Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 767 - 768

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Der jüdische Stil
Date
1911-08-01
Page
Seite 767 - 768 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584015-2603317--12090-2603432
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

767 Dr. A. Coralnik: Der jüdische Stil. 768 Sterblichen verteidigt ihr!' Als Moses nun sah, dass er nicht beachtet wird, ginger zum Himmel und zur Erde und sagte ihnen: ,Bittet um Gnade für mich!' Da antworteten sie: ,Anstatt für dich um Gnade bitten, müssen wir für uns selbst bitten, denn es heisst: Der Himmel wird wie ein Nebel verblassen und die Erde wie ein Kleid verfaulen/ Er ging zu Sonne und Mond, zu den Sternen und Planeten, zu den Tälern und Bergen, aber keiner wollte für ihn Fürbitte tun, denn sie wussten alle, dass auch ihr Ende vorbestimmt sei. Da kam er zum Meere und bat: ,Sei mein Fürbitter!' Da antwortete das Meer: ,Sohn Amrams, Avas ist denn heute los? Bist du doch der Sohn Amrams, der du einst zu mir mit dem Stabe kamst und mich schlugst und in zwölf Strömungen teiltest, ohne dass ich gegen dich aufkommen konnte, da der Geist Gottes (Schechina) dir zur Rechten schritt. Und nun? Was ist denn mit dir geschehen?' Als das Meer ihn an die Taten der Jugend erinnerte, stöhnte Moses laut und sagte: ,Wer wird mir die Stunden von ehedem zurückgeben? Als ich auf dir stand, war ich König der Welt, jetzt wälze ich mich im Staube und werde nicht beachtet. Da ging er zum Engel, der vor dem Antlitz des Herrn steht und bat ihn: ,Bitte um Gnade für mich, auf dass ich nicht sterbe.' Da antwortete ihm der Engel: ,Mcister! Wozu die Mühe? Ich habe in der Verborgenheit gehört, dass dein Gebet in deiner Sache nicht erhört werden wird.' Da legte Moses die beiden Hände aufs Haupt, jammerte und rief: ,An wen soll ich mich wenden, um Gnade zu erflehen?' Und der Herr erzürnte darob, bis Moses den Vers anstimmte: ,0 Gott, o Gott, gnädiger, barmherziger Gott!' Da legte sich der Zorn des Herrn und er sagte zu Moses: ,Moses, ich habe zwei Schwüre gehütet: den einen schwor ich, als die Juden die Ta t begingen (gemeint ist das goldene Kalb), dass ich sie vernichten werde. Der zweite Schwur war, dass du sterben wirst, ohne das Land gesehen zu haben. Ich habe den ersten Schwur um deinetwegen rückgängiggemacht, da du gesagt hast: Verzeihe! Nun verlangst du wiederum, dass ich vor deinem Willen zurückweiche und sagst: Lass mich den Strom überschreiten. Packst du den Strick an den beiden Enden? Willst du, dass ich das „Ich will überschreiten" gewähre, so lass das „Verzeihe" fallen!' Als dies Moses gehört hatte, antwortete er: ,Herr, mögen Moses und Tausende seinesgleichen zugrunde gehen, damit auch nur kein Fingernagel eines Angehörigen von Israel Schaden erlitte.' Und er sagte ferner: ,Herr, die Füsse, die zum Himmel stiegen, das Antlitz, das die Herrlichkeit gesehen, die Hände, die aus deinen Händen die Thora empfangen — sollen sie in Staub verwesen?' Da erwiderte Gott: ,So ist mein Gedanke und dies ist die Ordnung der Welt: Jedes Geschlecht hat seine Fürsprecher, jedes Geschlecht hat seine Führer und Versorger. Bis jetzt war es dir zuteil, mir zu dienen, nun ist die Reihe an deinem Schüler Josua.' Da antwortete Moses: ,Herr, wenn ich wegen Josuas sterben muss so werde ich sein Schüler werden! Und Gott sagte: ,Wenn es dir beliebt, geh und tue es." Und Moses ging und stellte sich in aller Frühe vor die Tür Josuas. Dieser sass und predigte, Moses aber stand, beugte seinen Nacken und kreuzte die Arme über die Brust. Die Augen Josuas wurden umschleiort, und er bemerkte ihn nicht, damit Moses sich härme und mit dem Tode sieh versöhne. Und das Volk kam vor die TürenMosis, um das Gesetz zu hören und fragte: ,Unser Lehrer Moses, wo ist er denn hin?' Und sie bekamen zur Antwort: ,Er ging zu Josua." Und sie fanden ihn an der Schwelle vor Josua. Josua sass, Moses aber stand. Und sie sprachen: ,\Vas ist denn dir eingefallen? Unser Meister Moses steht, du aber sitzest?' Als nun Josua innehielt, seine Augen erhob und es sah, zerriss er sein Gewand und weinte und schrie: ,Meister, Meister, Vater, Vater!' Und Israel sagte zu Moses: .Meister, lehre du nun die Schrift!' Er erwiderte ihnen: ,Ich darf nicht.' Sie aber riefen: .Wir lassen dich nicht los.' Da erscholl eine Stimme vom Himmel: ,Lernct von Josua!' Und sie fügton sich. Nun sass Josua auf dem Ehrensitz, ihm zur Rechten Moses und zur Linken die Söhne Aarons. Und Josua lehrte in Anwesenheit Mosis. In dieser Stunde wurde die Kette des Wissens Moses genommen und Josua übergeben. Sie gingen nun hinaus und Moses schritt zur Linken Josuas. Als sie in das Zelt des Bundes kamen, senkte sich die Wolkcnsäule zwischen sie. Nachdem sie sich verzog, sagte Moses zu Josua: .Was hat dir das Wort gesagt?"' Josua aber erwiderte: ,Als es sich dir offenbart!1, wusste ich dann, was es mit dir sprach?' Da rief Moses aus: ,Lieber hundertmal sterben, als diese einzige Eifersucht! Herr der Welten! Bis nun habe ich um Lehen gebeten, jetzt aber ist meine Seele dir hingegeben.' Als nun Moses sich zum Tode bereit macht1, begann der Ewige und sprach: .Wer wird vor mir den Bösen beistehen? Wer wird Israel helfen, wenn ich zürne? Wer wird für meine Kinder eintreten in ihren Kämpfen und wer wird Fürbitte einlegen, wenn sie sündigen?' Da warf sich der Engel Metathronos vor dem Ewigen nieder und sagte: ,Herr, Moses war dein als er lebte und auch nach dem Tode ist er dein!' Und Gott erwiderte: ,Ich werde dir ein Gleichnis erzählen: Da war ein König, der einen Sohn hatte. Jeden Tag erzürnte dieser den Vater und der Vater wollte ihn töten. Aber die Mutter rettete ihn immer. Da starb aber die Mutter, und der König weinte. Und seine Untertanen sagten ihm: Gebieter, warum weinst du? Und er sagte ihnen: Nicht bloss meinem Weibe gelten meine Tränen, sondern auch meinem Sohne. Wie oft habe ich ihn töten wollen in meinem Zorn und wie oft errettete sie ihn! ... So ist es auch hier. Nicht um Moses allein weine ich, sondern um Moses und Israel. Wie oft haben sie meinen Zorn erregt, er aber stand immer auf der Wache und wendete meinen Zorn ab!' . . . Und es erging eine Stimme vom Himmel: ,Es ist die Stunde gekommen, da du von der Welt scheiden musst.' Und Moses sagte zu Gott: ,Hcrr, gedenke des Tages, an dem du dich mir im Busch offenbartest, gedenke des Tages, an dem ich am Sinai stand, überliefere mich nicht dem Engel des Todes.' Und di^ Stimme antwortete: ,Fürchte nichts, ich werde mich selbst deiner annehmen, und dich beerdigen.' Da sagte Moses: ,Warte, bis ich Israel gesegnet habe. Zu meinen Lebzeiten haben sie an mir wegen der ewigen Mahnungen und Warnungen keine Freude gehabt.' Er begann nun jeden Stamm für sich zu segnen. Als er aber sah, dass die Zeit zu kurz sei, schloss er sie alle in seinen Segen ein. Und er sagt'.' zu Israel: ,Ich habe euch viel geplagt mit der Thora und den Geboten. Vergebet mir!" Und sie antworteten ihm: .Herr und Meister! Es sei dir vergeben!' Und das Volk Israel stellte sich auf Moses und sprach: ,Mcister Moses! Wir haben viel Leid und Mühe über dich gebracht, vergib uns.' Und er antwortete: ,Es sei euch vergeben.*' Da erscholl die Stimme: ,Der Augenblick ist gekommen, da du von der Welt scheiden musst.' Er sagte: ,Gesegnet sei der Namen des Lebendigen und Ewigen für alle Zeiten.* Und er sagte zu Israel: ,Ich bitte euch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.