieden würde. Jetzt, da die Regierung in ihrer Politik des Judenschutzes so weit geht, auf dem Verordnungswege ein lästiges Gesetz aufzuheben, kann man beobachten, dass der Fall des so grausam gemarterten jungen Juschtschinski in ganz ungesetzmässiger Weise untersucht wird. Statt sich mit der Beleuchtung der Frage über das Bestehen einer barbarischen Sekte unter den Juden zu beschäftigen, verliert die Untersuchung ihre Zeit damit, die eigene Mutter des Opfers der Mitschuld an der grässlichen Tat zu verdächtigen. Die Ortspolizei, die vor der Wegschaffung des Leichnams die Spur der Mörder durch Polizeihunde hätte verfolgen müssen, hat viel Zeit unnütz versäumt und hat dadurch auch die Presse verhindert, die Sache öffentlich zu besprechen und objektiv zu beleuchten. Aus diesen Gründen und gestützt auf § 33 des Dumareglements richten wir an die Minister des Innern und der Justiz folgende Interpellation: „1. Ist den Herren Ministem bekannt, dass in Russland eine verbrecherische jüdische Sekte existiert, die für ihre Riten Christenblut verwendet, und wissen sie, ob Mitglieder dieser Sekte — wie die Zeitungen behaupten — den minderjährigen Knaben Juschtschinski gemartert haben? 2. Wenn sie Kenntnis davon haben, welche Massregeln wollen die Herren Minister treffen, um das Weiterbestellen dieser Sekte zu verhindern und diejenigen ihrer Mitglieder herauszufinden, die an der Ermordung des Knaben beteiligt sind? Anbei das Aktenstück, das den von dnn Juden an dem Soldaten Jemelianow im Jahre 1823 in Welij begangenen Mordes feststellt/' Der Dringlichkeitsantrag zur Beratung dieser Interpellation wurde angenommen. Der Sekretär der Duma verlas ihren Text und musste auf "Verlangen der Rechten auch die Anklageschrift des Falles von Welij verlesen. Im Namen des Justizministers gab Herr Miljutin, Direktor der ersten Abteilung im Justizministerium, folgende Erklärung ab: ,,Der Herr Justizminister beauftragt mich mit der Erklärung, dass alle Massregeln getroffen sind, um den Mordfall Juschtschinski aufzuklären. Der Untersuchungsrichter Fenenko, dem die besonders wichtigen Fälle unterstellen, ist unter persönlicher Aufsicht des Staatsanwalts am Gerichtshof zu Kiew mit der Untersuchung betraut. Ausserdem haben die Minister des Innern und der Justiz gemeinschaftlich noch die energischsten Nachforschungen und Untersuchungen angeordnet." Nach dieser Erklärung erhielt der antisemitische Abgeordnete Purischkewitsch das W7ort zu einer R.ede, deren gehässiger Charakter die lebhafteste Entrüstung bei der Linken hervorrief. „Selten ist eine an die Duma gerichtete Interpellation — so begann seine Rede — so wohlbegründet gewesen wie die vorliegende; mit ängstlicher Spannung wartet das russische Volk auf die Wahrheit, obgleich die Linke bemüht ist, sie zu verwirren. Man inuss die aufgeregte Volksseele beruhigen und den Charakter des Mordes aufklären, den meine Freunde und ich für einen Ritualmord halten. Vergeblich beschuldigt man uns der Erregung von Pogromen. Die wirklichen Urheber der Pogrome sind die Herren Nisselowitsch, Roditsehew usw. Seit der Entstehung des ,Verbandese haben die Pogrome ja eigentlich aufgehört; aber, wenn man die Wahrheit zu verdunkeln sucht, wenn selbst diese Tribüne kein Licht schaffen kann, so ist es die Schuld dieser Herren, wenn das Volk nicht ruhig bleibt." Der Redner will nicht das ganze Judentum beschuldigen, sondern nur eine jüdische Spezialsekte, die den Ritualmord betreibt. Pathetisch ruft er: ,,Wenn Sie unschuldig sind, so beweisende es,*der Unschuldge

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