Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Zum Jubiläums-Kongress der zionistischen Organisation
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 701 - 702 (sequence 2)
- Language
- German
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70t Zum Jubiläums-Kongress der Zionistischen Organisation. 702 Bisher nicht veröffentlichte Skizze von Jozef Jsraels. ein heisses Streben, mit allem Jüdischen zu brechen. Und doch wurde das Ziel des Aufgehens in der Umgebung, selbst um den Preis der Selbstachtung, nicht erreicht. Darauf folgte die Selbsteinkehr. Man begann zu fühlen, dass ein ungesehenes Etwas zwischen den Juden und den Völkern ihrer Wohnländer steht, dass die Gründe des Judenhasses nicht bekämpft werden können, weil sie nicht in der Logik des Verstandes, sondern im tiefsten Gefühlsleben der Völker wurzeln, in einer Verschiedenheit der Denk- und Empfindungsweise, die zu seelischen Konflikten führen musste. Es genügt nicht, die Sprache der Umgebung zu reden, wenn man nicht auch mit den Worten und Bezeichnungen identische Begriffe verbindet, wenn die Denkform nicht gleichartig erscheint. Gewiss, Heine war ein deutscher Dichter und das Buch „Le Grand" enthält rein sprachlich vielleicht das schönste Deutsch, das je geschrieben worden ist. Seine Lyrik ist unübertroffen. Und doch wurzelt er nicht fest im Volke. Daran ist nicht nur etwa die Hetze des „grossen" Literarhistorikers Bartels schuld. Der Grund war, dass Heine mit seiner wunderbar feinen und grossen Kunst nicht das Empfindungsleben des Volkes traf und somit nur einzelne Kreise begeisterte. Der Dichter soll wiedergeben, in Worte bringen, was die andern bewusst oder unbewusst empfinden, aber nicht formen können. Das ist Heine nur mit wenigen Gedichten gelungen, die Gemeingut geworden sind. Seine bittere Satire beleidigte, das schmerzvoll Zerrissene eines Wesens, das im Judenschicksal geistiger und örtlicher Heimatlosigkeit wurzelte, blieb unverstanden und erschien dem ruhig-kraftvollen, gemessenen deutschen Wesen schlechthin als Mangel des Charakters. Wer verstand, dass sein Spott über deutsche Verhältnisse nicht der Abneigung und der Missachtung des Heimatlandes entsprang, sondern dem nagenden Unglücksgefühl verschmähter Liebe „zum Lande der Eichen und Linden?" Uns fehlt der Platz, dies weiter auszuführen. Es ist wohl auch unnötig — haben doch so viele der Besten das gleiche Leid des Unverstandenseins ertragen. Man denke nur an Berthold Auerbach, den Dichter der uns Juden so kerndeutsch anmutenden „Dorfgeschichten". — So bemächtigte sich allmählich eine tiefe und immer wachsende Entmutigung der Judenheit des Westens.