Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Die Israeliten in Marokko
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 787 - 788 (sequence 3)
- Language
- German
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787 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Marokko. 788 uns durch jüdische Hausierer hinterbracht worden. Wirklich begannen am Donnerstag, den 13. April Gruppen von Berbern, die nicht nur dem Semurstamm, sondern auch anderen Stämmen angehörten — den Bui Mtir, Geruan, Scherarda, Ait Jussi usw. — in die Stadt einzudringen. Am Samstag abend waren bereits 300 Mann in der"Stadt. Sie erhoben ein grosses Geschrei und verlangten die Einsetzung eines Scheikh-er- Ebi, eines Revolutions-Oberhauptes. Die Mohammedaner der Medina wiesen diese Forcierimg zurück, „nicht aus treuer Anhänglichkeit für Mulay Hafid", sagten sie, „sondern aus Vorsicht und Furcht vor schweren Strafen, im Falle dieser Sieger bleiben würde/' Als am. Sonntag morgen noch keine Uebereinstimmung erzielt war, verliessen die Berber die Stadt, angeblich um sich zu beraten, und verteilten sich auf das umliegende Landgebiet. Hier vereinten sie sich mit ihren Anhängern, die seit Sonnenaufgang haufenweise auf Mequinez herangezogen waren. Um 6 Uhr morgens waren ihrer bereits 1500 beisammen, alle dicht vor dem Meli ah, an dessen Ende, sämtliche Landstrassen zusammentreffen, die zu rinn oben angegebenen Stämmen führen. Sie können sich die wohlbegründeto Angst unserer Glaubensgenossen vorstellen, die nach dem arabischen Ausdruck der Gefahr ausgesetzt waren, von den Wilden „aufgefressen" zu werden; denn waren diese erst auf den Mellah losgelassen, hätten sie alles kurz und klein geschlagen und selbst Frauen und K inder u i ngebracht. Sobald ich die Nachricht von der drohenden Gefahr erhalten hatte, riet ich den Israeliten, sich energisch zu verteidigen, denn ich wusste, dass im Mellah 200 Flinten \md 7—8000 Kugeln vorrätig waren. Man folgte meinem Rat und bewaffnete 150 kräftige Männer, die auf den Wällen und Terrassen der Häuser verteilt wurden. Ihnen zur Hilfe waren für schweres Geld fünfzig „Tuials'"', Leute ans einem benachbarten Stamm, geworben worden. Ich selbst stellte mich mit zwei jungen Leuten auf die Terrasse des Herrn Bonaboii, des französischen Postministers. Da diese Terrasse eine der höchstgelegenen ist, gestattete sie mir den Uebcrblick über die ganze Umgegend. Die Tore des Mellah waren geschlossen, aber die Tore der Medina waren offen, weil die Berber sie vor ihrem Auszug mit ihren eigenen Leuten besetzt hatten. Die Rebellen verbrachten den ganzen Tag mit Beratungen, und wir konnten nicht wissen, wozu sie sich entschlossen hatten. Erst um 6 Uhr abends, fast mit Sonnenuntergang, sah man eine Menge von ihnen durch ein Tor der Medina schreiten und einige Minuten später mit kostbaren Pferden und Maultieren aus dem Besitz des Maghsens wieder herauskommen. Die Plünderung begann bei den Stallungen des Sultans und ging dann zu denen der Privatleute über. Um 7 Uhr hörten wir laute Axt- und Hammerschläge und konnten uns wohl denken, dass man die „Besazine" genannten Läden einschlug, die in der Nähe des Mellah liegen und jüdischen Kauflcuten gehören. Später erfuhren wir, dass dies nicht von den Berbern ausgegangen war, die gar nicht über Nacht in der Stadt bleiben wollten und sich vorläufig mit dem Raub der Pferde begnügten. Der Angriff auf die Läden war von der liefe der städtischen Bevölkerung erfolgt, die sich die allgemeine Unordnung zunutze machen und die Lüden ausräumen wollten. Nach den „Besazine" kamen die jüdischen Läden an die Reihe, die im Innern der Modina gelegen sind. Die Plünderung dauerte bis zum Morgen, man hatte alles weggetragen, selbst die Holzverschläge und Ladeneinrichtungen. Ueber 300 Läden sind vollständig ausgeraubt worden, der hieraus den Juden entstandene Schaden beläuft sich auf beinahe 1,500,000 Francs. Unglücklicherweise hatten einige jüdische Kaufleute, die die Medina für sicherer hielten, als den Mellah, all ihr bares Geld, ihre Wertsachen und Wertpapiere nach der Medina gebracht. Die unglückliche Gemeinde Mequinez ist vollständig ruiniert; ich weiss nicht, ob sie sich je von diesem fürchterlichen Schlag erholen kann. Die Nacht vom Sonntag zu Montag verging in grossen Aengsten. Die Wälle waren mit Wachen bestellt und die übrige männliche Bevölkerung sass in den Tempeln beisammen um zu beton. Am Montag früh war ich vor Sonnenaufgang auf meinem Posten auf der Terrasse des Benabouschen Hauses. Eine Schar von Berbern war bereits vor der Stadt versammelt, aber als es heller wurde, sah man von allen Richtungen des Horizonts andere herbeieilen. Die Nachricht von den Plünderungen des vergangenen Abends hatte sich blitzesgleich unter den Stämmen verbreitet und hatte die Berber auf ähnlichen Raub lüstern gemacht. Sie eilten mit Hacken und Spaten herbei und zogen Lasttiere mit sich, die ho mit der Beute beladen wollten. Zum Glück hatten die Mohammedaner in der Medina, durch das Beispiel dos Mellah ermutigt, ihm Entschlossenheit wiedergefunden. Die Rebellen fanden die Tore der Stadt verschlossen und die Wälle mit Verteidigern besetzt. Nachdem sie ihre Vorkehrungen getroffen hatten, versuchten die mohammedanischen Notabein, mit dem Feind zu verhandeln. Dieser verlangte die Ernennung eines revolutionären Oberhauptes, der die Stadt regieren und in ihr sein Hauptquartier gegen Muloy Hafid aufschlagen sollte. Man schlug ihm verschiedene Personen vor, die sämtlich abgelehnt wurden. Während der Verhandlungen waren die Aufruhrer den Wällen immer näher gekommen und die, die sich bis an die Mauern des Mellah geschlichen hatten, begannen nun, diese mit ihren Aextcn zu bearbeiten. Die Israeliten hatten die Eröffnung der Feindseligkeiten so weit wie möglich hinausgeschoben, becrifl'en aber jetzt, dass sie keine Minute mehr verlieren durften. Der erste Flintenschuss wurde von einem kleinen Balkon abgedrückt, der sich oberhalb der von den Rebellen angegriffenen. Mauer befindet. Das war das Signal zu einem allgemeinen Schiessen. Sechs von den Angreifern fielen in den Sand, die anderen liefen schleunigst davon, nicht ohne noch auf der Flucht ein halbes Dutzend ihrer Leute zu verlieren. Bis Sonnenuntergang erneuerten die Berber ihre Angriffe unaufhörlich, von einem Mal zum andern wurden sie matter und die Nacht brachte den Kampf zum Stillstand. Von Müdigkeit erschöpft, mit vom Pulver geschwärztem Gesicht und Händen vcrliess ich endlich die Terrasse, wo ich den ganzen Tag unter der versengenden Sonnenglut ohne Nahrung zu mir zu nehmen, geblieben war. Wiederholt waren mir Kugeln um die Öhren geflogen, ein wenige Meter von mir stationierter ,,Tulal£i wurde tödlich verwundet. Ich hatte meinen Posten nicht einen Augenblick verlassen wollen, nicht einmal, um meine Frau zu beruhigen, die in