Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Briefwechsel zwischen dem Central-Comité und der deutschen Conferenz-Gemeinschaft der "Alliance Israélite Universelle"
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 555 - 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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555 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Briefwechsel zwischen dem C. C. und der D. C. G. etc. 556 genossen im Geiste des Judentums zu erziehen, trotzdem er wiederholt erklärt hat: Judentum bedeute für ihn keine Religion, und dass die jüdische Religion in dem Sinne, wie sie von dem grössten Teil unseres Stammes aufgefasst wird, in unserem aufgeklärten Zeitalter keine Existenzberechtigung mehr habe? Wir fragen uns weiter, wie kann es Herr .Reinach mit seinen eigenen Ueb er Zeugungen vereinbaren, Schulen zu leiten, in denen ganze Generationen in einem Geiste erzogen werden sollen, der den schärfsten Widerspruch seinerseits herausfordern miisste? Da wir nun Hern Reinach nicht in die Reihe jener Männer stellen die eine „doppelte Wahrheit" kennen und nach zwei einander widersprechenden Ueberzeugungen landein, so bleibt uns auf alle diese Fragen nur eine Antwort übrig: Herr Reinach ist ein erklärter Feind aller überlieferten Religionen und betrachtet es als seine Aufgabe, die nach seiner Ansicht noch zurückgebliebene fanatische Welt aufzuklären und eines Besseren zu belehren. Von diesem Eifer durchdrungen, würde Herr Reinach gewiss ebenso gut den Kampf gegen andere überlieferte Religionen aufnehmen, würde man es ihm nur ermöglichen, seinen „Aufklärungskampf" von einer prominenten Stelle aus zu führen. Glauben Sie, sehr geshrte Herren, dass etwa Katholiken, Mohammedaner und selbst freidenkende Protestanten auch nur einen Augenblick einen Mann mit solchen missionarischen, ihren Ueberzeugungen zuwiderlaufenden Tendenzen an der Spitze ihrer Schulvereine dulden •würden? Sollen wir nun einem solchen Mann an der Spitze unserer Gesellschaft, die 160 Schulen mit ihren 40000 Schülern zu leiten hat, die prominenteste Stellung einräumen, von der aus er am wirksamsten seine Mission ausüben kann? Wollen Sie, sehr geehrte Herren, die Verantwortung dafür übernehmen? Dass man uns ja nicht vorwerfe, wir hätten uns in unserer Stellungnahme gegen Herrn Reinach von sogenannten orthodoxen Motiven leiten lassen! Es gehört eine vollkommene Verkennung oder eine absichtliche Missdeutung der Sachlage dazu, um unserm Vorgehen gar „klerikale" Tendenzen zu unterschieben. Unter den Mitgliedern der D. C. G. sowie unter der überaus grossen Zahl von Glaubensgenossen, die mit uns in dieser Frage einig sind, gibt es Vertreter und Verfechter des äussersten Liberalismus im Judentum, und wir müssen es als Tatsache erwähnen, dass die erste Anregung zur Ablehnung des Herrn Reinach von liberaler Seite ausgegangen ist. Denn wenn auch die Liberalen nicht in jeder Hinsicht mit den Vertretern strengster Observanz im Judentum einverstanden sein können, — darin sind aber Liberale wie Konservative unbedingt einer Meinung, dass nämlich das Judentum in seinen Grundprinzipien erhalten bleiben muss, und dass das Judentum in religiöser und ethischer Hinsicht noch Kraft und Leben besitzt, um die Menschheit zu jenem religiösen und sittlichen Ideal zu erziehen, für das wir Juden schon seit vielen Jahrhunderten kämpfen und bluten. Und wenn wir alle, Liberale wie Konservative, in unserem jetzigen Kampfe uns die Hände reichen, so geschieht es eben deshalb, weil wir den unerschütterlichen Wunsch haben, dass unsere Alliance für die Stärkung, Vertiefung und Verbreitung der grossen religiösen und sittlichen Ideale wirke, die wir von unseren Vorfahren als heiligstes Vermächtnis erhalten haben. Wir bedauern aufrichtig, da=s Sie, sehr geehrte Herren, uns durch Lhre Haltung gezwungen haben, uns in einen so scharfen Gegensatz zu Ihnen zu stellen. Aber wir halten es für unsere Pflicht, den Versuch zu machen, durch unsere Darlegungen das Central- Comite zu überzeugen, dass es seine bisherige Stellungnahme aufgibt. Wir sind entschlossen, unseren Standpunkt aufs äusserste zu verteidigen in der festen Ueberzeugung, dass wir schon jetzt einen grossen Teil unserer Glaubensgenossen auf unserer Seite haben und dass sich bald die ganze jüdische Oeffentlichkeit uns anschliessen wird. Mit ausgezeichneter Hochachtung Das Präsidium der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft. Max Fuchs, Professor Dr. L.Landau, Justizrat und Notar. Geheimer Medizinalrat. * Mit Genehmigung der Absender veröffentlichen wir nachstehend eiu Sehreiben des Landes-Comites der Niederlande an das C. C. in der Wahl frage. Amsterdam, den 10. Mai 1911. Alliance Israelite Universelle Eue la liruyere 45 Paris Werte Herren! In den letzten Tagen hat unser Comite mehrere Veröffentlichungen des deutschen Comites erhalten, die bezwecken, die Wiederwahl des Herrn S. Reinach als Mitglied des Central-Comites zu verhindern. Wir sind aufgefordert worden, uns dieser Bewegung anzuschliessen. Herr Dr. Dünner, Oberrabbiner von Amsterdem und Ehrenpräsident unseres Comites hat uns gleichfalls einen offiziellen Brief geschrieben, in welchem er uns mitteilt, dass die Wiederwahl des Herrn Reinach die schwersten Folgen für die Alliance in den orthodoxen Kreisen herbeiführen würde. Wir halten es für ratsam, Ihre Aufmerksamkeit auf diese Tatsachen zu lenken, indem wir hinzufügen, dass selbst die liberalen Israeliten in unserem Lande derselben Ansicht bind, dass nämlich die Veröffentlichungen des Herrn Reinach und seine Prinzipien inbezug auf das Judentum mit der Leitung einer Alliance Israelite unvereinbar sind, wobei sie die Verdienste des Herrn Reinach als Gelehrten und Philosophen voll anerkennen und durchaus zugeben, dass die religiösen Ansichten im Privatleben niemanden, wer es auch sei, vom Central-Co mite ausschliessen dürften. Unser Comite ist also der Ansicht, dass die Aufrechterhaltung; der Kandidatur des Herrn Reinach, ob er nun wiedergewählt würde oder nicht, eine grosse Gefahr für die Alliance heraufbeschwören wird, während der Friede wiederhergestellt werden könnte, wenn diese Kandidatur zurückgezogen würde. Verzeihen Sie, dass wir Ihnen unsere Meinung offen geschrieben haben; indem wir sie Ihnen mitteilten, war das Interesse für unsere Alliance unser einziger Leitstern. Genehmigen Sie, meine werten Herren, die Versicherung unserer vollkommenen Hochachtung. (gez.) D. E. Lioni, Schriftführer.