Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Soziale Gerechtigkeit im alten Judentum
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 527 - 528 (sequence 8)
- Language
- German
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527 Dr. Felix Perles, Königsberg i. Pr.: Soziale Gerechtigkeit im alten Judentum. 528 nicht lange nach der Rückkehr in die Heimat soziale Missstände ein, die im Buche Nehemia mit aller Anschaulichkeit geschildert sind. Das durch die Steuer an den persischen König bedrückte Volk hatte in seiner Not nicht nur seine Felder, Weinberge und Olivengärten, sondern auch seine Häuser und seihst seine Kinder an die Reichen verpfändet. Da nun das Volk seine Schulden nicht bezahlen konnte, behielten die hartherzigen Gläubiger den Boden als ihr Eigentum und die Kinder als ihre Sklaven. Nehemia, der als Statthalter des Königs einen grossen Einfluss hatte, erwirkte nun von den Reichen nicht nur, dass sie die verpfändeten Grundstücke zurückgaben und den geknechteten Personen die Freiheit wieder schenkten, sondern dass überhaupt alle Schulden erlassen wurden. Er selbst gab ein schönes Beispiel der Selbstlosigkeit, indem er auf die ihm als Statthalter zukommenden Einkünfte verzichtete, den Armen noch Geld und Getreide lieh und nötigenfalls die Schuld ganz verfallen liess. So war es nur natürlich, dass die grosse durch Esra und Nehemia bewirkte religiöse Erneuerung, die dem Judentum seine endgültige Konstitution gegeben hat, sich besonders auch auf sozialem Gebiete äusserte. Gleich die zweite eidliche Verpflichtung, die das Volk in der denkwürdigen grossen Versammlung übernahm, war die gewissenhafte Beobachtung des Sabbatjahrs. In dem neu organisierten jüdischen Gemeinwesen, das nicht mehr politischen, sondern nur mehr rein religiösen Charakter trug, war nun endlich verwirklicht, was bis dahin weder prophetische Mahnungen noch gesetzliche Bestimmungen zuwege gebracht hatten, eine jüdische Gemeinde, in der jeder frei und gleich war, eine Gemeinde, in clor es kein anderes Oberhaupt gab als Gott, eine Gemeinde, deren Grundlage der Monotheismus und deren Ziel die soziale Gerechtigkeit war. Wohl kamen auch jetzt noch zuzeiten Rückschläge vor, die manchen Kleinmütigen am Siege des Guten verzweifeln liessen. So klagt Koheleth:1) „Ich sah all die Bedrückungen, die unter der Sonne verübt werden, und siehe, die Träne der Bedrückten, die keinen Tröster haben und von ihren Bedrückern Gewalt erleiden, da pries ich die Toten höher als die Lebenden." Solchen Anwandlungen der Resignation begegnen wir übrigens sehr selten, und sie würden auch der ausgesprochen optimistischen Anschauung des Judentums widersprechen. Dieser Optimismus hat seinen erhabensten Ausdruck gefunden in der schon von den Propheten verkündigten und mit der fortschreitenden Zeit immer stärker betonten Lehre vom messianischen Reich. Die Gotteserkenntnis wird die ganze AVeit erfüllen, und die Folge davon wird sein, dass überall auf Erden Recht und namentlich auch soziale Gerechtigkeit herrscht:2) ,,Er wird nicht nach dem Schein der Augen richten und nicht nach dem Gerücht x) Eccl. 4, lff. 2) Jesaias 11, 3ff. der Ohren urteilen, sondern er wird die Armen mit Gerechtigkeit richten und unparteiisch über die Elenden der Erde urteilen. Er wird den Gewalttätigen mit dem Stabe seines Mundes schlagen und mit dem Hauch seiner Lippen den Frevler töten." Durch den Sieg der Gerechtigkeit wird dann überall Frieden herrschen, wird die Feindschaft zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk aufhören:1) ,,Sie werden ihre Schwerter zu Sicheln, ihre Lanzen zu Winzermessern umschmieden. Kein Volk wird mehr gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden nicht mehr Krieg!'(ihren lernen.'* Diese Hoffnung auf eine deroinstige Verbrüderung der Menschen und Völker unter dem Zeichen der sozialen Gerechtigkeit, dieser unerschütterliche Glaube an den ewigen Fortschritt der Menschheit erwies sich bis auf den heutigen Tag als die unbesieglichste Kraft, die die Geschichte kennt. Das jüdische Volk hat diese Lehren seit dem Altertum in Wort und Tat verbreitet und wurde auch an ihnen nicht irre, als die ganze Welt sich ihm so entgegenstellte, als gäbe es überhaupt kein Recht mehr auf Erden. Jede neue Entrechtung, jede Vergewaltigung befestigte in ihm von neuem den Glauben an seine grosse Zukunft, erfüllte es mit dem edlen Stolz, Träger der Lehren des Rechts und der Wahrheit zu sein, und liess ihm die Leiden dieser Welt gering erscheinen angesichts der Hoffnung auf den schliesslich doch nicht ausbleibenden Sieg seiner Sache. Dieser Glaube erfüllt auch heute noch gerade unsere osteuropäischen Brüder, die den Mächten der Finsternis und Bosheit zu erliegen drohen, und an deren Erlösung mit Herz und Hand mitzuarbeiten die höchste uns heute obliegende religiöse und sozialt1 Pflicht ist. So sei dieser Aufsatz mit den Worten beschlosmi, mit denen 13 e r n a r d Lazare, der zu früh heimgegangen« tapfere Kämpfer für Wahrheit und Recht, den Anteil seines Volkes an der Verbreitung der Ideen der sozialen Gerechtigkeit mit dem Feuer seiner Seolo geschildert hat:2) „Ich gehöre zum Stamme deror, die, wie Renan gesagt hat, die Idee der Gerechtigkeit zuerst in die Menschheit getragen haben. Der Glaube an das Herrschen dieser Gerechtigkeit hat all die Meinen beseelt, von den Propheten und leidenden Dichtern, die die Psalmen gesungen, bis zu denen, die wie Marx und Lassalle die Rechte des Proletariats vertreten haben, bis zu den demütigen Märtyrern der Revolution, die ihren Glauben an das Ideal der Gerechtigkeit in den russischen Kerkerhöhlen, unter der Knute oder am Galgen der Zaren gebüsst haben. Sie alle, meine Ahnen und Brüder, haben fanatisch gewollt, dass jedem sein Recht werde und die Wagschale sich niemals ungerecht neige. Dafür haben sie geschrien, gesungen, geweint und gelitten, trotzdem man sie schmähte und anspie: .Ich bin einer der ihren und will es sein." 1) Jesaja 2, 4 Micha 4, 3. 2) L'Aurore, 7 juin 1899.