Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Die Krisis in der englischen Judenheit
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 721 - 722 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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721 Dr. S. M. Melamcd-London: Die Krisis in der englischen Judenheit. 722 JOZEF ISRAELS. Genesung. OELGEMAELDE. Judentums zu fördern oder gar zu vertiefen nicht in der Lage waren, versteht sich von selbst. Solange die englischen Juden in der Mehrheit waren und solange der grösste Teil der jüdischen Geistlichen anglizisicrt oder geborene Engländer war, nahm niemand Anstoss an solchen Zuständen. Es gab einen Oberrabhiner ohne Rabbiner. Alle religiösen Fragen, von der geringsten bis zur bedeutendsten, wurden vorn Überrabbiner beantwortet, ja der Gemeindegeistliche wurde gar nicht einmal befragt. In den letzten zwei Dezennien aber erhielt das englische Judentum durch die Einwanderung von Juden aus Osteuropa ein ganz anderes Aussehen. In wenigen Jahren majorisierten sD die englischen und anglisierten Juden. Diese osteuropäischen Juden haben nun andere Vorstellungen und Begriffe von einem Rabbiner und eigene jüdische Traditionen, die sie auch in der neuen Heimat zu pflegen gewillt waren. Die eingeborenen Juden versuchten die Eingewanderten in ihrem, dem englischen Geiste zu erziehen. Der Versuch wurde jedoch abgewiesen. Wegen des Respekts, den der selige Chief- Rabbi bei ihnen genoss, sahen sie von einem offenen Kampf ab und begnügten sich nur mit der blossen Abweisung. Sie gründeten eigene Gemeinden, beriefen eigene Rabbinen aus Osteuropa, die sich des Friedens willen Dr. Adlers Oberhoheit unterstellten, und pflegten so ungestört ihre altväterlichen jüdischen Ideale. Nach und nach traten auch die Söhne der osteuropäischen Juden in den Geistlichenstand und weckten den etwas verschlafenen jüdischen Klerus aus seiner Lethargie. Vor zwei Jahren traten sie zum erstenmal zu einem ,,Rabbinertag" zusammen und riefen eine eigene Organisation ins Leben, deren Aufgabe es sein sollte, die geistigen und materiellen Interessen der jüdischen Geistlichen zu fördern. Eine Frage, die schon die junge Organisation bald nach ihrem Entstehen beschäftigte, war die Zukunft des Chief-Rabbinats. Dr. Adler war schon alt geworden und der grossen Bürde nicht mehr gewachsen. Da es in der Macht des Chief-Rabbinats liegt die Dinge nach seinem Beheben zu wenden, die Geistlichen aber mittlerweile ihren Tiefstand erkannt hatten und sich aus ihm erheben wollten, konnte es ihnen nicht gleichgültig sein, was aus dieser Institution werden würde. Auf ihrer letzten Konferenz, die einige Wochen vor Dr. Adlers Ableben stattgefunden hatte, wurde die Frag' wieder aufgeworfen. 13ei dieser Gelegenheit stellte es sich heraus, dass die meisten „Minister" mit eh r bisherigen Form des Chbf-Rabbinats unzu frieden und plädierten für seine gänzliche Abschaffung. Die Gemeindeführer, denen das zentralistische Chief- Rabbinat aus politischen Gründen sehr am Herzen liegt, waren von -solchen Vorschlägen wenig erbaut. Der kühne Antragsteller sollte sogar seines Amtes enthoben werden. Die Geistlichen befinden sich jedenfalls jetzt in einem absoluten Gegensatz zu den Führern. Sie verlangen Autonomie der Gemeinde- Geistlichen und ihre Voraussetzung, die vollständige