Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Der jüdische Stil
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 763 - 764 (sequence 2)
- Language
- German
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763 Dr. A. Coralnik: Der jüdische Stil. 764 anpassen, schloss keine Nuance aus. Man hat in Babylon und Persien den Talmud anders gelesen und vielleicht auch anders aufgefasst, wie in den Schulen der Provence oder des arabischen Spaniens, oder gar in den „ Jeschiboth" (Schulen) von Podolien. Aber die abwechselnden jüdischen Generationen merkten nicht den Unterschied. Der Talmud war für sie immer ein modernes, nach ihrem Mass zugeschnittenes Geistesgewand. Sie fanden in ihm sich selbst wieder, entdeckten in ihm immer neue Nuancen. Die lagen natürlich nicht in den Worten, sondern über und zwischen den Worten, die willig und fügsam waren. Während die Bibel nur Kodex oder Geschichte war, war der Talmud ein immenses Zwiegespräch der Generationen. Alle Volksklassen und alle Lebensarten waren dort vertreten. Deshalb konnte er der Ersatz sein für das unmittelbare Wahrnehmen der Aussenwelt. Er war selbst eine reiche, bunte Welt. Der Jude hörte aus dem Talmud heraus alles, was er wollte. Und es war ihm leicht. Denn die Form war da, fertig und doch noch wandlimgsfähig, die lebendige Form des Judentums, der jüdische Stil. Charakteristischer und wertvoller als die kasuistischen und legalistischcn Erörterungen der talmudischen Literatur sind für unseren Zweck die rein folkloristischen, ich möchte beinahe sagen, belletristischen Teile, kurz die jüdische Legende, die „Hagada". Denn in ihr, in der Hagada, sind die Ansätze zu einer Volksliteratur im eigentlichen Sinne des Wortes erhalten. Wäre das jüdische Leben nicht so unorganisch, auseinandergerissen, allzu vielgestaltig und kein Verweilen gestattend geworden, so hätte sich aus diesen Ansätzen vielleicht eine grosse und fruchtbare Literatur okzidental-europäischer Art entwickelt. Aber gerade weil die Hagada so fragmentarisch ist, so sprunghaft, so unmittelbar, ist sie das wertvollste Dokument für das Studium der jüdischen Form. Wir können allerdings nur schwer den Zugang zu ihr finden. Sind wir ja dabei gezwungen, mit anderen, fremden Begriffen zu operieren, unsere, der allgemeinen europäischen Kultur entnommenen Massstäbe und Werturteile an sie zu legen. Jede Uebertragung und Uebersetzung ist bereits eine Formveränderung. Jede Sprache hat ihre eigene Logik. Wie können wir nun die Logik des alt jüdischen Denkens erfassen, wenn wir in einer ganz anderen Sprache denken, wenn wir diese alte Literatur mit unseren europäischen Ausdrucksmitteln, wiedergeben müssen? Eine echte, sinn- und stilgerechte Uebersetzung ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Es fehlen einfach unseren Sprachen die Hilfsmittel dazu. Wir wissen z. 13., dass schon auf dem Gebiet der reinen Logik eine ganze Reihe logischer Formen, die im talmudischcn Denken eine so grosse Holle spielen, der gangbaren Logik fremd sind. So z. B. die sog. „Gesera shawa", „Kai we chomer" (was man annähernd mit der Formel ,,a fortiori" wiedergeben könnte) usw. Und wenn manche Gelehrte (wie z. B. Professor A. Schwarz) sich Mühe geben, diese eigenartigen logischen Formen auf den Leisten der allgemeinen, d. h. aristotelischen, zu spannen, so ist das kein Näherbringen der Frage. Wir sind freilich nicht so weit in der Erkenntnis der verschiedenen Denk- und Ausdrucksmöglichkeit fortgeschritten, um eine klare Formel finden zu können. Müssen also tasten, suchen, aufspüren. Vor allem aber rein beschreibend vorgehen. Vielleicht wird es einmal gelingen, auch das Wort dafür zu finden. IL ich knüpfe nun bei dieser Erörterung an eine Hagada-Sammlung an, die zwei jüdische Forscher, Ch. N. B i a 1 i k und J. Gh. R awnitzki in Odessa, veranstaltet haben. Vielleicht wird mancher Historiker und Spezialist auf dem Gebiet des alt jüdischen Schrifttums an dieser Sammlung dies und jenes aussetzen können. Ich will nicht historisch-kritisch untersuchen. Für mich hat diese Hagada-Sammlung einen anderen Wert. Es ist der Versuch, eine Soziologie der Juden, oder vielmehr den Rohstoff dazu zu bieten. Es ist auch ein Versuch, das lebendige Wirken des Judentums in einer Periode des ungehemmten, auf sich gestellten Schaffens zu zeigen. Man könnte an jede Legende, jeden Volkssprnch Bemerkungen an Bemerkungen reihen, bis aus den Einzelbeobachtungen eine mehr oder weniger geschlossene Theorie entstehen würde. Als Vorarbeit dafür ist auch diese Sammlung gedacht. In der Einleitung sagen die Herausgeber: „Die Hagada ist in ihrem Wesen nach nicht etwa eine zufällige, vorübergehende literarische Erscheinung, sondern die klassische Schöpfung unseres Volksgeistes. ... Sie ist eine der grossen Offenbarungen der Nation und deren Individuen. ... Sie enthält — in s t o f f^- lieber Beziehung — die Anschauungen des jüdischen Volkes über sich selbst und seine nationalen Errungenschaften, über seine Ewigkeitswerte, wie über den Alltag, über sein Schicksal in der Vergangenheit, wie über seine Zukunft, über die Grossen der Nation, über Mensch und Welt, Glauben und Wissen, Lebensweisheit und Welterfassen, über das ,,Reich der Erde", wie über das „Himmelreich". . . . Vom Standpunkt der Form aber betrachtet, enthält die Hagada alle literarischen Genres, die den Juden damals bekannt waren: Erzählungen, Legenden, Predigten und Morallehren, Witze und Dichtungen, Wissenschaft und naive Volksdichtung. Der Stil der Hagada hat an sich die Züge der Festigkeit und Präzision der entwickelten Schriftsprache, aber auch vieles von der Saftigkeit der naiven Volkssprache, die „Erdgeruch" hat." . . . Der Hauptreiz dieser Sammlung besteht nun darin, dass hier die Sprache, die Form lebendig erhalten ist. Es ist ja allbekannt, wie schwer, beinahe unmöglich die Uebertragung aus antiken, besonders aber aus einer semitischen Sprache in eine europäische, in eine „indogermanische" ist. Mussten doch schon die Uebersetzer der Septuaginta dem Texte Gewalt antun, konnten doch die alexandrinischen Juden, die ein semitisiertes Griechisch geschrieben und gesprochen haben, denen das Hebräische noch keine tote Sprache war, den Geist, d. h. den Stil, die hinter den Worten sich bergende Stimmung der Bibel nicht wiedergeben. Die grössten Missgriffe und Missverständnisse der abendländischen Kultur entsprachen dieser Schwierigkeit des Verstehens. Der Orient konnte sich den Okzidentalen nicht erschliessen. Alle unsere Begriffe, wie Geist, Logos, Heilig usw. sind bloss Petrefakte einst lebendiger, d. h. anders gemeinter, dinglicher Worte und Gedanken. Und die Schwierigkeit des Sichverständlichmachens hängt nicht allein von der Eigenart und Geschlossenheit der Sprache, sondern eher von der Eigenheit des Denkens ab. Der Talmud war den Niclitjuclen verhasst nicht wegen seines Inhaltes, sondern wegen seiner Form. Sie konnten ihn einfach nicht verstehen. Weder in der Ursprache noch in der Uebersetzung. Sie konnten sich nicht diesen eigenartigen, fremden Denkprozessen anpassen. Was man aber nicht versteht, hasst man. Oder man fürchtet es. ...