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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 785 - 786

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Die Israeliten in Marokko
Date
1911-08-01
Page
Seite 785 - 786 (sequence 2)
Language
German
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785 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Marokko. 786 die Proiso der Lebensmittel stiegen ganz bedeutend und das Elend im Mcllah war unbeschreiblich. Wir geben hier einen Auszug aus den Briefen, die der Direktor der Allianceschulen in Fez während der Dauer der letzten Ereignisse an das Centralcomitc geschrieben hat: Fez, 3. April 1911. Die Lage in Fez ist ausserordentlich ernst geworden. Die Berber geben sich alle mögliche Mühe, sich der Stadt zu bemächtigen. Gestern haben sie mit einem Aufgebot von 3000—4000 Reitern und ebenso vielen Fusssoldaten einen furchtbaren Angriff auf die Stadt gemacht, der dank der Artillerie zurückgeschlagen werden konnte! Trotz dieses leichten Sieges ist der Sultan in grosser Bedrängnis, denn sein Widerstand kann nicht lange mehr dauern. Die Panik im Mcllah ist unbeschreiblich. Während des gestrigen Ansturms irrte die aufgeregte Bevölkerung durch die Strassen und verbreitete die schlimmsten Nachrichten und die grösste Angst im ganzen Stadtteil. Der französische Konsul Gaillard, der gerade nach dein Mellah kam, um mich zu besuchen, musstc wieder umkehren, weil er nicht bis zu mir gelangen konnte. Heute Morgen Hess er mich bitten, mit dem Rabbiner Salomon Danan zu ihm zu kommen, um mit ihm zu beraten, welche Vorkehrungen zu treffen sind, damit eine ähnliche Panik im Mcllah nicht wieder vorkomme. Fez, 12. April 1911. Die Stadt ist von den aufrührerischen Stämmen dicht eingeschlossen; alle Verbindungen mit der Küste sind unterbrochen, die Lage ist ernster als je. Wie ich erfahre, wollen die Konsuln versuchen, einen Boten mit Post nach Tanger abzuschicken. Ich schreibe Ihnen aufs Geratewohl, ohne zu wissen, ob mein Brief Sie erreichen kann. Seit dem Beginn der Belagerung herrscht die furchtbarste Not im Mellah; Handel und Arbeit haben aufgehört, die Lebensmittelpreise sind so hoch, wie in Zeiten der Hungersnot, drei- bis viermal höher als in ruhigen Tagen; die Hälfte der Bevölkerung des Mellah hat nichts zu essen. Die Cremeinde hat einige Mittel — ungefähr 5000 Pesetas — zusammengebracht, um die Not zu lindern; das reicht knapp für die Osterwoche. Während ich dieses schreibe, erfolgt wieder ein furchtbarer Ansturm der Berber auf die Stadt. Die Kanonen donnern unaufhörlich; von meinem Fenster aus kann ich alle Peripetien der Schlacht beobachten, die sich beinahe unter den Mauern des Mellah entwickelt! Wenn die Mehalla des Sultans eine Niederlage erleiden sollte, so würde der Mellah sofort von den Berbern bestürmt und geplündert werden. Die Wälle des Mellah werden von bewaffneten jungen Glaubensgenossen bewacht, die entschlossen sind, sich tapfer zu verteidigen und ihr Leben teuer zu verkaufen; auch meine geladene Flinte liegt nahe zur f-Iand. Der mohammedanische Stadtteil Medina ist in grösster Aufregung. Ein Aufstand konnte im Keime erstickt werden. Die Konsulate und die Häuser der Europäer sind reichlich mit Waffen und Munition verseilen; überall ist die Zahl der Wächter verdreifacht worden. Jeden Augenblick bemächtigt sich eine neue Panik der Bevölkerung; die Strolche, die Arbeitslosen und die Hungerleider drohen mit Plünderung; die Geschäftshäuser und Läden sind leer, die W aren an sicheren Orten aufbewahrt. Fez, 24. April 1911. Noch immer sind wir ohne Verbindung mit der Küste. Es kommt keine Post mehr. Einige Postsendungen sind noch abgegangen, dank dem Einfluss und den Geldopfern der Konsuln. Die Stadt ist nach allen Seiten abgeschlossen, die Belagerung ist eine vollständige. Nichts kommt in die Stadt hinein, nicht ein einziges Getreidekorn. Die Stadt verbraucht die Vorräte, die sie zu Beginn der Belagerung zu ihrer Verfügung hatte. Die Preise der Lebensmittel werden unerschwinglich. Zwei Drittel der Bevölkerung von Fez müssen buchstäblich Hungers sterben. Fez, 2'i. Mai 1911. Ich habe die Ehre, Ihnen davon Mitteilung zu machen, dass die Ankunft der von General Moinier kommandierten französischen Kolonne der Belagerung von Fez ein Ende gemacht hat. Die Gefahren für die Stadt sind beseitigt, der Einzug der hilfreichen französischen Truppen hat im Mellah unbeschreibliche Freude verbreitet. Noch am Einzugstagc bin ich dem General Moinier durch Herrn Gaillard vorgestellt worden. Der General sagte mir, dass er die Tätigkeit der Alliance in Marokko sehr hoch schätze und hat mir versprochen, unsere Schulen zu besuchen. Gestern hat der General eine Abordnung der jüdischen Gemeinde empfangen, die ihm ihren Willkommsgrass darbrachten. In der wirtschaftlichen Lage der Stadt ist noch keine Aenderung eingetreten; sie ist so geblieben, wie ich sie Ihnen zu wiederholten Malen geschildert habe; die Arbeit ist noch nicht wieder aufgenommen und die Preise der Lebensmittel sind weiter gestiegen. Fez, 30. Mai 1911. Hierdurch teile ich Ihnen ergebenst mit, dass General Dalbiez und die Offiziere seines Generalstabes gestern unsere Schulen besucht haben. Ich habe ihnen unsere Klassen und unsere Lehrprogramme eingehend gezeigt. Die Haltung unserer Schüler, ihre Sauberkeit und ihre netten Antworten waren den Herren eine sichtlich angenehme Ueberraschung. Alle Tage erhalte ich Einzelbesuche der höheren Offiziere der französischen Hilfskolonnc, die bei ihrer Anwesenheit im Mellah vor allem unsere Schulen kennen lernen wollen. Die Herren sind erstaunt, dass ihre Sprache im Judenviertel so gut verstanden wird; seine Einwohner konnten ihnen wiederholt als Dolmetscher dienen. Auch in der Stadt Mequinez, die 6000 jüdische Einwohner zählt, hatte das Judenviertel einen sehr heftigen Angriff seitens der Berber zu erleiden. Man wird mit Befriedigung aus dem unten wiedergegebenen Brief des Direktors der Allianceschulen ersehen, dass die Israeliten sich tapfer verteidigt haben. Wenn sie auch der Plünderung nicht ganz entgehen konnten, so haben sie doch mit grossem Mut die Horden zurückgeschlagen, die den Mellah angriffen. In Mequinez ist ebenfalls das ganze Geschäftsleben zum Stillstand gekommen und die Not ist gross. Der oben erwähnte Brief lautet also: M cquinez, 4. Mai 1911. . Ich weiss nicht, ob Sie meinen Brief vom 9. April erhalten haben, der erst am 12. abgehen konnte. Ich meldete Ihnen darin im letzten Augenblick den drohenden Ansturm, den der Stamm der Semur auf die Stadt unternehmen wollte. Die Nachricht war

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