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Ost und West · 1911-06-01 · Heft 6 (Juni 1911) · p. Seite 539 - 540

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 6 (Juni 1911)
Article
Die Alten
Date
1911-06-01
Page
Seite 539 - 540 (sequence 1)
Language
German
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539 540 Nachdruck verboten. Drama in einem Akt von Michael Wurmbrand. DIE ALTEN Personen: Cliaim, ein alter Jude. BorilCll, "beider Enkel. Pessie, eine ältere Jüdin. Taube, sein Weib. Simon, dessen Freund. Leib, ein Greisler. Zwei junge Leute von Boruclis Freunden und einige Weiber in Gefolgschaft Pessies. Die Handlung spielt in einem Städtchen des südlichen Kussland zur Zeit der Oktoberpogrome 1905. Grosse, niedrige Stube in einem alten, eingesunkenen Hause. Die Wände sind etwas schief, ebenso die Tür- und Fensterrahmen. Im Hintergründe zwei kleine Fenster, durch welche man auf ein enges Gässchen sieht, das jetzt voll Bewegung ist. Hechts eine Tür, welche über einen dunkeln Korridor zur Gasse führt, links eine Tür in eine zweite Stube. Zwischen beiden Fenstern steht eine Kommode mit Spiegel, in der Mitte ein Tisch mit Sesseln, links ein Diwan; alles altes Gcrümpel. Der Tisch ist gedeckt, auf dem weissen Tuch liegen ein Endchen Brot, ein Teller mit Itettigschnitten und einige Pflaumen. Es ist elf Uhr morgens. (Taube, eine Greisin, dünne, gebrochene Gestalt, das welke Gesicht von noch immer schönem Oval; dunkle, runde Augen, spitzer Mund; in ihren Mienen ist eine ständige Besorgtheit ausgeprägt. Sie glättet die Tischdecke zurecht und steht mit horchenden Mienen da, als erwarte sie jemand. Man hört die Korridortür hastig aufgehen.) Taube (in Ergebung murmelnd): Es ist nicht Cliaim. (Simonfünfundzwanzig Jahre alt, kräftige Gestalt, resolutes Gehaben, tritt von rechts ein.) Simon: Guten Morgen, Taube. Ist nicht Boruch hier? Taube: Boruchle? Hat er's gesagt, dass er heut herkommt? Er tut's ja in letzter Zeit immer seltener. Simon: Er wird gewiss bald zur Stelle sein; es ist so verabredet worden. Taube: Also heute kommt er, heute doch. . . . Unser Enkelkind, unser einziges, und trachtet, sich immer mehr uns zu entfremden. Welcher Trost war es für meinen Cliaim in seinen alten Tagen, Avenn das Kind manchmal am Abend nach den Arbeitsstunden herüberkam und sie beide in ein jüdisch Buch hineinguckten, ein Bestellen Talmud oder Midrasch zu Ende lasen. Mein Cliaim — wenn Ihr ihn früher gekannt hättet — er war jederzeit heiter und zu Witz aufgelegt. Sein Beth-Haniidrasch, die jungen Leute, die er dort lehrte, und Boruchle, das geratene Kind — das war seine ganze Welt. Aber in den letzten bösen Jahren, den Jahren der Schrecknisse, da ist er mir ganz verändert geworden; --immer so versonnen, gequält ... er ist vereinsamt. Den jungen Leuten wurde das Lehrhaus zu eng, sie zogen aus (mit nachahmender Geste) „neue Welten schaffen" . . . und auch Boruch tat's ihnen nach. Seit wir ihn aus dem Hause geben mussten . . . denn — die bösen Zeiten . . . Wir Alten, wir brauchen so wenig, aber ein Kind, das braucht gut essen. . . . Simon: Gemach, Taube, es werden auch schon bessere Zeiten kommen, es wird nicht mehr lange so weiter gehen. Eine Jugend ist erwachsen — mit neuen Kräften. Die Aufgabe Reb Channels in seinem Beth-Hamidrasch ist erfüllt; jetzt beginnt die unsere. . . . Hei, Altchen, es wird lebendig werden im Gässchen! Die ängstlichen Gemüter — es wird ihnen kein Sichverkriechen helfen — alles wird zum Tanz müssen. . . . Nun, von Boruch ist's nicht schön, dass er seine Alten so vernachlässigt. Ich werde es ihm vorhalten. Taube: Wenigstens heute, an einem so schweren Tag, denkt er an uns und will kommen. Ich war schon so unruhig seinetwegen. Nämlich, avo er sich aufhalten wird, wenn das Unglück hereinbricht. . . . Ich wollte hingehn, ihn aufsuchen, aber Chaim ist noch nicht vom Bethaus da, und ich niuss ihm das Frühstück warmhalten. Simon (nähert sich ihr): Wie wohl es tut, Taube, in diesen hässlichen, aufgeregten Zeiten, so alte, liebe Worte zu vernehmen, von so kleinen lieben Interessen. . . . Das Beth-Hamidrasch, Reb Chaimcls Frühstück. . . . Was soll es Euch kümmern, wenn die Welt sich umkehrt, wenn das Leben närrisch sich überschlägt — Chaimels Frühstück über alles! Draussen da kocht's und brodelt's, im Städtchen ist die Aufregung gross. — Die Hooligans kommen! Es soll an irgendwen ein Telegramm gelangt sein, welches besagt, dass heute bei Tagesanbruch fünf vollbesetzte Wagen mit Hooligans die Unglücksstadt Kalajew verlassen hätten, und dass sie mutmasslich den Weg hierher nahmen. Grund genug, um eine ganze Stadt in Todesschrecken zu versetzen. Eine Kleinigkeit?! — Das Heer naht, das schwarze Heer, mit Martern und Schrecknissen! Töne der Furcht schwirren durch die Luft, ein Brodern der Angst steigt auf aus allen Lücken und Gässchen. . . . Taube aber bereitet ruhig das Frühstück für Chaimel, und Reb Chaimel sitzt in seinem alten Beth-Hamidrasch und grübelt über die Stufen seelischer Reinheit. . . . Das ist schön, Altchen; das ist ein Trost. Ihr und Chaimel, ihr möget lange leben und gesund sein. — Möge euch Mesohiach kommen! Taube: Er komme allen, allen Juden; und auch dir, Schinike und deinesgleichen, obwohl ihr an sein Kommen nicht glaubt. Simon: Wir glauben an eine Erlösung, Taube, an eine Erlösung, die wir durch unsere eigene Kraft herbeiführen wollen, durch die Bewusstheit unserer Ziele. Aber, dass unsere Kraft noch nicht geknickt ist, das müssen wir noch beweisen; wir müssen zeigen, dass es Juden gibt, die noch nicht so erbärmlich hündisch sind, um sich durch eine Handvoll Menschenbestien, die irgendwo auf einer der Landstrassen rollen, in Todesschrecken versetzen zu lassen, (im Zorn.) Mögen sie an der Angst ersticken! Taube: Sprich nicht so von Juden, Schimke — dass dich Gott für deine sündigen Worte nicht strafe. Ihr jungen Leute, ihr glaubt an nichts als an eure eigene Kraft; ihr wollet eigenlierrlich die Welt umschaffen. Die anderen aber, die wissen: der Mensch ist nichts, alles ist von Gott; und vielleicht ist man gar bei seinem lieben Namen im Himmel nicht würdig ., . (Sie horcht.) Nein, immer nicht Chaim. (Im Korridor ist ein Getrampel und Geflüster vernehmbar geworden. Die Tür wird hastig aufgestossen, Boruch und noch zwei junge Leute treten ein. Boruch ist zwanzig Jahre alt, hager, hat aufgeweckte Mienen, ist aber etwas exaltiert. Er hält ein Paket unter dem Ueberzieher verborgen, dessen Schwere seinen Oberkörper herunterzieht.) Taube: Boruchle, endlich! — Komm, setz dich, Kind, und trink ein Schälchen Milch. BorUCh (schenkt ihr keine Aufmerksamkeit, geht auf Simon zu und raunt ihm ins Ohr, auf das Paket weisend): Neun Stück, darunter vier Brownings und dreihundert Kugeln. In einer Stunde begeben wir uns an die bewusste Stelle zur Verteilung. (Simon nickt befriedigt.) Taube (misstrauisch): Was hast du denn da unter dem Ueberzieher, Boruch? Boruch (ungeduldig): Du musst nicht so neugierig sein, Grossmutter; es handelt sich um etwas, das nur uns junge Leute angeht, Taube (gepresst): Boruchle, ich merke, ihr habt heute etwas Besonderes vor, etwas, das auch mich sehr angeht, Kind. Vergiss nicht, du bist mein einziges, ich habe dich aufgezogen. . . . Sag, was plant ihr zu tun?

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