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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 739 - 740

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Aphorismen zur Moralphilosophie
Date
1911-08-01
Page
Seite 739 - 740 (sequence 3)
Language
German
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739 Eduard Saenger: Aphorismen zur Moralphilosophie. 740 gegebener Verhältnisse, vorhandener Richtungen und Institutionen (mit Ausnahme der Kunst), kurz da, wo er nicht spekulativ zu sein braucht. Wir stellen seine vergleichenden Gedanken über Judentum und Christentum im Auszug an das Ende der Betrachtung, um in dorn Leser dieser Zeitschrift einen Nachhall des Werkes klingen zu lassen: Das Judentum ist die klassische Sittenlehre, aul das Mögliche, das Leben, sich beschränkend: es ist aristokratisch; es stellt die höchste menschliche Religion dar, seine Norm ist das Recht- Es stammt von einem kulturtreuen, positivistischen Volke, das, alsjiltcstes,_die Tragik von Welt und/Loben am tiefsten empfindet. — Das Christentum ist eine romantische Sittenlehre, von Leben und Realität abgekehrt; unhistorisch, universell. Es ist an sich die höchststehende Religion, doch kann die Norm der Liebe keine Norm sein. Es ist kulturfremd, jedoch mit der tiefsten isolierten Psychologie durchtränkt. — Alles in allem bedeutet das Buch für den gebildeten Menschen kaum eine Bereicherung, noch weniger eine Vertiefung des sittlichen und religiösen Fühlens und Denkens. Eine strenge Auslese würde das Werk heben und zu einem erträglichen Aphorismenbuch neben vielen anderen machen. FEITELE ZADDIK'S Nach dem Abendgebet blieben die alten Juden an der Synagoge, um gemeinsam Midrasch zu Jemen. Sie setzten sich an den langen Tisch, der vor dem grossen Ziegelofen stand, jeder nahm seine Talgkerze in die Hand, die alten Leute •setzten ihre Brillen auf, dieser und jener hüstelte, schob sein Käppi auf den Hinterkopf, und nach einigen wenigen Augenblicken sassen alle vor ihren grossen Folianten. Allein die müden Juden, die den ganzen Tag auf dem Markte oder im Hause schwer gearbeitet hatten, waren bei der einschläfernden Wärme nicht recht zum „Lernen" aufgelegt. Sie blätterten ■etwas träge in ihren Folianten; die Alten, halb verschlafen, schmatzten vor» Wohlgefühl und brummten gleichgültig vor sich hin; andere wieder plauderten miteinander, erzählten sich gegenseitig dieses und jenes vom Hause, von der Gemeinde, vom Markte und von der Synagoge. Die Müden und Schläfrigen wurden bald neugierig und lauschten den Gesprächen und Geschichten ihrer „Mitlerner". Jeder gab etwas von seinen Erfahrungen und Erinnerungen zum besten. Jeder erzählte in ernstem Tone und keiner vergass die Moral der Geschichte zu ziehen. Man sprach viel von Menschenglück, von Menschenschicksal, von der Verschiedenheit des Schicksals, man führte Beispiele an, jeder aus der reichen Schatzkammer seiner Erinnerung und Erfahrung, aber immer in ernstem, würdevollem Ton. Die Rede kam dann auch auf die Besucher dieser Synagoge. Die uralte Synagoge hatte natürlich eine wechselvolle Geschichte. Reb Schlome, der bis jetzt ruhig und mit Interesse zugehört, begann, sobald man von der J) Soeben ist bei Louis Lamm in Berlin ein Bündchen Erzählungen aus dem osteuropäischen Ghetto-Leben von Herrn Dr. S. M. Melamed erschienen, zu dem der Meisler der jüdischen Novelle, Herr Israel Zangwill-London ein warmes Vorwort geschrieben hat. Das neue Ghetto- Buch führt den Titel ,,Gestalten und Schatten". Wir überlassen es dem Leser, indem wir diese Erzählung aus dem genannten Bändchen zum Andruck bringen, selbst zu beuiteilen, inwieweit Mr. Zangwill recht hat, wenn er im Vorwort sagt: ,,Zu welchen Höhen und Tiefen der Verdammung und Veifolgung Demut führen kann, zeigt Dr. Melamed in „Feitele Zaddik's Leben und Tod". Ich zögere keinen Augenblick zu sagen, dass Feitele Zaddik eine der tragischsten Schöpfungen der an Tragischem so reichen Ghetto-Literatur ist, gleichwohl, ob man ihn in seinem eigenem Wesen als bestimmte Einzelgestalt, ob man ihn als Symbol der gesammten Verfolgung der russischen Juden betrachtet". Mr. Zangwill schliesst: „Das lesende Publikum kann sich beglückwünschen in Dr. Melamed zugleich einen Künstler und einen Denker zu haben". Jeder, der in die Tiefen der Ghettopein blicken will, mag Dr. Mölameds Buch zur Hand nehmen. Anmerkung der Redaktion. LEBEN UND TOD.1) Nachdruck verboten. Synagoge zu reden anfing, sich am Gespräch zu beteiligen. Nachdem sein Vorredner mit der Erzählung zu Ende war, fing er etwas leise und schüchtern an: „Juden, was wisst ihr, welche Menschen schon in dieser Synagoge gelebt und gebetet und gelernt haben?" Ein Greis fiel ihm ins Wort und lächelte: „In der Synagoge betet und lernt man, aber in der Synagoge lebt man nicht." Da antwortete Reb Schlome etwas gereizt: „Doch, gewiss lebt man in der Synagoge, gewiss lebt man in der Synagoge, gewiss, gewiss, lasst mich doch erzählen!" „Juden, hat jemand von euch Feitele Zaddik gekannt?" Alle schwiegen. Darauf weiter Reb Schlome: „Feitele Zaddik hat in dieser Synagoge gelebt. Wisst ihr nicht, wer Feitele Zaddik war? Ich will's euch erzählen." Reb Schlome griff zu seiner Tabaksdose, schob eine tüchtige Prise in die Nase, und nachdem er sich so erfrischt hatte, fing er zu erzählen an: ,,Feitele Zaddik, ein kleiner, rundlicher Jude und starker Siebziger, war weit und breit als Sonderling bekannt. Er hatte keine Beschäftigung. Tag und Nacht sass er auf der langen Ofenbank in diesem Bethause und blätterte stumm in einem Midraschfolianten, der vor ihm auf einem wackligen Ständer lag. Niemand kannte ihn. Er hatte kein Heim, kein Haus, keine Familie und keine Verwandten in der Stadt. Man sah ihn selten auf der Strasse, noch seltener hörte man ihn sprechen, höchstens, wenn er einmal Abremele Zwiebel, den alten, griesgrämigen Synagogendiener, um eine Talgkerze bat. Die alten Juden und die Grossmütter sahen in ihm einen Heiligen, einen Zaddik, und bezeugten ihm stumm und still ihre Ehrfurcht. Die jungen Leute meinten, Feitele sei ein überspannter Mensch oder ein Büsser, der viel zu bereuen habe, und wollten nicht recht an seine Heiligkeit und Makellosigkeit glauben. Indes seine völlige Absonderung von der Welt und vom Leben flösste auch ihnen eine gewisse Achtung vor ihm ein. Die Achtung bestand darin, dass sie ihn nicht bespöttelten und ihn gehen liessen. So konnte Feitele Zaddik Tag und Nacht über seinen

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