Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Die Alten
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 541 - 542 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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541 Michael Wurmbrand: IMe Alten. 542 BOTUCli: Wenn du es gracl wissen musst: — Wir wollen kämpfen! (Wirft stolz den Kopf zurück.) Wir Verden uns nickt verkriechen — nein! — Sie sollen uns gerüstet finden! Simon (beschwichtigend): Blähe dich nicht so auf! —Wirst sehen, sie werden gar nicht kommen, sie werden dir gar nicht den Gefallen erweisen. (Zu Taube) Taube, Ihr müsst nicht gleich das Schlimmste erwarten-- (Die Tür wird von aussen geöffnet, und im Dümmer des Korridors liebt sich eine Gruppe von in Schals verhüllten Gestalten ab.) PeSSie (tritt zagend über die Schwelle): Taube, wir sind gekom" men, dich holen, wir gehen „Gräber wecken". (Weinerlich.) Ja, wir gehen zu unseren teuren Toten; sie mögen sich unser annehmen. Gewiss vermögen sie viel bei Seinem liehen Namen im Himmel. — Was sagst du zu dem Unglück, Taube? Eine solche Heimsuchung. . . . Taube: Was soll ich denn sagen, meine Lieben? — Tretet doch näher! — Ich weiss noch nicht recht, was um die Sache ist. Seht, mein Chaim ist vom Bethaus noch nicht zurück und ich muss ihm das Frühstück warmhalten. — Später gehe ich mit euch. < - >J —jj -■■ * - ■ \ 4 - Simon: Recht so, Taube, Channels Frühstück ist wichtiger, als hingehen und die Toten in ihrer Buhe stören, -weil auf irgendeiner Landstrasse das Rädergerassel einiger Wagen vermischt mit dem Gröhlen der betrunkenen Insassen widerhallt. Wenn man um den teuren Leib so sehr in Angst ist, ei, da krieche man in ein Fass, in eine Kiste-- Pessie (wendet sieh um): Wer zeichnet sich hier so schön aus? — Schimkc? Wenn man nicht sicher w.ire, dass man es hier mit dem ausgerufensten Frechling zu tun hat, so möcht' man sich wahrhaftig wundern, dass einer noch zum Spotten aufgelegt ist, wo der Boden unter den Füssen brennt. . . . (Horcht auf.) Wartet, da höre ich draussen die Stimme Leib Schumis. Da werden wir bald Gewissheit haben. (Ruft hinaus.) Leib, Leib! — Seid so gut und bemüht Euch doch ein wenig her! — Ist es also schon gewiss, dass sie kommen? Leib (erscheint in der Tür. Er ist ein grosser, starker Mann in den mittleren Jahren. Sein Anzug ist gefleckt und mit Mehlstaub überdeckt. Er spricht mit Galgenhumor): Eine Frage, ob sie kommen! Wie schickt sich's denn anders? Sie werden doch wohl nicht Rücksicht nehmen auf Pessie Feiwels, wenn sie auch eine so angesehene Jüdin ist. Pessie: Scherzet nicht, Leib, Ihr sündigt. — Sagt uns, hat man nicht schon etwas Verdächtiges bemerkt? Ist für heute abend schon etwas zu befürchten? Leib (kann seine Aufregung nicht mehr bemeistern): Verlasst euch drauf — sie kommen! Das ist so wie eine Pest — jeder Ort muss das durchmachen. Sie werden uns nicht auslassen! Sind etwa die hierortigen Juden so sehr hoch angeschrieben bei dem Herrscher im Himmel? Ich, Leib Schrnuls, sage euch: das Leben eines hiesigen Juden ist heute nicht einen zerbrochenen Groschen wert. . . . (Einige Weiber beginnen ängstlich zu wimmern.) Simon (tritt festen Schrittes"'hinzu): IHeulet}doch nicht so! Es geht euch noch nicht an die Haut! Es ist vorl'iufig bloss ein Gerücht. Wer kann mit Sicherheit behaupten, dass sie hierher kommen? BorilCh (mit zurückgeworfenem Haupt«): Und Avcnn sie kommen — wir werden sie schon zu empfangen wissen. — Pessie (aufgebracht): Da hat uns Gott noch zum übrigen Tröster und Beschützer in der Not beschert! Wir bedanken uns schön! Das wird eine rechte Hilfe sein, wenn sich ihnen Schimke und Boruchle entgegenstellen. — Helden! Die Hooligans werden sicherlich gleich vor Schreck umfallen, sie hatten nicht schon Besseres gesehen! Man müsste lachen, wenn man dazu aufgelegt wäre. . . . Leib (ebenso): Behaltet eure Tröstungen für euch, ihr liehen Leute! Wer fragt denn nach ihnen? (Verliert die Fassung.) Da ist doch die volle Gewissheit schon besser! Da entschliesst man sich gleich, etwas zu tun, — zu entfliehen oder sich zu verbergen oder — oder — hinzugehen und sich ihren Acxtcn und Messern auszuliefern — gleich einerlei! — (Durch die Tür rechts aLO t (Channel erscheint am Eingang. Eine vertrocknete, gebückte Greisengestalt, das Gesicht fahl und verträumt. Er trägt eine grosse Tasche mit den Gebctutensilien unterm Arm.) PeSSie (zu den Weibern, die ihm den Weg verstellen): Macht Platz, Jüdinnen, lasset Reh C haimel durch! (Während Chaimel, nachdem er andachtsvoll die Jlesusa geküsst hat, ohne jemand zu beachten, wie abwesend zur Kommode hinhuseht, mit frommem Kopfschütteln.) Hm, hm — a Jud, a Zaddik — istTag und Nacht in den Dienst des Schöpfers vertan — oh blick herab und hab Erbarmen mit uns, Schöpfer im Himmel! (Zu Taube.) Bleib mir derweilen gesund, Taubele, wir gehen, noch die übrigen zusammenrufen, nachher kommen wir dich holen. Taube: Wohl, wohl, meine Lieben, gehet mir gesund. Ich kann erst gehen, wenn sich Chaim zum Ausruhen hingelegt hat. PeSSie (zu den anderen Weibern): Seht sie doch an, die gute, fromme Seele. Taube heisst sie, und sie ist so fromm und so still wie eine Taube. (Zu Taube, zärtlich.) Sorge du nur für deinen Chaimel — solcher Juden sind nicht viele da auf dieser sündigen Welt. . . . Taubele, süsse, du magst ruhig schlafen, — dein Stuhl im lichten Eden steht schon für dich bereit. (Ab mit den anderen Weihern.) Chaimel (hat die Tasche auf die Kommode gelegt und steht mehrere Augenblicke reglos versonnen da, dann murmelt er nach einem Seufzer): Zeit anzubeissen. Tatlbe (eifrig zustimmend): Zeit! — Zeit! (Sie eilt über den Korridor in die Küche.) Cliaime! (hat sich umgesehen und Bonich bemerkt): Ah, Boruchle? Hast dich endlich einmal herbemüht? — Hab dich so lange nicht zu sehen bekommen. (Kopfschüttelnd.) Schon wirklich lange, dass wir nicht zusammen in ein jüdisch Buch hineingeguckt . . . BorilCh (murmelt): Wir haben jetzt anderes zu tun. . . . Chaimel: Eh, eh — anderes zu tun — eine andere Welt schaffen — eine andere Jüdischkeit — alles anders — alles neu. — Nur der im Himmel, — gepriesen sein Name — der bleibt der Alte. (Taube hat eine Schüssel dampfender Kartoffelsuppe hereingebracht und auf den Tisch gestellt. Die jungen Leute begeben sich auf den Wink Horuchs ins Nebenzimmer links, woher -während des Folgenden von Zeit zu Zeit erregter Disput und das Knacken von Gewehrhähnen vernehmbar sind.) Taube: Nun, Chaim, geh — die Hände waschen. Chaimel (wäscht sieh «He Hände, trocknet sie ab, setzt sieh an den Tisch obenan, spricht leUe den Segen über das Brot, schneidet sich eine Krume ab und kaut mit Unlust an derselben): Noch keine Lust zum Essen. Tailbe (schaut ihn unverwandt an, mit intensiver Besorgtheit in den Mienen; zögernd): Nicht gesund — etwas? Chaimel (abwehrend): Oh, oh — nein! Taube: Gehn sich hinlegen? Chaimel (halb zustimmend): 'M — bald. (NTach einer Pause unvermutet, aus einer tiefen Versonnenheit heraus.) Man schlägt Juden. Taube: Ja, ja, schon wieder — kein ruhiger Tag. Es lässt sie nicht ruhig, dass wir leben, dass Avir atmen. Den letzten Tropfen Blut wollen sie uns abzapfen. Wir wären die reichen Leute und sie die Hungerleider — und in Wahrheit geht es ihnen besser als uns. Nun heisst es, sie kommen hierher. Was sagst du nun dazu? Die Leute hier vergehen vor Angst. Chaimel (hat nicht recht zugehört, murmelt zerstreut): Nun, nun — auch hierher. — Weshalb sollten sie nicht auch hierher kommen? Ist ja auch eine jüdische Stadt. Taube: , Und wir, Chaim, wir sind so allein]— elend — CUaimel (sich ermannend, mit Bedeutung): Was, Taube, sich ängstigen? Wenn Gott einen auserwählt, zu sterben für Kiddusch- Haschern? Was hilft da zagen? Wem es von Seinem lieben Namen bestimmt ist, dar muss bereit sein — ich oder ein anderer Jud! Alle Juden sind Bürgen für einander, sagt die Mischna. (Er versinkt in Träume, dann unvermutet.) Die Gefahr liegt tiefer. . . . Ach, die Verheerung, wer kann sie mit ansehn, die furchtbare Verheerung — der Körper und der Seelen! Wer kann das Ende absehen? Sie kommen und schlagen uns — ach wie grausam schlagen sie Tins! Sie schlagen uns die Seelen aus den Körpern — und wir fristen ein armes, gemartertes Leben ohne Seele. . . . An dem Kostbarsten, was wir besitzen,