Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Isak Noah Mannheimer
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 755 - 756 (sequence 3)
- Language
- German
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755 Dr. M. Rosenmann, Wien: Isak Noah Mannheimer. 756 Prediger Kley und S a 1 o m o n zu seinen Freunden zählte und letzteren zeitweise im Tempel vertrat. Das Jahr 1824 sollte für seine Zukunft entscheidend sein. In diesem Jahre führte Mannheimer eine Hamburgerin, L i s e 11 e Damier, als Gattin heim und im gleichen Jahr November 1824 wurde er auf Vorschlag des Vertreters Markus L a z a r Biedermann, der ihn auf der Leipziger Herbstmesse während der Festtage predigen hörte und ihm auch näher getreten war, in Wien angestellt, freilich zunächst nicht etwa als Prediger oder gar Rabbiner — die Regierung wollte dies der bloss tolerierten Gemeinde nicht konzedieren — sondern bloss mit dem Titel eines „Direktors der Wiener kaiserlich-königlich genehmigten öffentlichen israelitischen Religionsschule". Das Schicksal der Wiener Gemeinde war damit zu ihrem Heil entschieden. Im Jahr 1S25 trat Mannheimer nach Ueberwindung mannigfacher Schwierigkeiten sein Amt an, und nun begann jene rastlose Tätigkeit, die ihn zum Vater der Wiener Gemeinde, zum- Erzieher des österreichischen Judentums, zu einer der lichtvollsten Gestalten der modernen jüdischen Geschichte machen sollte. Schon am 12. Dezember 1825 konnte er die Grundsteinlegung und am 9. April 1826 die Einweihung des Tempels in der Seitenstettengasse in Anwesenheit des ersten Kanzlers und Ministers des Innern des Grafen Saurau und anderer Hof- und Staatswürdenträger vornehmen. Allein die eigentliche historische Weihe verlieh er diesem Gotteshaus durch sein unvergleichliches Meisterwerk, durch den von ihm geschaffenen und nach ihm benannten Mannheimer Ritus des Gottesdienstes, der durch die pietätvolle Berücksichtigung der Tradition bei aller Bedachtnahme auf die Forderungen der modernen Zeit jedem Zwiespalt in der Gemeinde von vornherein Ursache und Vorwand nahm. Wenn die Wiener Judenschaft und mit ihr das österreichische Judentum des Besitzes einheitlich geschlossener Gemeinden sich erfreuen und der Aussemvclt nicht, wie dies so oft anderswo der Fall ist, das Schauspiel sich'gegenseitig bekämpfender zweier oder dreier Gemeinden bieten, so ist dies in allererster Reihe das unsterbliche Verdienst Mannheimers. Dies anerkannten auch die Vertreter der Gemeinden im Jahr 1S5(> mit den Worten: „Vor allem aber dafür Dank, dass Sie den Dämon der Zwietracht von dieser unserer Gemeinde fernzuhalten wussten und dass wir, wenn auch aus einem Häuflein zu zwei Lagern (Seitenstettentempel und Leopoldstädter Tempel) an - gewachsen, dennoch nur eine Herde bilden." Im Anschluss an die Neuordnung der Liturgie, die einen gewaltigen Interpreten in dem genialen Meister des Gesanges Salomon Sulzcr fand, übersetzte Mannheimer später das G e b e t b u c h sowie die F e s t g e - bete f ü v alle Feiertage des Ja Ii r es — für sich allein eine Riesenarbeit. Nicht minder bahnbrechend war sein Eingreifen in die Gestaltung des Religionsunterrichtes. Im Jahr 1S12 wurde wohl die moderne jüdische Religionsschule im Dempfingcrhof eröffnet: sie stand — ein Zeichen der Zeit unter der Oberaufsicht der Polizei und des Domscholasten zu Sankt Stephan. Allein die Unklarheit über Lehrstoff und Lehrziel wirkte derart lähmend auf die Entwicklung, dass sie allmählich verfiel. Eine Zeitlang wurde der Unterricht in der hebräischen Sprache vollständig ausgeschaltet und nur auf den Katechismus nach dem damals gebräuchlichen Lehrbuch Bne-Zion beschränkt. Mannheimers erste Tat auf diesem Gebiet war die Festlegung zweier Grundsätze, die in der Sitzung derVertreter vom8. Januar 1SC 6 zur Annahme gelangten und klar und deutlich lauteten: „Die Kenntnis der hebräischen Sprache ist höchst notwendig, um: a) „die Bibel im Grundtext zu lesen und zu verstehen und daraus die Religionslehre und das Zeremonialgesetz kennen zu lernen, b) „die hebräischen Gebete ebenfalls zu verstehen und dadurch die Andacht auf eine entsprechend würdige Weise zu verrichten." Zwei unerschütterliche Grundsäulen, auf denen der israelitische Religionsunterricht wird immer ruhen müssen, soll uns nicht die Jugend verloren gehen! — Welch hohe Anschauung Mannheimer von den Aufgaben seines Predigeramtes hatte, an dem er mit allen Fasern seines Herzens hing, bezeugt eine Rede, in der er sich gegen die Prediger wandte, die ihre Ansprachen an die Gemeinde mit Sophismen und blendenden, aber kalten Geistesblitzen versahen. „Ihr missversteht des Herrn Wort — ruft er aus — das Wort Gottes ist der Hammer, der die Herzen zermalmt, die versteinert und verhärtet sind, ist aber keineswegs der Stein und Kiesel, den ihr nach eigenen Gedanken zerreiben und zermalmen könnt, bis er Funken sprüht. Daran wird keiner satt. Daran geneset kein krankes Herz, daran werden die Toten nicht lebendig werden. Lasset das Wort lebendig werden durch Licht und Klarheit, Lebensglut und Wärme, dann wird das verfallene Heiligtum des Herrn wieder hergestellt w erden und sich erheben zum Ruhm der Welt!" Den Eindruck, den Mannheimer auf der Kanzel hervorrief, schildert sein Zeitgenosse Gerson Wolf in seiner biographischen Darstellung mit den Worten: „Mannheimer ist körperlich zart gebaut und von nicht hoher Statur. Auf den ersten Blick erkennt man, dass man es hier nicht mit einer gewöhnlichen Persönlichkeit zu tun hat. „Trotz grosser Lebendigkeit in Worten und Gebärden verlässt ihn nie die angeborene Würde. Das grosse dunkle Auge, die markanten Züge, das spärliche lange Haar erinnern, wenn er in flammenden Worten zu seiner Gemeinde spricht und von einem Gegenstand tief ergriffen ist, an die alten Glaubenshelden, die für ihre Uoberzcugung lebten und zu sterben für dieselbe bereit waren." Gross war Mannheimer als Kulturträger, gross als Prcd iger, unvergleichlich aber als Seelsorger. Das war sein ureigenes Gebiet. Er war der Berater der Reichen, der Förderer der Armen, als die Gemeinde nochganz klein war " und kaum dreitausend Seelen zählte; er blieb es auch, als sie Zehntausende und Aber- Adolf Jellinek. gost. 1893.