Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Aphorismen zur Moralphilosophie
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 735 - 736 (sequence 1)
- Language
- German
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735 736 APHORISMEN ZUR MORALPHILOSOPHIE. Voll Eduard Sacnger.*) Nachdruck verboten. Aphorismen sind unausgeführte, angedeutete oder im Extrakt gegebene Lebensbetrachtungen, d. ii. Beobachtungen über Mensehensoclc und Schicksal, Erfahrungswelt und Ideenwelt, Natur und Geist. Sic1 werden von solchen Naturen geschrieben, die mehr noch als Erkenntnis letzter Gründe eine vorläufige Richtschnur für das praktische Leben, eine Ethik suchen; die, dein unruhigen Pulse ihres Lebens folgend, täglich und stündlich vorwegnehmen, was dem stillen beharrlichen Denker als Frucht oft jahrzehntelanger abstrakter Geistesarbeit zufällt. Es ist den Aphoristen immer um den Augenblick und nur um den Augenblick ernst, auch da wo sie ewige Wahrheiten prägen. Eine Zusammenstellung solcher Sätze, auch wenn sie weit mehr als Einfälle sind und gar hier und da sich zu Essays auswachsen, kann doch niemals eine Philosophie oder eine Ethik ergeben; es bleiben A'ielmehr »stets Bausteine, und zwar gewöhnlich auf dem Wege zwischen Philosophie und Ethik. Ein solcher Weg von der Philosophie zur Ethik müsste immerhin kenntlich sein in einem Buche mit dem Titel ,,Aphorismen zur Moralphilosophie"'. Es müsste wenigstens blitzartig letzte Erkenntnisse aufleuchten lassen, die in der Seele einen Widerschein fänden, in dessen Lichte man die Linie des menschlichen Lebens einen Augenblick wahrnehmen könnt », lange genug, um ihren Lauf nachher annähernd richtig aufzeichnen zu können. Letzte Erkenntnisse wären vor allem nötig. Ein „angeborenes Gefühl" würde nicht einmal zu einem Moralkatechismus für Kinder hinreichen. Noch weniger dürfte dies eine Stätte finden, wo es sich um Moral - P h i 1 o s o p h i e handelt. Fertige Begriffe, wie das „Wahre, Gute und Schöne" dürfen nicht aufgetischt werden, Gut und Böse müssen als Probleme erst behandelt werden, und ,/Religion" endlich muss über die Vorstellung von Judentum und Christentum hinaus zu ihren Quellen hin verfolgt werden. Das vorliegende Buch genügt keiner dieser Anforderungen; es verzichtet somit auf alle Philosophie und würde eben eine (praktische) Moralich rc geben, wenn eine solche bestehen könnte ohne den Halt der Erkenntnis, iiier muss nämlich gesagt werden, was mancher geahnt und kaum Einer recht eingesehen hat, dass Erkennen nicht eben in dürrer Gedankenarbeit besteht, aus der sich allerdings keine Richte für das lebendige Leben gewinnen Hesse: sondern dass rechtes Erkennen Denken und Fühlen zugleich ist, beides zu einer höheren Einheit verschmolzen, clio man als „Schauen", als „Intuition" und wohl auch als „Erleben" bezeichnet hat. Und so beginnt der achtfache Pfad des Buddhisten, der Pfad, der durch Sittlichkeit zur Erlösung führt, mit dem „rechten Erkennen" — nicht mit dem Glauben, nicht mit der ] iebe noch mit dem ..Absoluten". Die Entschuldigung, dass der Vorstand nicht atisreiche, um zu einer Ethik zu gelangen, ist ebenso falsch wie richtig. Das Werk von Dr. phil. M a r t i n M e y e r zeichnet sich äusserlich, wie so manches Buch von Männern der Wissenschaft, durch einen schlechten Stil aus. Vor ihnen voraus hat es noch ein stellenweise ganz besonders böses Deutsch. Logisch falsche Verbindungen, wie „das Ideale und Reale" statt *) Martin Meyer: Aphorismen zur Moralphilosophie. Verlag von Hermann Seemann Nach!'. (Berlin und Leipzig). „das Ideale und das Reale" sind häufig; „mal" für „einmal" soll wohl dorn spröden Schriftdeutsch Geschmeidigkeit verleihen. D rei kleine Stilproben müssen leider hier ihren Platz linden, damit derartiges dem Leser nicht zum zweiten Male zugemutet werde: S. 2/i0: „Manche Weiber g e b ä r c n eine höchst gefährliche Naht zusammen — — was soll es Gott a u s in a c ken?" S. 237: „. . . . und deshalb kennen sie auch am besten di: Leere des Gesellschaftlichen als solchem . . S. 47: „Es wäre sehr wohl möglich, dass man dadurch, dass man das Loben zum höchsten Prinzip erhebt, durchaus nicht in Wirklichkeit es am meisten fördert." Zu rügen sind schliesslich noch gewisse derbe Ursprünglichkeiton, die eigentlich eine andere Bezeichnung verdienen. Wir verneinnen da ein Poltern: „So ein Quatsch, über's Leben etwas sagen zu wollen: Leben ist doch viel mehr als Sagen!" Und einen Aufschrei: „Wie der kategorische «Imperativ die Nerven angreift!" Und gar einen Ausfluss höherer Eingebung: „Wenn man eine Ahnung hätte, was vom Lebensstandpunkt aus die Logik für eine Armseligkeit ist!" Der Verfasser ist im Vorwort der bescheidenste und zugleich der unbescheidenste Mann. Er erklärt: „Vielleicht nur ein Goldkorn unter tausend Sandkörnern; dann sollte es (?) um des einen Goldkorns willen gesagt werden." Es sind über das Buch etwa ein Dutzend wenigstens vergoldete Körner verstreut: was um deren willen aber gesagt ist, das nimmt 2D7 Druckseiten ein und besteht, um bei dem Bilde zu bleiben, aus Körnern von weit geringerer Substanz. Kurz, um eine Vorstellung von dem., was der Verfasser sagen will, zu gewinnen, .müssen wir den Extrakt aus den wichtigsten Kapiteln des Buches herauszuziehen und den gewonnenen Inhalt zusammenstellen. Als M c t h o d e verwirft Dr. Meyer das empirische und fordert das intuitive Vorgehen; man solle kein Werk, sondern eine Reihe von Einfällen schreiben. 'Den Grund verrät er: seine Kraft reicht nicht aus. 1) ie e r k enntnistheo r e t i s c h c Basis ist, wie angedeutet, sein' schwach, oder eigentlich gar nicht vorhanden. Nach einigem Gerede über Absolut und Relativ und die verschiedenen Ismen folgt die These: Es gibt ein Absolutes, an dessen Entwicklung wir mitzuarbeiten haben. Seinem Wesen nach absolut und objektiv ist das S i 11 e n g e s e t z , die „Geltendmachung des Endlichen gegen das Unendliche", im Gefühle angeboren, mit dem 'Verstand nicht zu begründen. Das alles hat Kant schon viel besser gesagt. Auch dass die Ethik auf „positive Werte" ziele, ist oft genug festgestellt worden; welcher Art aber diese Werte sind, was man überhaupt als Werte bezeichnen kann, das scheint für den glücklichen Verfasser kein Problem zu sein. Er gibt nur in späteren Abschnitten die Erklärung ab, dass er an das Vorhandensein von Gut und B ose, an T u g e n d als positiven, S ü n cl e als negativen AVillen und an einen „immanenten" Lohn, einen Ausgleich im „Weltganzen", im „Akkord der Seele" oder in der „inneren Vorstellung" glaube. Beruhigt durch die neue Entdeckung, dass (las Positive das Absolute sei. empfiehlt er als ethisches Prinzip, die Mitte zu halten „zwischen den allgemeingültigen Anforderungen und der Normgebung des