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Ost und West · 1911-06-01 · Heft 6 (Juni 1911) · p. Seite 525 - 526

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 6 (Juni 1911)
Article
Soziale Gerechtigkeit im alten Judentum
Date
1911-06-01
Page
Seite 525 - 526 (sequence 7)
Language
German
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525 Dr. Felix Perlos, Königsberg i. Pr.: Soziale Gerechtigkeit im alten Judentum. 526 derart ins Volksbewusstsein übergegangen, dass di-3 grossen leitenden Gedanken der sozialen Gerechtigkeit zum unverlierbaren Besitztum des ganzen Volkes geworden sind? Nun, das goseliah nicht früher, als bis das Volk durch die furchtbarsten Schicksalsschläge zur Erkenntnis seiner Sünden kau und sich auf seine bisher versäumten Pflichten besann, das heisst, erst im babylonischen Exil. Vom heimatlichen Boden losgerissen, unter einem Volke fremder Religion und fremder Sitte lernten sie schnell die Vorzüge ihrer eigenen Gesetze kennen. In einem Lande, wo die sozialen Gegensätze; so zugespitzt waren wie in Babylon, verstanden sie erst vollkommen, was soziale Gerechtigkeit bedeute, und wurde ihr Herz feinfühlig für alle Sehn .erzen der Enterbten des Schicksals. Nicht nur die Reden der im Exil auftretenden Propheten, sondern auch die seit jener Zeit entstandenen Psalmen und vor allem das Buch Hiob zeigen eine grosse Vertiefung der sozialen Ideen. So entwirft der Prophet Ezechiel ein bis in die kleinsten Züge ausgeführtes Bild von dem Idealstaate, den die Juden nach der Rückkehr aus dem Exil bilden werden. Und was in diesem phantastischen Bilde besondere angenehm berührt, die alten schlechten Könige existieren nicht mehr. Sind sie doch die bösen Hirten gewesen, die sich selbst weideten, statt die Horde zu weiden, die sich vom Fleisch der Schafe genährt und in ihre Wolle sich gekleidet haben, während es ihre Pflicht gewesen wäre, das Schwache zu stärken, das Kranke zu heilen, das Wunde zu verbinden und das Verirrte heimzubringen. An Stelle dieser schlechten Könige erscheint im Zukunftsstaatc des Propheten nur ein Fürst, der fast identisch ist mit einem Priester, und der vor allem keinem Untertanen ein Stück Landes fortnehmen darf. Doch noch wichtiger für uns, weil aus dem Volke bervorgegangen, sind die zahlreichen Psalmen jener Zeit, die nicht müde werden, Gott als den Anwalt der Leidenden, Bedrückten und unschuldig Verfolgten anzurufen. Besonders interessant ist in dieser Beziehung der 72. Psalm, clor das Idealbild eines Königs zeichnet: „Er lichtet die Armen des Volkes, hilft den Kindern des Dürftigen und zermalmt den Bedrücker . . . er rettet das Leben der Armen, von Bedrückung und Gewalt erlöst er sie und teuer ist ihr Blut in seinen Augen." Doch der gewaltigste Hymnus auf die soziale Gerechtigkeit ist im Buche Hiob enthalten, wo, der fromme Dulder angesichts seiner ungerechten Freunde, die ihn um jeden Preis als Sünder hinstellen wollen, sich durch nichts besser zu rechtfertigen weiss als durch den Hinweis auf sein Leben, in dem er nach dem Zeugnis all seiner Bekannten den sozialen Pflichten im weitesten Umfang nachgekommen ist. Wir ersehen daraus besser als aus allen Gesetzen und Lehren, wie man sich im alten Israel das Wesen eines Frommen vorstellte:1) ,,Ich errettete den Armen, der schrie, die Waise, die keinen Helfer hatte. Der Segen des dem Untergang Verfallenen kam über mich, und das Herz der Witwe machte ich jubeln . . . Auge war ich dem Blinden und Fuss war ich dem Lahmen. Ein Vater war ich den Dürftigen und die Rechtssache des mir Unbekannten prüfte ich. Ich zerschmetterte dem Frevler die Kinnlade und riss ihm die Beute aus den Zähnen. . . . Wenn ich das Recht meines Knechtes verachtete und das meiner Magd, wenn sie mit mir stritten — hat nicht, der mich'erschuf, im Mutterleibe l) Hiob 29, 12ff; 31,13ff. auch ihn geschaffen, und uns in einem Mutterschoss bereitet? — Wenn ich Armen einen Wunsch versagte und die Augen einer Witwe verschmachten Hess, wenn ich mein Brot allein verzehrte und nicht die Waise davon ass . . . wenn ich einen Umherirrenden ohne Gewand und einen Dürftigen ohne Kleidung sah, und seine Hüften mich nicht gesegnet haben und er sich nicht erwärmte an meiner Schafe Schur, wenn ich gegen eine Waise meine Hand geschwungen, weil ich im Gericht Beistand für mich sah, so möge meine Schulter von ihrem Nacken fallen und mein Arm aus seinem Gelenk gebrochen werden . . . wenn ich mich freute über das Unglück meines Feindes und frohlockte, wenn ihn Unheil traf . . . wenn ich vor den Menschen meine Sünden verheimlichte, indem ich meine Schuld in meinem Busen verbarg . . . wenn über mich mein Acker schrie und alle seine Furchen weinten, wenn ich seine Kraft ohne Entgelt verzehrte und den, dem es zukam, verschmachten liess, so mögen statt Weizen Dornen aufgehen und statt der Gerste Unkraut." Leider blieb die Wirklichkeit hinter diesem Ideal weit zurück. Während man glauben sollte, dass bei den in der Leidensschule des Exils geläuterten Juden ein Rückschlag nicht so bald erfolgen würde, traten ALFRED WOLMARK. LONDON. Simchas Thorah. (Zum Artikel „Alfred Wolmark" nuf'.Se:to 537/53S.)

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