Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Die Krisis in der englischen Judenheit
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 723 - 724 (sequence 3)
- Language
- German
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723 Dr. S. M. Melamed-Londpn: Die Krisis in der englischen Judenheit. 724 Ausbildung zum Rabbiner. In jedem grössern Ort soll ein „Beth-Din" eingesetzt werden, das über das religiöse Leben der Juden in der Provinz wacht. Aber wer soll Mitglied der Beth-Din sein, da es keine kreierte Rabbinen gibt? Die Kantoren, die bis jetzt die gleichen Funktionen ausübten wie die „Minister"', verlangten gleichfalls Sitz und Stimme im Beth-Din. Diese Frage teilte die Konferenz in zwei Parteien. Auf der einen Seite Geistlichkeit gegen Genieindeführer, auf der andern Seite eine Spaltung innerhalb der Geistlichkeit selbst. Diese Spaltungen und Konflikte wurden noch durch die Aussage des verewigten Chief-Rabbi vor der Kommission für Scheidungsreform verstärkt. In England besteht bis auf den heutigen Tag das christlich-mittelalterliche Scheidungsgesetz zu Recht. Die liberale Regierung hatte eine Kommission zur Einführung einer Scheidungsreform eingesetzt, die das Material für das neu einzubringende Gesetz sammeln sollte. Es wurde auch u. a. Dr. Adler in seiner Kapazität als Vertreter des jüdischen Gesetzes vernommen. Nach der Meinung der hiesigen massgebenden russischen Rabbinen sagte Dr. Adler das Gegenteil von dem aus, was das jüdische Gesetz lehrt, und verlangte u. a., dass ein Gesetz geschaffen werde, das denjenigen Rabbiner mit Gefängnis bestraft, der ein „Get" (Scheidungsbrief) ausstellt. Bis jetzt erkennt das englische Gesetz einen solchen ,,Get" nicht an, bestraft aber auch nicht seinen Aussteller. Die Scheidung in England ist mit vielen Kosten und Schwierigkeiten verbunden und ein Paar, das in Russland von einem Rabbiner getraut wurde, hätte unsägliche Schwierigkeiten zu überwinden, wollte es von einem englischen Gericht die Ehe scheiden lassen. Da sich der Staat um die in Russland Getrauten wenig kümmert, wenn er auch die russische Trauung anerkennt, so ist es ihm vielleicht lieb, wenn solche zwei Scheidungslustige, die nur religiös getraut sind, sich auch religiös scheiden lassen und die Gerichte nicht belästigen. Die Aussage Dr. Adlers hatte seinerzeit einen Sturm der Entrüstung in der hier lebenden osteuropäischen Judenheit hervorgerufen und zu einer Konferenz von osteuropäischen Rabbinen in England geführt, die gegen Dr. Adlers Aussage heftig protestierte. Durch diese stürmische Protestbewegung büsste nicht nur das Chief-Rabbinat an Ansehen und Autorität bei den Ostjuden in England ein, sondern auch bei den jüdischen Geistlichen, die Adlers unmittelbarer Autorität unterstellt waren. Auch die allgemeine Presse nahm von diesen Kämpfen Notiz und stellte sich auf die Seite der osteuropäischen Juden. Die Geistlichen in den Provinzgemeinden, deren Mitglieder zum grössten Teil osteuropäische Juden sind, mussten damit rechnen, dass, wenn sie sich in dieser Frage auf die Seite des Chief-Rabbis stellten, ihre Position noch unhaltbarer werden würde. Dieser Konflikt artete zu einem Gemeindeskandal aus, als der gegenwärtige Rektor des Rabbiner- Seminars, Prof. Dr. Büchler, ein Mann von europäischem Ruf und von eiserner Energie, anlässlich der diesjährigen Preisverteilung im Rabbiner-Seminar den Chief-Rabbi wogen seiner Aussage vor der Kommission scharf mitnahm und auf die Konsequenzen hinwies, zu denen Dr. Adlers Aussage führt und führen rnuss. „Wem sollen die Schüler glauben, ihrem geistlichen Oberhaupt oder dem talmudischen Gesetz, das zu lehren Sic mich hier berufen haben," rief Dr. Büchler JOZEP ISRAELS. Der Dorfschreiber. OELGEMAELDE.