Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Isak Noah Mannheimer
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 753 - 754 (sequence 2)
- Language
- German
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753 Dr. M. JRosenmann. Wien: Isak Noali Mannheimer. 754 deutschen sogar eine reformatio in peius: eine Verschlimmerung. Und überdies drangen "bald die Hep-Hep-Rufe der deutschtümelnden Studenten, die von Würzburg ihren Ausgang nahmen, nach Oesterreich hinüber und übertönten jede Bitte der Juden, jede Fürsprache ihrer Gönner, und verscheuchten vollends den Josephinischen Geist. Wohl zählte Wien bereits eine stattliche Anzahl geadelter jüdischer Familien, so die Arnstein. Eskeles, Herz, Königsberg, Lämmel, Liebenberg, Neuwall, Wertheimstein, allein sie galten gleich den anderen Wiener Juden bloss als toleriert, d. h. geduldet, und unterlagen besonderen Steuern und Gesetzen. Ausser den etwa 100 tolerierten Familien gab es noch solche in Wien, die gegen eine bedeutende sogenannte Bollettentaxe den Regierungsschutz für eine zweijährige Dauer erhielten. Fremde Juden konnten nur gegen Lösung eines teuer bezahlten Scheines auf dem Judenamt für kurze Zeit in Wien verweilen. Wie sehr dieser Steuerdruck in seinen hässlichen Formen die Juden belastete und manchen mutigen Juden zu einer freien Aeusserung veranlasste, bezeugt eine verbürgte Begebenheit. Kaiser Franz besuchte seinen Bruder, den Kardinalerzbischof Erzherzog Rudolf in Olmütz; dieser stellte dem Monarchen seinen Günstling Simon Edlen von Lämmel vor. Der Kaiser bemerkte hiezu: „Herrn Lämmerl kenne ich; wenn nur alle Juden so wären!" — Lämmel hatte den Mut zu erwidern: „Ja, damit Eure Majestät sie scheren könnte." Der leutselige Monarch trug ihm dieses freimütige Wort nicht nach; denn als Lämmel später mit einer Deputation böhmischer Juden bei ihm in Wien erschien und sich im Hintergrunde hielt, rief ihm der Kaiser zu: „Kommen Sie nur näher, hier w i r d nicht geschoren!" Der religiöse Zustand der Juden war aber nicht minder trostlos. Die Mendelsohnische Richtung, die den Eintritt des Judentums in die europäische Kultur erstrebte, verflachte immer mehr, und Schwarmgeister wie Herz Homberg und Elieser Liebermann trugen durch allzuweit gehende Forderungen nach Reformen im Kultus viel zu ihrer Diskreditierung sowie zur Verwirrung der Geister bei. Auch die Wiener Judengemeinde, die eigentlich illegal existierte, da sie von der Regierung bloss toleriert wurde, befand sich in einem Chaos. Der mit Bewilligung des Kaisers Franz im Jahr 1811 angekaufte Dempfingerhof am Katzensteig Nr. 598 (jetzt Seitenstettengasse 4), in dem Betstube und Religionsschule sich befanden, musste wegen eingetretener Schäden im Jahre 1824 umgebaut werden. Die damaligen Vertreter: Markus Lazar Biedermann, Isak Low Hofmann, Markus Ritter von Neuwall, Ignaz Ritter von Liebenberg und Max Edler von Königsberg wünschten im Sinne vieler, dass das neue Gotteshaus dem neuen Kultus gewidmet werde. Doch wie sollte dieser neue Kultus, das heissumstrittene Schibolet aller Parteien, beschaffen sein? Etwa nach der radikalen Art des Hamburger Tempels, — über dessen Ausschreitungen selbst Heinrich Heine spottete — wie dies der „Verein der Beförderer des Guten" wünschte, und so den Zwiespalt in die Gemeinde tragen? Oder sollte eine neue, allen Anschauungen mehr oder weniger entsprechende Form gefunden werden? Von dieser Tatsache hing die Entwicklung der Wiener Kultusgemeinde ab und vielleicht — da Wien vorbildlich war — auch die aller jüdischen Gemeinden Oesterreichs. In diesen schicksalsschweren Zeiten erschien als providentieller Mann auf dem Plane Isak Noah Mannheimer. Mannheimer, am 17. Oktober 1793 in Kopenhagen als zweites Kind eines aus Ungarn stammenden Vorbeters geboren, besass alle Voraussetzungen, u m e i n neuer Führer der Irrenden zu sein. Durch Erlangung einer systematischen Ausbildung in den klassischen Disziplinen, die er neben den privaten Prediger Mannheimer u. Oberkantor Sulzer bei der Beerdigung der Märzgefallenen. (Aus Itenhauer-Sinets: Das Jahr 1848. Geschichte der Wiener Revolution). hebräischen und talmudischen Studien am Gymnasium, an der sogenannten Kathedralschule , und später an der philosophischen Fakultät seiner Vaterstadt be trieb, wurde er vor jenem unreifenAutodidaktentum bewahrt, das vielen damaligen jüdischen Predigern das Augenmass für die realen Verhältnisse nahm und sie zu allerlei wahllosen Experimenten verleitete. Durch die im Jahr 1814 von der dänischen Regierung den Juden spontan gewährte bürgerliche Gleichberechtigung war er damals der einzige jüdische Gelehrte, der schon frühzeitig in sich die Eindrücke eines freien Judentums aufnehmen konnte, und die Sehnsucht nach einem ähnlichen Zustand auch anderswo nicht mehr einbüsste; dazu kam seine angeborene Beredsamkeit, die weniger auf momentane Effekte als auf bleibende Wirkung hinzielte, und nicht zuletzt seine ideale Persönlichkeit, die ihm alle Herzen leicht eroberte. „Seelenadel, verbunden mit einer Uneigennützigkeit, die an Selbstlosigkeit streifte, Hingebung an die gewonnene Ueberzeugung, verbunden mit Zartgefühl gegen die Anschauungen anderer; Widerwillen gegen das Gemeine, verbunden mit Nachsicht gegen die Gemeinen, fesselten die Edlen und flössten den Unedlen selbst Ehrerbietung für ihn ein," so urteilte Graetz, der ihn persönlich kannte und sonst mit anerkennenden Worten über Zeitgenossen recht sparsam war. < _ In seiner Jugendzeit gehörte' wohl Mannheimer auch zu den Stürmern und Drängern. 1817 stellte er sich als von der dänischen Regierung bestellter jüdischer Katechet an die Spitze einer Reformpartei in Kopenhagen, die den Gottesdienst vom Samstag auf den — Mittwoch verlegte, wobei Mannheimer in dänischer Sprache predigte. Vier Jahre lang unter fortwährenden Kämpfen dauerten diese Andachtsübungen, bis weitgehende Spaltungen ihnen ein Ende bereiteten und Mannheimer, durch diesen Schiffbruch gereift, zum Stabe griff. Seine Lehr- und Wanderjahre führten ihn zunächst nach Berlin, wo er mit den Mitgliedern des Kulturvereins: Zunz, Jost, Moser und Gans in Berührung kam und zum ersten Male in deutscher Sprache predigte, dann vorübergehend nach Wien, wo er an drei Sabbaten des Monats Juli 1S21 im Dempfingerhof das Wort Gottes verkündete und einen nachhaltenden Eindruck hinterliess. Er kehrte auf kurze Zeit nach Kopenhagen zurück, von wo er bald wieder nach Berlin sich begab, und in seinen Hoffnungen, daselbst einen Predigerposten zu erhalten, getäuscht, nach Hamburg ging, wo er Gabriel Riesser und die