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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 761 - 762

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Der jüdische Stil
Date
1911-08-01
Page
Seite 761 - 762 (sequence 1)
Language
German
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761 762 DER JUEDISCHE STIL Von Dr. A. Coralnik. Nachdruck verboten. Das Judentum ist fragereif geworden. Das will sagen, es ist aus der Phase der organischen Selbstverständlichkeit, des naiven Soseins in den Zustand der Desorientiertheit, der Suche nach neuen Zentren, darum auch in den Zustand der besonders intensiven Strahlenbrechung gelangt. Die Wissenschaft des Judentums ist bloss Wissen um die Vergangenheit, um die Inhaltlichkeit, oder besser gesagt um die vergangene Inhaltlichkeit des Tatsachen- und Ideenkomplexes, das man Judentum nennt. Inhalt ist aber eigentlich nur Geschehenes, darum auch Veränderliches und Sichwandelndes. Das Wichtigste jedoch, was das jüdische Problem ausmacht, was Juden und Nichtjuden in gleichem Masse beschäftigt, ist nicht der Inhalt, sondern die Form des Judentums, oder, wie ich es nennen möchte, der jüdische Stil. Denn Inhalte wechseln. Inhalt kann alles werden, alles Ererbte und Erworbene, alles Widersprechende, Aufeinanderstossende, Sichaufhebende. Inhalt allein genügt noch nicht, um eine Kultur zu schaffen, oder auch nur um sie zu verstehen. Was die Konstante, die eigentliche Grundlage jeder Kultur bildet, ist eben die Form, in die diese jeweiligen Inhalte gegossen werden. Wie wir bei der Betrachtung der verschiedenen Sprachen uns nicht so sehr nach dem Wortschatz, als nach der Struktur, der Syntax, der logischen Grundlage und deren Variationen in dieser und jener Sprache richten, so ist auch bei der Betrachtung und psychologischen Deutung einer Kultur nur deren innerer Bau, das Tempo, der Rhythmus, kurz die Form in Betracht zu ziehen. Denn sie ist das einzig Wirkliche, das Unterscheidende der Kulturen. In diesem und nur in diesem Sinne dürfen wir auch von einer nationalen Kultur sprechen. Wer heute von einer inhaltlichen nationalen Kultur, von einem eigenartigen Weltwissen spricht, wer da glaubt, man könnte die Kulturwerke der Menschheit nationalisieren, der missversteht die Grundbegriffe. Hier kann überhaupt von einem Sollen und Wollen keine Rede sein. Entweder es gibt einen nationalen Aspekt, einen eigentümlichen Gesichtswinkel, unter dem sich die Welt dieser Nation zeigt, und dann kann von einer Forderung nach einer ethischen Kultur gar nicht gesprochen werden, denn sie wäre ja schon da. Oder aber ist alles, was wir von den Kulturbesonderheiten, von den „Turnern", wie es einmal so prägnant Carl Spitteier (im „Prometheus und Epimetheus") gesagt hat, was wir von ,,nationaler Kultur" hören, nur eitel Gerede, ein Sichselbstbcschwatzen. Und ist wirklich nichts da, was sich als das ureigene, volkliche Selbst, die eigene Form erkennen liesse, wozu dann das Wollen? Ignoti nulla cupido. Das nichtgeahnte, nichterkannte begehrt man auch nicht. Vielleicht liegt darin der tiefste Grund des Konflikts innerhalb des modernen Judentums — in der Zertrümmerung der Form und in dem Weh des Zerstörens. . . . Die Frage spitzt sich also in eine ganz klare und keine Ausflüchte gewährende zu: Gibt es eine jüdische Form, einen eigenen jüdischen Stil — und ist er die Invariable der jüdischen Inhaltlichkeit? Die Frage ist eigentlich eine sich rückwärtsbeziehende. Denn das Heute ist uns bekannt. Hinter den tausend Verkleidungen, Spiegelungen und Vorspiegelungen lugt das eigentliche jüdische Antlitz hervor. Wir kennen den Glanz des jüdischen Auges, die jüdische Geste, Bewegung, die Art zu reden und zu denken. Heute gibt es einen jüdischen Stil. Gibt es noch. Wir sind oft nicht imstande, ihn zu definieren. Aber die Tatsache ist für uns ein unmittelbar Empfundenes. Das ergibt aber noch keine Wertung. Das Werturteil ergibt sich erst aus der Voraussetzung der Kontinuität. Der jüdische Stil kann nur dann als Stil, d. h. als psychische Form, als Artgebilde gedeutet werden, wenn wir ihn historisch rückkonstruieren können, von der jüdischen Antike bis zur Gegenwart. Gewiss, es wäre ein vergebliches Mühen, eine ganz gerade, eindimensionale Linie zu suchen. Die Biegungen und Verästelungen sind es ja, die erst die Mannigfaltigkeit des Lebens ausmachen. Aber ohne die letzten Zusammenhänge kann es keine ideelle Einheit geben. Und diese Zusammenhänge können nur formeller Natur sein, sich im Stil, d. h. im Rhythmus der Bewegungen und der sprachlichen Reaktion auf die Aussemveit ausdrücken. Wo sind aber die Zusammenhänge des Judentums? Wir konstatieren zuerst beim genauen Betrachten mit Befremden, dass der Jude von heute und vom am nächsten liegenden Gestern nicht unmittelbar und variationslos von der wirklichen, traditionellen Antike des Judentums gekommen ist. Als vor kurzer Zeit in England die grosse Bibelfeier begangen wurde, hoben die Engländer aller Richtungen mit Stolz und berechtigtem Selbstbewusstsein hervor, dass sie das eigentliche Volk der Bibel, das „Volk des Buches" seien. Ich sage, „mit berechtigtem Selbstbewusstsein", denn in der Tat hat die Bibel auf kein anderes Volk so tief eingewirkt, wie auf das englische. Die englische Sprache ist nach der lapidaren, felsenstarren, gewaltigen Sprache der „Skripture" gemodelt worden. Sie hat sich am meisten vom Stil der Bücher des Bundes beeinflussen lassen. Die Juden aber, denen das „Buch der Bücher" Lebenszweck und Erhaltungselement geworden war, haben sich weit davon entfernt. Man nennt die' Juden von heute nicht umsonst „Rabbaniten", „Talmudjuden". Denn die jüdische Tradition, das jüdische Kulturbewusstsein knüpft eigentlich erst an den Talmud an. Und es ist ja klar, dass es so sein musste. Für alle die anderen Völker war die Bibel eine fertig übernommene, festgefügte Ueberlieferung. Den Juden aber war sie ein lebendiges Schaffen, fortdauerndes Sichwandeln, Grundlage des wirklichen täglichen Lebens. Wo man sich nicht bloss in feierlichen Momenten, sondern in jeder Lebenslage mit der „Schrift" auseinandersetzen muss, kann man sie auch nicht sakral hinnehmen. Der Alltag wirft seine Schatten und gibt seinen Rhythmus den erzgegossenen Worten der Ueberlieferung. Es war nicht umsonst, dass die Juden der vorigen Jahrhunderte fast nie die Propheten und auch selten die Bibel gelesen haben, dass auch die Schriftgelehrten sich ausschliesslich mit dem Studium des Talmuds befassten. Der Jude der Diaspora erkannte sich erst im Talmud wieder. Dort fand er seine Anschauungen, seine Art, seine Gesetze, seinen Stil. Die Jahrhunderte vergingen, das jeweilige Kulturmilieu der Jaden änderte sich, auf ihren Wanderungen nahmen die Juden immer neue Bewusstseinselemente an. Die Thora, die Bibel blieb unveränderlich, formerstarrt, und der Jude hatte immer mehr Mühe, sich in seine Antike hineinzuversetzen. Aber der Talmud konnte sich allen Formen

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