Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Zum Jubiläums-Kongress der zionistischen Organisation
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 699 - 700 (sequence 1)
- Language
- German
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699 700 ZUM JUBILAEUMS-KONGRESS DER ZIONISTISCHEN ORGANISATION. Von A. F. Der Kongress ist nun vorüber und die Delegierten fahren heim in ihre Wohnländer. Die weissen Burnusse der Tunesen und der Fez verschwinden wie die langen Kaftane und pelzbesetzten Mützen der Rabbinen aus dem fernen Osten, und das bunte malerische Bild zerfliesst wie ein Traum. In dem mächtigen Kongresssaal der alten Bischofsstadt Basel, zu der es die Teilnehmer der ersten Kongresse immer wieder zieht, wird Ordnung gemacht und die blauweissen Fahnen verschwinden von Balkons und Tribünen. Aber mit den Heimreisenden zieht unsichtbar der Geist der über dieser gewaltigen Demonstration jüdischer Einheit lagerte, der Genius des alten Volkes der Bibel hinaus in die Welt, und durchdringt Tausende von Herzen, denen er Kraft und Mut im Leiden, Hoffnung auf bessere Tage, auf eine Wiedergeburt der zertretenen, verachteten und doch so lebenskräftigen Nation verleiht. Der Zionismus ist vielleicht die umstrittenste aller neuen Ideen. Seit der Gedanke einer Wiedergeburt des jüdischen Volkes im alten Stammeslande in die Welt hinausdrang, ist er der Gegenstand einer Begeisterung gewesen, die unserer nüchternen Zeit kaum möglich erschien, ist er so leidenschaftlich befehdet worden, wie nur Gedanken bekämpft werden können, deren Gehalt den Gegnern an den Lebensnerv greift. Und wahrlich, die zionistische Idee packt die ganze Judenfrage so energisch an, würde im Falle ihrer Verwirklichung die ganze Volksexistenz so von Grund auf umgestalten, dass Liebe und Hass wohl berechtigt erscheinen. Schwerer verständlich ist schon, dass immer noch ein Teil der westlichen Judenheit im Streite der Meinungen nicht Partei ergriffen, sich über die zionistischen Bestrebungen nicht eingehend informiert hat. Tua res agitur! Um unser aller Wohl und Wehe geht der Kampf. Der Zionismus ist nur eine neue Form des uralten Strebens der Judenheit nach Wiedervereinigung. Seit Titus und Hadrian die verzweifelt um ihre Freiheit kämpfenden jüdischen Scharen niederwarfen und das Ackerland unter ihre Soldaten verteilten, hielt dies Streben die Schar der über die Welt Zerstreuten aufrecht in allem Leid einer sorgenvollen Existenz. Kein Gebet, das nicht den Wunsch um die Wieder- [Nachclruck mit Quellenangabe gestattet. erringung des Stammlandes enthält, um die Erbauung Zions „bald und noch in unseren Tagen". Und so tief wurzelte dieser Gedanke der Volkserlösung vom Leide des Goluth in den Herzen der Verbannten, dass nach der Legende Gott die Inkarnation dieser Hoffnung, den Messias, mit goldenen Ketten an seinen Thron fesseln musste, damit er nicht vor der Zeit und entgegen dem höchsten Willen niederfahre und sich an die Spitze der Heimziehenden stelle. Und als die Ghettomauern niedersanken, als den Juden die papiernen Rechte gegeben wurden, wurde dieses Streben zwar vom Klange der Festesfreude übertönt, aber nicht ertötet. Es lebte auf mit der Erkenntnis, dass der grossen Mehrheit des jüdischen Volkes in den Ländern des Ostens nie eine Heimat geschaffen werden könne, dass die westlichen Juden durch ihre Volkseigentümlichkeit zu einer gesellschaftlichen Sonderexistenz verurteilt, politisch rechtlos bleiben würden, dass dem geistigen Judentum in einer kulturell andersartigen, mit allen Mitteln kräftiger Verwaltung einwirkenden Umgebung die völlige Vernichtung drohe. Diese Ueberzeugung ist den westlichen Juden nicht plötzlich geworden. Sie lebten unter ungünstigen, aber erträglichen äusseren Verhältnissen, sahen ihre Existenz, so wenig ehrenvoll sie sein mochte, als unendlich gebessert an, wenn sie denVergleich mit der ihrer Eltern zogen, und hofften so ganz behaglich auf bessere Zeiten. Da kam der Antisemitismus, der zwar sein Ziel nicht erreichte, die Juden politisch zu entrechten, sie aber gesellschaftlich isolierte, sie wirtschaftlich bedrängte. Die Folge war ein gewaltiges Anwachsen der Taufbewegung, die in den Kreisen von Bildung und Besitz zu einer wahren Massendesertion führte. Wer ein Amt erstrebte, wer sich einen Platz in der „Gesellschaft" sichern oder in einem der judenreinen Berufe unterkommen wollte, nahm sich, um mit Heine zu reden, „das Entreebillett in die europäische Kultur". Zum mindesten liess man die Kinder taufen oder gleich nach der Geburt ins christliche Register des Standesamtes eintragen. Die Mischehen wurden so zahlreich, dass sie gegenwärtig in manchen Grossstädten mehr als 40 % aller unter Juden geschlossenen Ehen ausmachen. Eine leere, äusserliche Anpassung an die Umgebung durchdrang alle Kreise,