Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Briefwechsel zwischen dem Central-Comité und der deutschen Conferenz-Gemeinschaft der "Alliance Israélite Universelle"
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 553 - 554 (sequence 3)
- Language
- German
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553 Mitteilungen der Allianee Israelite Universelle: Briefwechsel zwischen dem C. C. und der D. C. G. etc. 554 eine Vertretung beim Skrutinium in Paiis ankorrmt. Was wir wünschen ist, bei der Prüfung der aus allen Weltteilen in Paris einlaufenden Wahlzettel durch einige unserer Mitglieder vertreten zu sein. Wir halten die Erfüllung dieses Wunsches umsomehr für geboten, als gerade dieses Mal durch die Versendung von zwei verschiedenen Kandidatenlisten gewisse Komplikationen eintreten könnten. Die Gründe, die für unsere Haltung in der Frage der Kandidatur des Herrn Reinach bestimm-nd waren, sind Ihnen aus dem Bericht über die letzte Tagung der D. C. Gr. bekannt. Wir würden es nicht für nötig erachten, noch einmal auf diese Frage zurückzukommen, wenn nicht der in Ihrem erwähnten Schreiben mitgeteilte Brief unseres Herrn Präsidenten an ein Mitglied des C. C. über Herrn Reinach von neuem hierzu Veranlassung gäbe. Wir bedauern ausserordentlich, dass wir den Standpunkt unseres verehrten Herrn Präsidenten hierin nicht teilen können. Dass Herr Reinach bereits seit 20 Jahren dem C. C. als Mitglied angehört, ist für uns umsoweniger ein Grund zur Aufrechterhältung seiner Kandidatur, als seine 26jährige Zugehörigkeit zum C. C. nicht einmal vermocht hat, ihm eine richtige Vorstellung von den hohen Aufgaben, die unsere Religion und Sittenlehre noch immer zur Aufkläiung und Veredlung der Menschheit zu erfüllen hat, beizubringen. Sie vermochte auch nicht, ihm eine höhere Achtung vor dem grössten Teil unserer Glaubensgenossen einzuflössen, die für ihre Religion und für ihre Traditionen in heldenmütigem Kampfe gegen Unterdrückung und Verfolgung ihr Gut und Blut opfern. In unseren Augen bedeutet es eine Verletzung der Pflichten der Allianee, wenn einer ihrer Leiter durch völlig unbegründete Anklagen Millionen von Juden wegen ihrer religiösen Ueberzeugung in den Augen der gesamten nichtjüdischen Welt als rückständige Menschen hinstellt. Die Leiter und Vertreter der Allianee haben die Aufgabe: Juden zu verteidigen, nicht anzuklagen; haben die Pflicht, Zwistigkeiten auszugleichen, nicht Zwietracht unter unseren Glaubensgenossen zu säen. Es inuss zum Schaden der Allgemeinheit führen, wenn eine aggressive Stellung der Leiter zur Folge hat, dass jüdische Institutionen und Bewegungen — mögen sie unsere volle Zustimmung haben oder nicht — von der Allianee öffentlich und geheim bekämpft werden. Wir können zu einem Mann, der es offen als seine Pflicht bezeichnet, für eine Auffassung des Judentums zu kämpfen, die, wie un-er Präsident bemerkt, weder von ihm noch vom CG. geteilt wird, nicht das Vertrauen haben, dass er das Werk der Allianee in religiösem Geiste leitet. Wir können uns nicht denken, dass Leiter und Lehrer unserer Schulen Vorschriften eines Mannes respektieren, die von ihm selbst als dem Geiste der Aufklärung widersprechend hingestellt werden. Wir müssen vielmehr befürchten, dass durch den Zwiespalt in der inneren Gesinnung und der Schultätigkeit nur eine Hypokrisie in unseren Schulen erzeugt wird, die für die moralische Erziehung der jüdischen Jugend im Orient von ausserordentlicher Gefahr sein muss. Wir wünschen auch nicht Lehrer und Leiter an unseren Schulen, die wie Herr Reinach verächtlich über die jüdische Religion und die jüdischen Einrichtungen denken und sprechen, ihre Schüler aber zu einer Denkweise und Führung zwingen, die sie von ihrem Standpunkt in ehrlichem Freimut aufs energischste bekämpfen müssten. Aber wir können uns auch keinen rechten Erfolg von der Intervention des Herrn Reinach für alle unsere Glaubensgenossen, namentlich nicht in örtlichen Ländern versprechen, da er gerade die Juden jener Gegenden wegen ihrer religiösen Ueberzeugung ihren eigenen Ve r f o 1 g e r n gegenüber als „rückständig" bezeichnet. Würden denn nicht unsere Feinde mit scheinbarem Recht seine eigenen Aeusserungen als Waffe gegen ihn und uns benutzen? Schon wurden wir von russischer Seite — um einen aktuellen Fall zu erwähnen — darauf aufmerksam gemacht, dass bei dem jetzt in Russland drohenden Kampf um den Sabbat die Gegner sich auf die Autorität des Herrn Reinach als Leiter der Allianee berufen würden, der früher, und jetzt neuerdings in seinem Pi opagandawerk .,Orpheus*' die Beobachtung des Sabbats für eiue Rückständigkeit erklärt. Für uns unterliegt es keinem Zweifel, dass die Angriffe des Herrn Reinach gegen das Judentum und seine Anklagen gegen die Juden unter Umsiänden sehr gefährliche Konsequenzen nach sich ziehen können. Und miis.ste es uns nicht schon unsere Würde verbieten, ein<-n Mann an dpr Spitze unserer jüdischen Vereinigung zu sehen, dessen Aeusserungen über Juden und Judentum dieselben sind wie die nuserer Feinde und der Renegaten, die gern eine wissenschaftliche Begründung für ihren Ab^ll vorgeben?! Wir können also keineswegs eine so grosse Verantwortung auf uns nehmen und Herrn Reinach ein Mandat übet tragen, das auch die ganze nichtjüdische Welt als Vertrauensvotum der gesamten Judenheit für ihn ansehen muss, da die Mitglieder des Central- Comites von den Juden in allen Erdteilen gewählt werden. Auch unser grosser Cre m ieu x war ein aufgeklärter, liberaler Jude. Aber er fühlte sich voll und ganz mit der gesamten Judenheit solidarisch ohne Rücksicht auf die religiöse Richtung des Einzelnen. Und mit welcher glühenden Begeisterung spricht er von dem „antiken Volk", von dessen Lehren und Ueberzeugungen! Gerade wegen seines Liberalismus und seiner Toleranz in religiösen Fragen hat er in der Erhaltung unseres Volks, in der Verteidigung unserer Lehren und Ueberzeugungen seine vornehmste Pflicht gesehen. Sehr befremdend wirkt auf uns die Bemerkung unseres Herrn Präsidenten, dass Herr Reinach Mitbegründer der I. C. A. ist. Wie uns bekannt ist, hat Baron Hirsch allein das ganze Kapital für die l.C. A. gestiftet, und blos der Umstand, dass Herr Reinach vielleicht in seiner Eigenschaft als Mitglied des Aufaichtsrats die Stiftungsurkunde mitunterzeichnet hat, dürfte unserer Ansicht nach kein genügender Grund sein, Herrn Reinach als Mitbegründer der I. C. A. anzusehen. Unsere bisherigen Darlegungen dürften Ihnen, sehr geehrte Herren zeigen, wie begründet unsere Beanstandung des weiteren Verbleibens des Herrn Reinach im C.C. ist. Wir möchten aber Ihre Aufmerksamkeit noch auf einen anderen Gesichtspunkt lenken. Wir fragen uns: was bestimmt denn Herin Reinach, einen so regen Anteil an der Leitung einer Gesellschaft zu nehmen, die ihrem ganzen Charakter und inneren Wesen nach Ziele von ausgesprochen jüdisch-religösen Tendenzen im Auge hat, Ziele, gegen die Herr Reinach schon seit Jahren mit geradezu blindem Fanatismus ankämpft? Wie kann es Herr Reinach der indischen und auch nichtjüdischen Oeffentlichkeit gegenüber rechtfertigen, dass er an der Spitze einer Institution steht, deren Bestrebungen dahin gehen, unsere Glaubens-