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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 703 - 704

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Zum Jubiläums-Kongress der zionistischen Organisation
Date
1911-08-01
Page
Seite 703 - 704 (sequence 3)
Language
German
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703 Zum Jubiläums-Kongress der Zionistischen Organisation. 704 Da begannen im Osten Europas jene entsetzlichen Judenverfolgungen, die den Namen unserer Zeit geschändet haben. Und eine endlose, unabsehbare Wanderung begann, ein Zug von Verzweifelten, Männern, Frauen und Kindern, von Hungernden und Kranken ergoss sich aus den Steppen Russlands unaufhörlich nach Westen zu, brandete einen Augenblick an den Kreidefelsen Englands und ergoss sich dann wie eine ungeheure Flutwelle über die grossen Freistätten Amerikas. Und in seinem Gefolge schlich unsichtbar aber unvertilgbar das Gespenst des Judenhasses. Die Einwanderer (1 Million Menschen in 15 Jahren!) verdarben durch ihre Konkurrenz die Arbeitspreise, schufen mit ihrem Bildungshunger ein Gelehrtenproletariat, blieben als ein unlöslicher Block in den Ghettis Newyorks, Chikagos, Baltimores, wo sie den Anglisierungsversuchen einen unwillkürlichen, aber zähen Widerstand leisteten. So war die Lage, als Herzl kam. Er opferte ein Leben voll Anerkennung und Glanz der Idee einer grossen und radikalen Volkshilfe. Wie mit einem Zauberschlage schössen auf seinen Ruf die zionistischen Vereine aus dem Erdboden, nicht nur im duldenden Osten, sondern in Deutschland und England, am Kap und in Shanghai, in Australien und selbst in den argentinischen Kolonien des Barons Hirsch. Unvergesslich werden allen Teilnehmern jene ersten Kongresse in Basel bleiben, auf denen die Juden aller Sprachen und Kulturkreise das Bekenntnis untrennbarer Einheit ablegten. Und dieser Zauber der Kongresse ist geblieben, wie der des Namens Theoder Herzl. Zwar hat man seinen Gedanken des ,,Judenstaats" nicht akzeptiert. Man hat nur von der absolutistischen türkischen Regierung rechtliche Garantien für eine Kolonisation grossen Stils in Palästina verlangt, später sogar das Programm dahin interpretiert, dass durch die neue türkische Verfassung diese Garantien gegeben seien. Aber der grosse politische Gedanke, einen Mittelpunkt für das geistige und materielle Leben der Judenheit zu schaffen, ist geblieben. Niemand soll veranlasst werden, das Geburtsland zu verlassen, mit dem er verwachsen ist. Aber den Heimatlosen soll eine Freistätte ehrlicher und geachteter Arbeit, dem Judentum eine kulturelle Heimat entstehen. Von einem solchen Zentrum aus, auch wenn es nur einen Bruchteil der Juden vereinigte, würde in unzähligen Bächen ein Strom geistigen Lebens zu den Juden der Diaspora hinausrieseln, der sie in ihrer Eigenart erhalten, in ihrem Selbstgefühl beleben, zum Kampfe gegen den rings beginnenden Aufsaugungsprozess stählen müsste. Zehn Kongresse haben seitdem stattgefunden und immer wachsendes Interesse geweckt. Wie die Zahl der Zionisten heute viele Hunderttausende umfasst, so sind auch die Mittel der Bewegung gewachsen. Der Landankäufen dienende Nationalfonds verfügt über 3 Millionen Mark und zahlreiche Ländereien; die zionistischen Banken in London und der Türkei besitzen etwa 6 Millionen Kapital. Das kulturelle Einigungsstreben hat in der Schaffung von 3 höheren hebräischen Schulen und einer völligen Wiedererweckung der hebräischen Sprache seinen Ausdruck gefunden. Moderne Häuserviertel werden in den malerischen, aber durch Vernachlässigung ungesunden Städten Palästinas geschaffen und das fruchtbare, aber verödete Land bedeckt sich unter zielbewusster Leitung durch die Organisation mit Aeckern, Weinbergen und blühenden Obstfarmen. Das Kunstgewerbe wird neu erweckt, das Land erforscht und für eine glücklichere Zukunft vorbereitet. Sechs Jahre hat die Bewegung unter der Leitung des jetzt zurücktretenden Präsidenten Wolffsohn gestanden. Hervorragend befähigt, Freund und Vertrauter Herzls, hatte er in dessen Schule die Bewegung und ihre Lebensbedingungen in allen Phasen kennen gelernt und schien deshalb vor allen andern zur Führung befähigt. Aber er hat vom ersten Augenblick an mit grossen Widerständen, insbesondere aus den Kreisen der Oestier, zu kämpfen gehabt, die ihre mehr auf praktische Kolonisation gerichteten Anschauungen gegen die mehr politische Auffassung Wolffsohns durchzusetzen versuchten. Dieser Gegensatz führte zu zeitweise erbitterten Kämpfen, die jetzt durch den freiwilligen Verzicht Wolffsohns eine Lösung gefunden haben. Er ist im Interesse des Friedens zurückgetreten, obwohl ihm im Kongress eine Mehrheit zu Gebote stand, und hat so der zionistischen Sache einen Beweis von Selbstentäusserung und Disziplin gegeben, der nicht verloren sein wird. Die neue fünfgliedrige Leitung mit Professor Otto Warburg als Präsidenten wird in Berlin ihren Sitz haben. Sie ist ausschliesslich nach den Wünschen der Oestier zusammengesetzt worden. Vielleicht wäre es zweckmässiger gewesen auch dem westeuropäischen Element Rechnung zu tragen.

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