Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Soziale Gerechtigkeit im alten Judentum
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 519 - 520 (sequence 4)
- Language
- German
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519 Dr. Felix Perles, Königsberg i. Pr.: Soziale Gerechtigkeit im alten Judentum. 520 Wir sehen also, dass schon in diesen ältesten Partien der Gesetzgebung bei allen sozialen Vorschriften immer und immer wieder auf Gott hingewiesen wird. Das ist kein blosser Zufall, und wir haben es hier auch nicht mit einer bloss formelhaften Wendung zu tun, sondern wir stehen hier vor einer bedeutsamen Erscheinimg: Die soziale Gerechtigkeit bildet im alten Judentum nicht nur eine Seite des religiösen Lebens, sondern die Hauptseite, und je tiefer die religiöse Erkenntnis drang, desto mehr Nachdruck wurde darauf gelegt, bis zuletzt die Propheten geradezu erklärten: Religion und Gotteserkenntnis sind gleichbedeutend mit sozialer Gerechtigkeit. Der ganze Gottesbegriff des Judentums drängte förmlich zu einer solchen Auffassung der menschlichen Pflichten. Treffend charakterisiert Nietzsche1) das Alte Testament als ,,das Buch von der göttlichen Gerechtigkeit". Auf keine Eigenschaft Gottes wird so oft und so stark Nachdruck gelegt, wie auf seine Gerechtigkeit. Einseitige Betrachtungsweise hat daraus kurzweg einen „Gott der Rache" gemacht, was ja insofern richtig ist, als auch die strafende Gerechtigkeit Gottes einen breiten Raum in der Bibel einnimmt. Aber neben und vor derselben steht die ausgleichende Gerechtigkeit Gottes; er schafft all denen Recht, denen ihr Recht auf Erden verweigert wird. Er sieht die Tränen und hört die Klagen der Bedrückten; er ist ihr „Goel", d. h. ihr Blutsverwandter, der ihr Recht noch über ihren Tod hinaus zu vertreten hat. Darum verlangt er von jedem, der ihm nahestehen will, sich der Leidenden und Schwachen anzunehmen. Es ist das ein unmittelbarer Ausfluss der Anschauung, dass die Gesetze der ewigen Gerechtigkeit, nach denen Gott die Welt lenkt, auch für die Menschen in ihrem Handeln massgebend sind. Eine Uebertretimg derselben ist eine Verkennimg Gottes und darum eine Yerkcnnung der eigenen Menschenwürde. Die wahre Menschenwürde besteht darin, Gott in seinem Wirken zu erkennen und diese Erkenntnis im Leben zu betätigen. Ich müsste alle prophetischen Reden mitteilen, wenn ich die Belege für diese Anschauung vollständig anführen wollte. Es sei daher heute nur eine Stelle aus dem Propheten Jeremias herausgegriffen, die diesen Gedanken in prägnanter Weise zum Ausdruck bringt:2) „Nicht rühme sich der Weise seiner Weisheit, nicht der Held seiner Stärke, nicht der Reiche seines Reichtums, sondern dessen rühme sich, wer sich rühmen mag: einsichtig zu sein und mich zu erkennen, dass ich Liebe, Recht und Gerechtigkeit auf Erden übe, und dass ich solches verlange, spricht der Ewige." Dass in dieser Stelle der Schlüssel zum Yerständnis der ganzen jüdischen Gottesanschauung liege, hat schon vor mehr als 700 Jahren kein Geringerer als M a imonides erkannt. Er erklärt nämlich am Schlüsse seines grossen philosophischen Werkes, des ,,Führers der Verirrten", es sei sehr beachtenswert, dass hier die Gotterkenntnis nicht etwa in metaphysischen Aussagen über das Wesen Gottes gesucht werde, dass es also nicht etwa heisse: „erkennen, dass Gott einzig, unkörperlich, unvergleichlich ist", sondern dass nur die Eigenschaften Gottes genannt seien, die dem Menschen als Richtschnur für sein eigenes II a n cl e 1 n dienen können. In dieser Auffassung begegnet sich Maimonides einerseits mit Spinoza, der im XIIL Kapitel des Theo!, polit. Traktats die angeführte Stelle aus Jeremia] ganz im :) Jenseits von Gut und Böse. S. 68. 2) Jer. 9,22—23. gleichen Sinne erklärt, andererseits mit Hermann Cohen, der sich in seiner „Ethik des reinen Willens" folgendermassen äussert (S. 380): „Die Sittlichkeit allein ist das Amt dieses einzigen Gottes der Propheten. Wenn Gott vom Menschen fordert, dass er ihn erkenne und liebe, so fordert er nur, dass er die Sittlichkeit erkenne, liebe und übe. Gott erkennen heisst hier nicht, seine Natur und sein Wesen erforschen." Aehnlich lesen wir dort an anderer Stelle (S. 528): „Die Propheten wurden Märtyrer nicht eigentlich, was man so nennt, für eine Glaubenslehre, sondern das ist das rein Menschliche an ihnen, dass sie für ihre Politik sich opfern; dass diese ihre^ Politik nichts anderes ist, als was wir heute Sozialism u s nennen. Recht zu schaffen den Armen, das ist ihr Glaube. Daher ist ihre Religion Sittlichkeit. Nicht Liebe fordern sie und Barmherzigkeit, sondern Recht und Gerechtigkeit. Für diese Forderung setzen sie ihren Mut, ihre Tapferkeit ein. Sie sind daher die Vorbilder der wahren Tapferkeit, sie sind die echten Helden der Politik und der Weltgeschichte." Die prophetischen Reden sind für uns deswegen so wertvolle Zeugnisse, weil sie nicht in abstrakten Theorien sich verlieren, sondern ins volle Menschenleben hineingreifen, und mit einem Realismus, wie wir ihn kaum bei den modernen Schriftstellern finden, die düstersten Bilder aus dem sozialen Leben entrollen. Sie zeigen uns einerseits, dass die Lehren der sozialen Gerechtigkeit damals noch nicht im Volk durchgedrungen waren, aber sie beweisen andrerseits durch ihre kategorische Form, dass diese Forderungen schon längst bestanden haben und als bekannt vorausgesetzt wurden, ja sie treten mit einem solchen Tone der Selbstverständlichkeit auf ohne den Anschein, irgend etwas Neues lehren zu wollen, dass man schon daraus entnehmen darf, dass die Propheten nicht sowohl die Schöpfer als die Lehrer der höchsten Sittlichkeit waren, dass sie den Gott der sozialen Gerechtigkeit nicht erst entdeckt, sondern nur die Erkenntnis seines Wesens gefördert, verbreitet und erhalten haben. Hören wir A m o s , den ältesten Propheten, dessen Reden uns erhalten sind, so haben wir nicht den Eindruck, dass er dem Volke eine überraschende Entdeckung mitteilen will, dass er ihm vielmehr eine schon bekannte, aber vergessene Wahrheit ins Gedächtnis rufen will (5,10ff.): „Sie hassen den, der im Tore für das Recht eintritt, und verabscheuen den, der die Wahrheit redet. Darum, weil ihr die Gelingen niedertretet und Geschenke an Korn von ihnen annehmt, sollt ihr wohl köstliche Weinberge anlegen, aber keinen Wein von ihnen trinken. Denn ich weiss wohl, viel sind eure Schandtaten und zahlreich eure Sünden: ihr bedrängt die Unschuldigen, nehmt Bestechung an und unterdrückt die Dürftigen im Tor. . . . Ich hasse, ich verachte eure Feste und kann eure Feiertage nicht riechen. Denn wenn ihr mir Brandopfer darbringt, nehme ich eure Gaben nicht gnädig auf, und die Mahlopfer von euren Mastkälbern sehe ich nicht an. Hinweg von mir mit dem Geplärre eurer Lieder; das Rauschen eurer Harfen mag ich nicht hören, vielmehr möge Recht sprudeln wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nimmer versiegender Bach. . . ." So wird der Prophet, der ein Anwalt des gekränkten Rechts ist, zugleich ein Anwalt Gottes und verteidigt Gott gegen die unwürdige Verkennung seines Wesens. Aber so gewaltig auch das Wort des Propheten ist und so überwältigend sein Eindruck im ersten Augenblick gewesen sein mag, es