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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 769 - 770

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Der jüdische Stil
Date
1911-08-01
Page
Seite 769 - 770 (sequence 5)
Language
German
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769 Dr. A. Coralnik: Der jüdische Stil. 770 Wenn Ihr in das Land kommt, gedenkt meiner und meiner Gebeine und saget: Wehe über den Sohn Amrams! Wie ein Ross^lief er vor uns her und fiel in der Wüste/ . . . Und die Stimme erscholl: ,Es ist der halbe Augenblick deines Scheidens gekommen/ Da legte er die Arme aufs Herz und sagte zu Israel: ,Seht das Ende des Menschen!' Da erhob sich Moses, weihte sich wie einer der Engel: Gott stieg von den obersten Himmeln hinab, um die Seele Mosis zu holen. Drei Erzengel begleiteten ihn: Michael, Gabriel und Zagzael. Michael breitete das Lager Mosis aus, Gabriel legte Byssus zu seinem Haupte, Zagzael zu seinen Füssen. Und Gott sagte: ,Moses, schliess die Augen/ Moses schloss die Augen. ,Kreuze die Arme an deiner Brust/' Und er tat so. ,Biege ein die Beine/ Und so tat er. Da sagte der Herr zur Seele Mosis: ,Tochter, ich habe für dein Verweilen im Leibe Mosis hundertzwanzig Jahre bestimmt. Nun ist deine Zeit abgelaufen. Geh hinaus ohne Verzug!' Und die Seele sprach: ,Herr, ich weiss, dass du der Gebieter aller Geister, der Herrscher über alles Leben bist. Du hast mich erschaffen und in den Leib Mosis geschickt für hundertzwanzig Jahre. Gibt es nun einen keuscheren Leib als den Mosis? Ich liebe ihn und will ihn nicht verlassen/ Und der Herr antwortete: ,Geh hinaus und ich erhebe dich in den obersten Himmel und setze dich unter dem Thron meiner Herrlichkeit neben den Cherubim und Seraphim/ In diesem Augenblicke küsste Gott Moses und nahm im Kusse die Seele mit."..... __ (Schluss folgt.) AUS DER JUEDISCHEN SAGEN- UND MAERCHENWELT. Mitgeteilt von Bar-Ami Kachdruck verboten. Wie einer von den sechsunddreissig Gerechten schuldig ward und gesühnt hat. Einer von den sechsunddreissig Gerechten, die im Verborgenen leben, diente als Müller bei einem Dorfpächter und ging unbeachtet tagsüber seinem Gewerbe nach, während er in der Nacht im Geheimen dem Lernen der Thora und dem Gottesdienst oblag. Einmal machte der Pächter, sein Brotgeber, eine weite Reise, die durch einen wilden Wald führte. Da offenbarte man vom Himmel dem Müller, dass der Pächter in Lebensgefahr schwebte, denn im Wald lauerten ihm Räuber auf, die ihn umbringen und berauben wollten. Dem Müller ward das sehr schwer, am Ende entdeckte er der Frau, was ihm vom Himmel kundgeworden war; sie reisten mit einem Tross Knechten dem Pächter entgegen, erwarteten ihn an der gefährlichen Stelle und retteten ihm das Leben. Als die Pächtersleutc sahen, was für ein heiliger Mann ihr Müller war, wollten sie nicht mehr zulassen, dass er bei ihnen solche niedrige Dienste verrichtete. Sie räumten ihm eine Stube ein und gewährten ihm Speise und Trank, damit er ungestört lernen und Gott dienen konnte. Vom Himmel aber offenbarte man ihm, dass er seine Gnade verwirkt, indem er sie den Menschen offenbart hatte und nun davon Nutzen zog. Er hätte nämlich, um den Mann aus der Gefahr zu retten, die Barmherzigkeit Gottes anrufen und selber hinfahren und sein eigenes Leben aufs Spiel setzen sollen. Da »•r nun den Leuten sein Geheimnis offenbarte, hatte er eine schwere Sünde auf sich geladen. Zur Strafe dafür, und damit er seine heilige Kraft nicht weiter missbrauchte, wurde eine Krankheit über ihn verhängt. Er bekam eine unwiderstehliche Lust, Branntwein zu trinken. Kaum hatte er einen Schluck getan, wurde er gleich berauscht, und sobald er den Rausch ausgeschlafen hatte, konnte er sich nicht überwinden und musste wieder trinken. Die Pächtersleute hielten ihn trotzdem ganz wie früher, er aber war sehr unglücklich. Wenn er einmal eine lichte Stunde hatte, weinte und betete er zu Gott, dass dieses schreckliche Uebel von ihm genommen werde. Endlich erbarmte sich Gott seiner und es wurde ihm offenbart, dass er zur Busse für seine Sünde zum Wanderstab greifen müsse. „Du musst in der Welt als Heimatloser umherirren, darfst keine zwei Nächte an demselben Ort nächtigen, von trocknem Brot und von Wasser lebend, bis dir ein Zeichen vom Himmel wird, dass deine Sühne erfüllt ist." Er tat so. Er wanderte jahrelang von Ort zu Ort, durch Felder und Wälder. 'Kasteite sich, betete und tat Busse. Einmal kam er durch eine Wiese und war sehr müde und wollte sich hinlegen, um auszuruhen. Er ging umher und suchte; vielleicht fände er ein Bächl in, an dessen Ufer er sich ein Lager bereiten könnte, um beim Erwachen gleich Wasser zum Waschen bereit zu haben, und mit reinen Händen das Gebet verrichten zu können. Er fand richtig ein solches Bächlein, und wie er sich hinlegen wollte, tauchte am anderen Ufer ein Mann auf; der reichte ihm einen Becher herüber und rief ihm zu: „Willst du nicht ein Gläschen Schnaps trinken? Der Wanderer erschrak vor der Versuchung, griff nach dem Becher; aber der Mann am andern Ufer war verschwunden. Dem Becher aber entströmte ein edler, reiner Duft. Der Wanderer sog ihn ein und fühlte, dass die Krankheit ihn verliess, dass seine Kraft wiederkehrte, und nun wusste er, dass seine Leidenszeit vorüber und seine Sühne erfüllt war. Er freute sich sehr und betete zu Gott, dass ihm wieder sein Platz unter den sechsunddreissig verborgenen Gerechten angewiesen werde, die durch ihre Frömmigkeit und ihre heimlichen guten Taten die Welt erhalten. „Das kann nicht mehr sein," antwortete man ihm vom Himmel. „Deinen früheren Rang hast du für immer verloren. Du sollst fortan unter den Menschen leben, weit und breit bekannt, als ein Mann, dem Gott die Kraft verliehen hat, durch seinen Namen Wunder zu wirken, und der erhört wird, wenn er für die Armen und Unglücklichen betet." So zog unser Büsser in die Stadt und wurde ein grosser Baal-Schern. Den Becher aber behielt er sein Leben lang als ein kostbares Andenken und verwendete ihn nur, um am Freitag abend Kiddusch zu machen. Nach vielen Jahren erhielt der Becher einen Sprung und fiel auseinander. Da sprach der Gerechte: „In dieser Woche werde ich sterben!" Und so geschah es auch. Anmerkung. Diese in einigen unwesentlich voneinander verschiedenen Varianten bekannte Geschichte gehört zu dem Sagenkreis von „Sechsunddreissig Gerechten" (vgl. „Ost und West" 1908. Heft TI). Auch von dieser, wie von mehreren Geschichten dieses Zyklus existiert eine chasidische Bearbeitung, die neben der ursprünglichen umläuft. In den ersten Zeiten des Chasidismus, bevor sich die Dynastien der Zaddikim erblich festgesetzt hatten, gab es Raum für neu auftauchende Sterne, die ans Tageslicht kamen („nisgaleh wurden"), und auf die Entdeckungsgeschichte solcher wurde die vorstehende und ähnliche Geschichten angewendet.

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