Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Aphorismen zur Moralphilosophie
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 737 - 738 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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737 Eduard Saenger: Aphorismen zur Moralphilosophie. 73S JOZEF ISRAELS. Der treue Freund. oelgemaej.de. inneren Wegweisers". Die Banalität einer solchen Knmpromiss-Ethik bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. So nimmt es nicht wunder, dass er den kategorischen Im])orativ — der freilich als moralische Richtschnur zu widerlegen ist — mit der plumpen Bemerkung antastet, die Religionen kennen den Menschen besser, namentlich das Judentum, das die richtige Mitte zwischen Pflicht und Genuss innehalte. Pflicht und Genuss sind so sekundäre Begriffe, dass sie mit dem Kern einer Religion oder Ethik gar nichts zu tun haben; vielmehr handelt es sich dort um Gerechtigkeit oder Liebe oder Mitleiden. Kant hat nichts anderes als eine ideale Gerechtigkeit im Sinne, die man wohl mit Gründen der Erkenntnis, aber nicht mit der Stimme des Missbebagens abtun kann. Seiner Entdcckcrlust sowohl wie seiner Erkenntnisschwäche entsprechend, besitzt der Verfasser eine Ehrfurcht vor der Philosophie und zugleich ein Misstrauen gegen sie. Er sagt sehr schön, Philosophie sei zweite" Religion, Anfang und Ende aller Wissenschaft; er verkennt nicht, dass das besondere Erlebnis, vereint mit der Intuition, zur ■ Philosophie führe; er fordert nicht unweise vom Philosophen, dass er seinen Blick auf das Ganze des Lebens richte. Weiter aber kommt er nicht. Hier setzt die abgestandene Weisheit ein, dass das Wesen der Dinge ein Problem bleiben werde, hinter das jemand höchstens durch einen Zufall kommen könne. Der primäre Pessimismus des Wissenschaftlers, gepaart mit einer kindlichen Wim.dcrhoff.nung, findet in dieser Schlusswendung wie an anderen Stellen seinen Ausdruck und wird schliesslich zur Ruhe gebracht durch das Mcyersche Universal mittel eines Kompromisses zwischen Forderung und Möglichkeit, hier „Relativismus'' genannt. Voll sittlichen und religiösen Eifers jedoch zidit er über den Geist der Neuzeit her, den er mit den Worten „positivistisch", „empirisch" und ..glaubenslos''' immer wieder brandmarkt. Sein Innerstes will er in dem umfangreichsten Kapitel über R e 1 i g i o n geben. Er erklärt, erst die Religion setze die Menschheit ins richtige Verhältnis zur Objektivität (zwischen Absolut und Relativ, Unendlich und Endlich). Er verlangt Entwickhing der überlieferten Glaubenslehre. Einige ganz gute Sätze spricht er über Religion im allgemeinen aus, gibt aber auch nicht dio leiseste Andeutung einer religiösen Basis und widerruft vi.de Lobpreisungen des Glaubens durch nachfolgende skeptische Aussprüche. Seine letzten Begriffe, Absolut — Relativ, Unendlich — Endlich, besonders aber „Göttlich" entbehren jeder persönlichen Durchleuchtung und sind nichts als Phrasen. Hervorzuheben ist sein Standpunkt gegen Nietzsche. Ueberhaupt ist Dr. Meyer am stärksten — oder am wenigsten schwach — in der Charakterisierung