Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Die Krisis in der englischen Judenheit
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 719 - 720 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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719 720 DIE KRISIS IN DER ENGLISCHEN JUDENHEIT. Von Dr. S. M. Mclamed-London. Nachdruck verboten. Die seit mehr als einem. Jahre schon andauernde Krisis in der englischen Judenhcit hat jetzt iliren Höhepunkt erreicht. Nicht unerwartet sind chaotische Zustände herangebrochen, deren Ucberwindung um so schwerer sein dürfte. Die einst so stramme Disziplin des jüdischen Klerus ist, wie die letzte „Minister"- Konfercnz beweist, gelockert, die östlichen Juden, bis vor kurzem ihren englischen Glaubensgenossen und Führern treu ergeben, rebellieren, und die Provinzgemeinden, die bisher jeder Anordnung der Londoner Hauptgemrinde sich unterworfen hatten, verlangen gleiches Mitbestimmungsrecht und gleiche Teilnahme an den Geschäften. Das Haupt der englischen Judenhcit, der Chief-Rabbi Dr. Adler, der bisher all' die heterogenen Elemente zusammengehalten, ist tot und das hohe Amt wird infolge eines Mangels an einer grösseren Auswahl von Persönlichkeiten längere Zeit verwaist bleiben müssen, eine Tatsache, die nicht dazu geeignet ist, zur baldigen Ucberwindung der Krisis beizutragen. Das schwierigste Moment in dieser Krisis ist zweifellos die Rabbiner-Frage, das heisst die Frage des Nichtvorhandenseins von Rabbinern Die Führer der englische Juden, obgleich formell orthodox, waren seit mehr als fünfzig Jahren bestrebt, die Synagoge äusserlich der englischen Kirche anzupassen. Dieses Bestreben war nicht immer ein Ausfiuss purer Nachahmungssucht, sondern teilweise vom Gedanken geleitet, dass es für die Wohlfahrt der Juden in England besser sei, wenn sie sich auch in ihrem religiösen Leben mehr den Engländern anpassen würden. Denn nirgends ist der Fremde „Foreign«*" ein Stein des Anstosses wie in England. Wer als Foreigner betrachtet wird, der kann nicht erwarten, dass er wie ein Einheimischer behandelt werde. 'Die'englische Staatskirche ist aber zentralistisch organisiert und der englische Geistliche ist kein Mann der Wissensehaft und kein Träger der intellektuellen Kultur, sondern ein Mann der Tat. Ihm obliegt es, Gelder für wohltätige Stiftungen zu sammeln, Krankenhäuser zu besuchen und sich philanthropisch zu betätigen. Die Wissenschaft und die Gelehrsamkeit pflegt der Bischof oder der Erzbisehof, der in der Regel eine wissenschaftliche Laufbahn hinter sich hat. Die Führer der englischen Juden hielten es bis jetzt für richtig, ihre Geistlichen nach dem Muster der christlichen Kleriker zu erziehen. Was man von einem jüdischen „Minister" verlangte, war nicht eine solide jüdisch-theologische Bildung, sondern philanthropische Aktivität. Man dispensierte ihn von jeder Prüfung und von jedem Nachweis einer theologischen Ausbildung. Von den etwa 150 jüdischen Geistlichen in England besitzen nur drei ein Rabbinerdiplom. Um nun die Rabbiner- Institution ganz zu vernichten, wies man dem „Minister" Funktionen zu, die ihn vom Kantor in nichts unterscheiden — denn auch in der Kirche gibt es keinen Unterschied zwischen Yorbetcr und Prediger. Der Minister wechselte mit dem Kantor jede Woche in den Funktionen ab, d. h. an einem Samstag betete der Minister vor und der Kantor predigte, und am nächsten Samstag predigte der Minister und der Kantor betete vor. Dadurch ist aber nicht der Kantor zum Prediger oder gar zum Rabbiner, sondern umgekehrt der „Minister" zum Kantor geworden. Da die Zöglinge des hiesigen ,,Jews College" (Rabbinerseminar) kein Aufrücken zum Rabbiner zu erwarten, hatten, ja zum Rabbinerexamen gar nicht zugelassen wurden, gaben sie sich auch keine besondere Mühe . . . und lernten möglichst wenig. Dass sie später als Geistliche in ihren Gemeinden nicht viel ausrichten konnten und den religiösen wie den intellektuellen Gehalt des JOZEF ISRAELS. Kinder des Meeres. OELGEMAELDE.