Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Die jüdische Abteilung in der internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 533 - 534 (sequence 2)
- Language
- German
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533 Dr. ßamberger, Schöiilanke: Die jüdische Abteilung in der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden. 534 deckt mit dunkelbraunem sackartigem Stoff, leich*- aufzuschlagen und ebenso leicht auseinander zu nehmen. Die Wohnungen im späteren und im heutigen Palästina werden veranschaulicht durch kunstvoll ausgeführte Modelle aus weissem Stein, in Jerusalem unter Leitung von Herrn Ephraim Cohn angefertigt, eines Lehmhauses, eines Stadt- und Landhauses aus Palästina. Auch in das Innere der Wohnräume werden wir geführt, wo uns das Modell der verschiedenen Oefen (Tannur), Herde (Kiroh), Halbherde (Kupoch) gezeigt wird. Die in der Stadt und auf dem Lande gebräuchlichen Hausgeräte veranschaulichen uns die Modelle von Wasserkrug, des Krugs zum Händewaschen mit Waschbecken, eines Kohlenbeckens zum Heizen des Zimmers, eines Kornkruges, einer Oelpresse, antiken Weinkelter, modernen Weinkelter mit Mostküche (Dibes). Getreidemühle, des JL-dbsteins für Getreide, Getreidemörsers, der Knete^chüssel, des Weinkrugs, des Milchkrugs, des Feldwaserkrugs usw. Auch über das im Talmud beschriebene Beerdigungswesen (die so vielfach falsch aufgefassten Kuchin, G-aulel, Dauphek) werden wir durch die vorgeführten Modelle genau unterrichtet. , Ossarien (Knochenbüsten) finden hier ihren Platz neben den Modellen des Schiebgrabes mit Vorhalle, des Bankaratgrabes mit Rollstein, des antiken Tongrabes und des Schachtgrabes. Yon besonderer historischer Bedeutung sind die Darstellung des Grabes Absaloms, des Propheten Sacharja's und der Königin Helena. In diesem Räume begegnen uns wertvolle Thorarollen (allerdings sifrei Tauraus pesulim), darunter eine aus Jerusalem auf rotem Hirschpergament geschrieben, daneben liegend herrliche Mäntelchen und der Thoraschmuck. Sinnreich war es — unter Glasverschluss — die Thorarollen an jenen Stellen aufzurollen, an denen die Speisegetze und die Vorschriften über die Ausschliessung der Aussätzigen mitgeteilt sind. Der Ausstellungskatalog bemerkt mit Recht, dass unser Volk durch seine Thora die ersten wirksamen Massnahmen der Bekämpfung chronischer Infektionskrankheiten besass, und dass die Absonderungsbestimmungen der Thora das Feldzeichen darstellen, unter dem der erste grosse Krankheit bekämpfende Sieg in der Menschheit erfochten wurde. An den Wänden dieses Raumes sind Tafeln aufgehänet, welche biblische Verse enthalten, die auf ein hygienisches Motiv hindeuten lassen. Die Auswahl der Bibelverse hat Herr Dr.Grunwald in Wien mit Unterstützung der Herren Dr. Funk in Boskowitz, Dr. Perls in Pees und dem Schreiber dieser Zeilen getroffen; diese, sowie die im zweiten Raum sich befindenden Aussprüche hygienischen Charakters aus Talmud und Schulchan Aruch sind von Frau Dr. Hitschmann in Wien kallisraphisch geschrieben und mit künstlerischen jüdischen Motiven versehen. Die Ausstellungsleitung will in dem dem jüdischen Mittelalter und der Neuzeit bestimmten Räume eine Schilderung des jüdischen Volkslebens im Mittelalter im Abendlande geben, wie das jüdische Volk trotz aller Bedrückungen seine Eigenart und die Lehren seiner grossen Denker zu befolgen sich bemüht hat, denn „man wird nicht leugnen können, dass unter dem grossen Drucke, der auf dem Volke lag, die Bewahrung seiner Eigentümlichkeit Bewunderung erwecken muss". Wir bemerken sogleich auf den ersten Blick das grosse geheimnisvolle Mittel, das dem geknechteten, unterdrückten und geplagten Juden des Mittelalters, in erster Linie die Kraft zum Weiterleben verliehen inmitten der ihn umgebenden Todesgefahr. Es ist die herrliche „Sabbatstube", eine Schöpfung des Wiener JULIUS OBST. BERLIK. Betender Jude. (Zum Artikel „Julius Obst" Seite 529/530.) Professors Isidor Kaufmann, aus dem Bestände des jüdischen Museums in Wien. Alles, was in dieser der Sabbatehre gewidmetem Räume vorhanden ist, atmet Ruhe, Frieden und Freude; wahrhaft hygienisch heilsam sein musste der 24 stündige Aufenthalt in diesem Raum für unsere armen, die ganze Woche mit dem schweren Pack auf dem Rücken auf der Landstrasse von Dorf zu Dorf ziehenden Glaubensbrüder; hygienisch wertvoll würde er auch sein für unsere Glaubensbrüder' in unserer nervösen, aufgeregten und aufregenden Gegenwart! Die Möbel, Stühle, Kommode, Tisch mit der obligaten weissen Sabbatdecke, ein alter Kamin aus Wien, Sabbatlampe und Sabbatleuchter, auf dem Tische der Kidduschbecher, hebräische Bücher, die Wandgemälde, alles wie aus einem Gusse, ein vollkommener Rahmen für ein Oppenheimsches Bild! Nebenan ein zweites Bild, das stimmungsvoll auf uns wirkt, das Modell des Wiener Ghettos; an einzelnen Häusern nehmen wir die praktische Betätigung der biblischen Schutzmassregel: „Und du solLt ein Geländer machen um dein Dach" wahr. Die Ghettis von Frankfurt a. Main, Eisenstadt — an iem der Eiruw (Sabbatdrähte) zu 1 eobachten ist — und verschiedene andere Ghettis werden uns im Bilde vorgeführt. Recht interessant ist auch jene aus Prag stammende Serie von