Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Die Alten
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 543 - 544 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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543 Michael Wurmbrand: Die Alten. 544 vergreifen sie sich mit ihren unreinen Leibern: die Jüdischkeit, Taube, die Jüdischkeit töten sie. Sie reissen uns den anmutvollen Schleier vom Antlitz, den Duft der Jüdischkeit vertreiben sie aus den jüdischen Stuben, — den teuern erhabenen Duft, den Teil aus „Olam-Habo". Und wir werden wie sie, so arm und hässlich. . . . Das, Taube, ist die grosse Heimsuchung. Ach, die Gefahr ist so nahe, und noch keine Anzeichen der Erlösung. Taube (eilt ergriffen zu ihm hin): Nein, nein; nicht verzagen, Chaim; wir Juden sollen nie verzagen. Vergiss nicht: wir haben einen starken, guten Gott! Chaimel: Er ist stark und gut, aber wir — zerrüttet und krank. Die Jüdischkeit, das Juwel der geistigen Welt, liegt im Staube —: entwertet. Taube, die Luft in einer jüdischen Stube, die heitere Anmut darinnen, die Ruhe des Gottvertrauens, das Licht der Tora über dem Ganzen hingegossen, — war das nicht ein Teil aus dem besseren Leben? Und jetzt — das Licht erloschen, die Jugend weg, — ein Nebel von Sorge, ein Dunst von Verzweiflung, ohne Vertrauen, ohne Hoffnung . . . Taube: Chaim, vergiss nicht, es sind schon böse Zeiten über uns Juden dahingegangen, und immer hat Gott geholfen. Chaimel: Böse Zeiten, ja, unbeschreibliche Marter, Ströme Blutes flössen . . . Versuchungen waren es, Versuchungen, welche das Volk glänzend bestanden hat. Sic suchten immer Zuflucht in Jüdischkeit, und immer aus solcher Prüfung ging die jüdische Seele gestärkt und verjüngt hervor. Aber es sind nicht mehr diese Juden, — es sind schwache, verzagte. . . . Wie werden sie diese Versuchung der Versuchungen bestehen? Tailbe (nach einer beklemmenden Pause plötzlich wie in einer Eingehung); Chaim, weisst du, mir ist etwas eingefallen, und ich will es nun aussprechen. Möge es in einer solchen glücklichen Stunde ausgesprochen sein, dass es in Erfüllung gehe . . . Chaim, wenn es wirklich schon so schlecht ist, dass es nicht mehr ärger werden könne, das kann bedeuten, dass Meschiachs Zeiten gekommen sind ... ja, Chaim, die Zeiten des Gesalbten sind da . . . (Aus dem Zimmer links treten Simon, Boruch und die anderen jungen Xeute ein. Sie rüsten sich zum Verlassen des Zimmers. Beim Anblick Chaimels sind alle etwas scheu und verlangsamen ihre Bewegungen.) Taube: Nun gehst du schon, Boruchle,. ihr geht, Kinder? Und habt ihr wirklich die Absicht, euch den Räubern entgegenzustellen? Ihr seid schwache, verzärtelte Kinder und jene sind roh und grausam. — Und ihr habt Mütter . . Höret auf mich, Kinderchen, — lassen wir sie gewähren. Mögen sie kommen und plündern, wir geben ihnen gerne unser bisschen Aermlichkeit weg. Die Welt ist nicht verlassen und vogelfrei, es ist ein Vater im Himmel, der alles schaut, er wird's nicht lange so gehen lassen. BorilCh (erregt:): So, so, Grossmutter, — wir sollen hinter die Oefen uns verkriechen und etwa von unseren Müttern mit Daunen uns zudecken lassen? Nein! Wir werden uns wehren wie Männer! — Wir werden \ins doch nicht von ein paar betrunkenen Barfüsslern wie das dumme Vieh hinschlachten lassen! Cllclim (ist mit einem Jtuck aufgestanden, als wollte er losfahren, doch sammelt er sich und spricht mit Ernst und Wärme): Also du gehst hin, Boruchle, mit ihnen ringen, Mann gegen Mann. — Du, ein Sohn des auserwählten Volkes, ein Königskind, schätzest dein Leben nicht höher ein als das Leben irgendeines Iwan oder Peter Das ist der Stolz . . . Boruchle, willst du nicht einsehn, dass diese Heimsuchung mir ein Fingerzeig ist, eine Mahnung, umzukehren? Ihr Jungen habt euch einen frechen Schritt angewöhnt. Ihr wollet gegen die tausendfach Stärkeren auftreten. Wisset doch: die materielle Welt ist nicht unser. AVir besitzen eine andere, stillere Welt, eine weit kostbarere, heimlichere . . . Hüten wir sie! Dann mögen sie kommen; denn jeder Schlag wird uns neu festigen, wird die zersprengten Teilchen zusammenschweissen. Dann lachen wir über sie. Aber ihr, die ihr euch klug dünkt, ihr lasset euch von ihnen herauslocken aus eurem sichern Versteck, auf den offenen, blutigen und hässlichen Kampfplatz der materiellen Welt, wo ihr doch die unendlich Schwächeren seid, und wo ihr gewiss unterliegen werdet. Boruch*. Wir sind gar nicht so schwach. Wenn wir uns auf uns selbst besinnen, dann sind wir stark genug, um unser Teil in der Welt zu erobern. Die Welt ist nicht so arm, wie Ihr, die Ihr Euer Leben im Beth-Hamidrasch zugebracht habt, es vermeinen wollt. Sie hat hohe, schöne Werte, die des Kampfes und des Erringens wert sind. Ja, kämpfen müssen wir! Der Bescheidene, der Schwache wird erdrückt oder zur Seite geschoben. Euer Golusjudentum hat uns arm, schwach und bedürfnislos gemacht. Wir müssen, indem wir uns anschicken, mit Ansprüchen auf Macht und Glück vor das Leben hinzutreten, wieder einmal die Kraft unserer Fäuste zeigen, wir müssen lernen, wieder einmal! Chaimel (aufbrausend): Ich aber sage dir, es ist Angst, nichts anderes als Angst und Mutlosigkeit. Nichts mehr erstrebet ihr, als ihnen gleich zu sein, an der gleichen Tafel mit ihnen zu sitzen. Bedenke nur: wer sind wir und wer sind sie? Ihr habet nicht den Mut, unseren hohen Besitz zu verteidigen, Ihr wollet hinausschleichen zu den Gemeinen, — gemein sein mit ihnen, damit sie euch in Ruhe lassen. Denn was wollen sie anders, als unser Edles und Kostbares in den Kot zerren, damit wir ihnen gleich werden. Simon: Gemach, Beb Chaimel, gemach. Wir Jungen schätzen das alles eben anders ein. Der Wille zur Macht und zum stärkeren Ausdruck des Lebens widerspricht der Jüdischkeit nicht. Die Welt ist nicht stehen geblieben. Alles entwickelt sich. Auch das Judentum bekommt eine lebendigere Gestalt. Ja, wir wollen das Judentum kräftigen, verlebendigen . . . Und waren wir nicht einmal ein mächtiges Volk? Und hiess es nicht: Rache, Rache an den Feinden! — Verbleibet derweilen gesund, Reb Chaimel, Taube, wir müssen eilen. Wir haben hier verabredet: sobald Gefahr ist, sehen wir nach euch. (Die jungen Leute verlassen langsam das Zimmer.) Chaimel (ruft ihnen währenddessen nach): Du irrst dich, Simon, ihr irrt euch! Es galt etwas ganz anderes, etwas weit Höheres, als irdische Macht zu erringen; es galt die Macht des einzigen Gottes zu beweisen, Gottes Nanien berühmt zu machen unter den Völkern! (Nachdem die jungen Leute verschwunden sind, die Hände zusammenschlagend.) Gar nicht möglich, dass sie verstehn, so ganz heraus sind sie, — so ganz fremd sind sie uns geworden. Taube, wir mögen die Hände erheben und rufen: Verflucht der Tag, an dem wir geboren. . . . Tailbe (geleitet ihn, den Wankenden, zum THvan hin, hilft ihm, dass er sich zurechtlege und deckt ihn mit einem alten Kaftan zu): Chaim, du darfst nicht sündigen! Ich fühle es klar: es sind die Zeiten des Gesalbten. Nun wird er kommen, nun muss er kommen! — Wie kann es denn anders sein? Gott im Himmel, es kann doch nicht mehr ärger sein! (l'essie und die verhüllten Frauen erscheinen in der offenen Tür.) Pessie: Taube, süsse, nun komme — komme zu den Gräbern! Taube (hüllt sieh in einen Schal ein): Wohl, wohl, meine Lieben, ich gehe schon. {'An Ch:iim in besänftigendem Tone, wie zu einem kranken lvindo, dem man etwas Kostbares zu bringen versp-ieht.) Jetzt gehe ich, Chaim; beten gehe ich, — sei du nur ruhig. Ich bin auch nur eine arme, unwissende Jüdin, aber ich werde beten, — beten mit der ganzen Kraft meiner armen Seele um Meschiach. — Sei du nur ruhig. (ChainvN Blicke hängen an ihr gross und rlankhar.)