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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 765 - 766

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Der jüdische Stil
Date
1911-08-01
Page
Seite 765 - 766 (sequence 3)
Language
German
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765 Dr. A. Coralnik: Der jüdische Stil. 766 Die Herausgeber der Hagada-Sammlung haben also jeden Versuch unterlassen, die Kluft zu überbrücken. Sie haben nämlich den Text einfach unübersetzt gelassen, sondern in die Ursprache konserviert. Allerdings haben sie ihn etwas umgearbeitet, gereinigt, indem sie die Eigentümlichkeiten der aramäischen Vulgärsprache, die Syrismen, die allerhand Willkürlichkeiten und sprachlichen Ungereimtheiten ausmerzten und sie hebraisierten. Natürlich nicht in dem Sinne, dass sie aus der talmudischen eine biblische Sprache machten. Die hebräische Sprache, deren sie sich bedienen, ist die stark aramäisierte, vom Althebräischen sowohl lexikalisch als dem Satzbau nach, d. h. sowohl in den Wörtern, als in der Logik des Denkens, in der Ordnung des Stoffes stark abweichende. Und gerade dies ist die Sprache, die dem historischen Juden am nächsten liegt, deren innere Form ihm am verständlichsten ist. „Judensprache hat etwas Pathetisches." Unter dieser „Judensprache" verstand Goethe das „Frankfurter Jüdisch", was wir auch das Mauscheln nennen. Nichts seil eint uns heute, die wir mit dem Begriff des Mauscheins den Begriff des Hässlichen verbinden, unbegründeter und seltsamer. Und doch ist es so. Es liegt in jedem jüdischen Ausdruck, sei er in welcher Sprache immer gesprochen, ein Klang des Pathetischen. Allerdings nur für unser, d. h. an die Laute der Umwelt gewöhntes Ohr. Schon Longinos, der alte griechische Aesthetikcr, sagt mit Erstaunen, dass im. biblischen Satze: „Und es wurde Licht'*', ein gewaltiges Pathos liegt. Das Pathos der Juden ist die Kürze, die Prägnanz, die blitzartige Zusammenfassung. Wo der Nichtjude lange Sätze, Perioden, Gedankenreihen braucht, begnügt sich der Jude mit einem einzigen Satz, oft mit einem Wort. Er braucht keine Mittelglieder der Beweisführung. Sein Denken ist so rasch, dass ei' Voraussetzung und Schluss in einem Zuge denkt. Dies bedingt ein unbegreifliches, bildliches Denken. Und das ist gerade das Pathetische. Im Worte der Juden liegt Farbe, Bewegung. Es ist nicht abstrakt. Da ist auch kein Raum für breite Epik, für langsames, schilderndes, auseinanderlegendes und sich wiederholendes Erzählen. Man könnte sagen, das Denken der Juden sei ein Aneinanderreihen von Fragmenten. Aber ein mosaikartiges, strahlenbrechendes. Daher auch die Vorliebe der Juden für Rede und Widerrede, für Frage und Antwort, kurze Frage und gedrängte Antwort. In der genannten Sammlung finden wir zahllose Belege dafür. Als das schönste, grandioseste, die ganze Art des Stils und des Denkens zeichnende, die ganze Weisheit des Volkes zusammenfassende Exempel möchte ich das grossartige dichterische Fragment: „Der Tod Mosis" bezeichnen. Eine herrliche Legende, die bei einem anderen Volk ein Born für Poesie, ein schier unerschöpfliches Thema wäre. Auf der Atriden-Legende haben die Griechen ihre Literatur aufgebaut. Die sublime Moseslegende der Juden aber blieb wie ein Felsblock in der Wüste, grossartig in seiner natürlichen Eckigkeit und Schroffheit, —' Die Legende beginnt mit einem Satz aus der Schrift. Diese war ja der Ausgangs- und der Angelpunkt des jüdischen Denkens. Die Schrift war das Gegebene, die grosse Wirklichkeit. Alles andere war ein An- und Umdichten. Sie war auch die Schranke des jüdischen Denkens. . . . Einfach, fast schulmeisterlich-pedantisch hebt der Dichter an: „Und Gott sprach zu Moses, siehe deine Tage sind dem Tode nahe." Hierauf bezüglich heisst es: „Wenn seine Höhe auch zum Himmel reichet und sein Haupt die Wolken berührt. ... Er ist dahin, und die ihn gesehen, fragen, wo ist er?" Auf wen wurde dieser Satz geprägt? Auf niemand anderen als den Todestag, denn wenn der Mensch sich auch Flügel machen und zum Himmel steigen könnte, sobald seine Stunde kommt, da zerbrechen seine Flügel und er stürzt. Siehe Moses! Er ist in den Himmel emporgestiegen, seine Füsse haben die Wolken berührt, er war wie einer der Engel und sprach mit Gott von Angesicht zu Angesicht, er empfing die Thora aus seinen Händen. Als aber sein Ende kam, sagte ihm Crott: „Nun sind deine Tage dem Tode nahe." ... In dieser scholastischen, verschrobenen, satzdeutenden Forin liegt, wie in einer Schale, eine herrliche Dichtung verborgen, die sich alsohald entfaltet. Und der Dichter spricht: „Als Moses sah, dass sein Urteil gefällt war, da zog er einen kleinen Kreis, trat hinein und sagte: ,Herr der Welt, ich rühre mich nicht von dannen, bis du dein Urteil zurückziehst/ In dieser Stunde zog er einen Sack an, umhüllte sich mit einem Sack, beschüttete das Haupt mit Asche, betete und flehte zu Gott, bis Himmel und Erde und die Elemente der Urwelt erbebton und sagten: ,Ist vielleicht der Wille des Herrn, die Welt zu erneuern?' WTas tat nun Gott in dieser Stunde? Er liess an den Toren aller Himmels- .sphären ausrufen, dass man das Gebet Mosis nicht empfange und es nicht vor ihn bringe, da das Urteil bereits gefällt sei. Als aber die Stimme des Gebetes immer mächtiger anschwoll, gegen Oben pochte, rief Gott die Engel des Dienstes und sagte ihnen: ,Steigt rasch hinab und schliesst die Tore des Himmels/ Denn das Gebet Mosis war wie ein Schwert, das schneidet und spaltet und keinen Widerstand findet. Da sagte Moses zum Herrn: ,Herr der Welt! Dir ist offenbar und bekannt alles, was ich gelitten und ertragen habe, damit Israel an deinen Namen glaube. Wieviel Leid habe ich nicht erduldet, bis ich nicht unter ihnen Gesetz und Sitten befestigt habe! Da dachte ich: Wie ich ihr Leid mitgemacht habe, werde ich ihr Glück miterleben. Nun aber, als die Stunde ihres Glückes gekommen, sagst du mir: Du wirst diesen Jordan nicht überschreiten! Da widerlegst du doch deine eigene Thora. Denn es heisst da: An seinem Tage sollst du ihm den Lohn geben. Ist dies der Lohn für die Arbeit der vierzig Jahre, für meine Mühe, ein Volk von Heiligen und Gläubigen zu bilden?' Und Gott antwortete ihm: ,So ist mein Gesetz ergangen/ Moses erwiderte: ,Herr der W7elt, wenn ich nun nicht lebend hineinkomme, lass meine Leiche hineinbringen, wie die Gebeine Josephs hingebracht wurden/ Da sagte ihm Gott: ,Mos?s, als Joseph nach Aegypten kam, hat er sich nicht verstellt, sondern sagte, dass er ein Hebräer sei. Du aber hast dich in Midjan verstellt/ Moses sagte darauf: ,Herr! Wenn du mich nicht nach dem Lande Israels bringen willst, so lass mich wie die Tiere des Feldes sein, die Gras fressen und Wasser trinken und die Welt sehen. Lass mich wie sie sein/ Und Gott erwiderte: ,Genug/ Moses setzte fort: ,Herr, sonst lasse mich in dieser Welt wie die Vögel sein, die nach allen vier Windrichtungen fliegen, am Tage Futter suchen und am Abend in ihr Nest zurückkehren. Lass mich wie sie sein/ Und Gott sagte: ,Genug!' Da stiegen Sonne und Mond in den oberen Himmel und sagten zu Gott: »Herr der Welt! Willst du dem Sohne Amrams Gerechtigkeit widerfahren lassen, dann werden wir leuchten, sonst verweigern war das Licht.' Da schleuderte er auf sie Spiesse und Pfeile und sagte: ,Tag für Tag betet man euch an und ihr leuchtet dennoch! Meine Ehre habt ihr nicht gewahrt, die Ehre eines

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