Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Die Israeliten in Marokko
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 789 - 790 (sequence 4)
- Language
- German
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789 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Marokko. 790 Angst um mein Leben in einem Zimmer des ersten Stocks auf dem Fussboden sitzend sich aufgehalten hatte. Ihre Angst und Niedergeschlagenheit waren durch den furchtbaren Anblick ihrer Umgebung noch erhöht worden, denn in dem gleichen Raum befanden sich sieben oder acht Frauen, die sich unter fortwährendem Angstgeschrei auf der Erde wälzten, sich die Haare ausrauften und das Gesicht zerschlugen. Von dem Zustand des Mellah während des Kampfes kann ich nichts erzählen, denn er ist unbeschreiblich. In den Lärm des Pulverknalls mischten sich das Geschrei und Stöhnen der Frauen und Kinder, die lauten Gebete der Männer, die bis auf die 150 Kämpfer alle Synagogen überlaufen hatten und unter den Klängen des Schofar nach Leibeskräften die Selichoth schrien. Arn Dienstag früh waren die Berber immer noch da. Das Schiessen, das Geschrei und Beten, kurz, alle Bilder des vergangenen Tages fingen von neuem an. Um 9 Uhr morgens versuchten die mohammedanischen Notabein die Wiederaufnahme der Unterhandlungen mit den Berber-Anführern. Diese wollten die Stadt unter der Bedingung in Frieden lassen, dass ein neuer Sultan proklamiert würde. Die Notabein gaben dieser Forderung nach. Darauf wurde Order gegeben, das Feuer sofort einzustellen und um 4 Uhr abends traf im Mellah die Nachricht ein, dass Muley- Rasine, der Bruder des gegenwärtigen Sultans, zum Sultan proklamiert worden sei. Die Berber waren befriedigt, zogen sich allmählich zurück und am Mittwoch morgen, am 19. April, war kein einziger mehr zu erblicken. Die Israeliten konnten nun die beiden letzten Passahtage in verhältnismässiger Ruhe verbringen. Von den Berbern sind ungefähr zwanzig gefallen und viele verwundet worden, deren Zahl uns unbekannt ist. Die Israeliten zählten i Verwundete, einet1 von ihnen mit tödlichen Wunden; auch ein „Tulal" ist im Kampf getötet worden. Ich vergass noch, Ihnen zu melden, dass im Zwischenraum weniger Stunden zwei Kugeln in das Zimmer und über den Kopf meiner Frau flogen und in der Wand stecken blieben. Während dieser Schreckenstage habe ich immer versucht, unsere aufgeregten Glaubensgenossen zu beruhigen, es ist mir aber nicht gelungen; man hörte kaum auf mich. Am Sonntag, den 23. April wurde die Schule wieder eröffnet, aber nur fünf oder sechs Kinder sind zum Unterricht erschienen. Ehe ich meinen Brief schliesse, erlaube ich mir, Sie in meinem eigenen und im Namen der Gemeinde von Mequincz um einige Mittel zur Milderung der grossen Not zu bitten, in die unsere unglücklichen Glaubensgenossen von Mequincz durch die letzten Ereignisse geraten sind/' Auch in Saffru haben die Juden wochenlang in den grössten Sorgen geschwebt. Wie man dein Central-Comite unter dem 4. Juni schrieb, haben die Berber die Stadt seit dem Beginn der Unruhen schwer bedrängt. „In der letzten Zeit haben sie immer grössere Forderungen gestellt, und unsere Glaubensgenossen haben ihnen Waffen, Munition und bares Geld liefern müssen. Die arme Gemeinde ist ruiniert." Gleich nach Bekanntwerden dieser Vorkommnisse hat das Central-Comite den Gemeinden Fez und Mequincz Unterstützungen übermittelt. Dank der Grossmut unsrer gewohnten Wohltäter konnten der unglücklichen Bevölkerung namhafte Mittel zur Verfügung gestellt worden. Die Israeliten von Saffru werden bei der Verteilung gleichermassen berücksichtigt. DIE ISRAELITEN IN RUSSLAND. Eine Ritualmord-Bescliiildigung in Kiew. In der Vorstadt Podolien in Kiew wurde am 25. März d. J. der zwölfjährige russische Knabe Andreas Juschtsehinski ermordet aufgefunden. Die antisemitische Presse benutzte dieses traurige Ereignis, um die Juden eines Ritualmords zu beschuldigen. Die „Semschtschina" vom 9./22. April regte zuerst den Gedanken an, dass das Verbrechen von den Juden für ihren österlichen Ritualbedarf begangen worden wäre. Redakteur Menschikow von der ein flussreichen „Nowojc Wremja" folgte dieser Anregung und verlangte sofortige und strenge Bestrafung der Schuldigen, und in Kiew selbst befürchtete man den Ausbruch eines Pogroms. Die gerichtliche Untersuchung war sehr merkwürdig. Dem zuerst damit betraut gewesenen Untersuchungsrichter Medwediew wurde die Sache bald abgenommen und dem Richter Fenenko übertragen, dem gemeinhin alle wichtigen Angelegenheiten unterstellt sind. Die „Scmschtschma" stellte als Ergebnis der Ermittlungen mit Bestimmtheit fest, dass es sich nur um einen von der Sekte der Chassidim begangenen Ritualmord handeln könne. Der als Antisemitenführer in Kiew bekannte Sanenko lieferte gleichzeitig dem Redakteur Menschikow die sogenannten Beweise von der Schuld der Juden. Der bekannte Reaktionär Professor Obolenski hatte der Obduktion der Leiche des ermordeten Knaben Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. heigewohnt. Die antisemitischen Blätter veröffentlichten angebliche Aeusserungen des Professors, die die Juden schwer belasteten, die aber von Obolenski selbst energisch dementiert wurden. Inzwischen hatten Antisemiten und Unionisten gemeinschaftlich an der Verhetzung der Volksmassen gegen die Juden gearbeitet. Ein gewisser Pawlowitsch wurde wegen Verteilung aufrührerischer Proklamationen verhaftet, musste aber bald wieder entlassen werden, weil nicht genug Zeugen gegen ihn vorhanden waren. In einer Kirche hetzte der Priester Tarrassewitsch die Christen gegen die Juden auf. Alles wirkte zusammen, dass schliesslich Ende April die Aufregung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Trotz aller Agitation hatten keine Beweise für die Schuld der Juden erbracht werden können. In seiner Zeitung „Kiewlanin" musste selbst der Antisemitenführer Sanenko zugestehen, ,,dass die Annahme eines Ritualmords durchaus unbegründet sei und dass die Hypothese, die den Juden die Schuld an dem Morde beimisst, in das Reich der Legenden gehöre/'' In demselben Artikel sprach er sein Bedauern darüber aus, dass die Rechte der Duma sich einer so wenig bewiesenen Angelegenheit so eilfertig bemächtigt habe. Diese Erklärung kühlte den Eifer der Kiewer Antisemiten ab und die Besorgnis vor einem Pogrom ging vorüber. Die Regierung hatte zuerst einen hohen Beamten namens Saitzew und dann den Abteilungs-