Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 471 - 472 (sequence 3)
- Language
- German
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471 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliancc-Expedition nach dem Yemen. 472 Die acht Feiertage werden in derselben Art verlebt wie der Sabbat. Beim Gottesdienst Avcrden Kinder und junge Männer zur Vorlesung aus der Thora aufgerufen; diese Aufmerksamkeit für die Kleinen hat etwas recht Zartes. Auch an den Sabbaten wird immer nach fünf erwachsenen Personen ein Kind an die Thora gerufen, denn sobald ein Junge lesen kann, wird er Mitglied der Gemeinde. Gemeinden im Innern des Landes. Zählung. Die Aufgabe, die wir im Yemen zu erfüllen haben» ist schwierig und mannigfaltig; wir haben ihre verschiedenen Zweige geprüft, können aber ihre Ausdehnung noch nicht übersehen. Um diese einigermassen feststellen zu können, muss man vor allen Dingen die Zahl unserer Glaubensgenossen und die Orte kennen, auf die sie verteilt sind. Zu diesem Zweck habe ich seit meiner Ankunft in Menaha eine Zählung begonnen und führe sie unermüdlich weiter. Die Juden auf dem flachen Land sind ausserordentlich rückständig, sie sind furchtsam und misstrauisch. Da sie schon sehr viel zu leiden hatten, fürchten sie sich vor allem und vor jedem, natürlich auch vor mir. Meine Ankunft in Sanaa hatte etwas Aufsehen erregt, meine .Reise ist für viele Leute Gegenstand der Unterhaltung und selbst der Unruhe gewesen. Wenn ich durch die Strassen gehe, schauen die Araber mich neugierig an und die Kinder rufen sich gegenseitig zu: „Kommt schnell, da geht der Chacham!" Besuche ich einen Beamten, so heisst es bei den übrigen Anwesenden: „Aha, das ist der!" Und unsere Notabein werden fortwährend von den vornehmen Arabern gefragt, zu welchem Zweck ich eigentlich hergekommen bin. Mir ist auch verschiedentlich g raten worden, nicht weiter in das Innere des Landes zu gehen, weil böswillige Leute mich umbringen könnten. Diese Neugierde und Feindseligkeit hat sich schnell weiter verbreitet, so class die kleinen Gemeinden im Innern, die sich anfangs über mein Kommen gefreut hatten, jetzt zu zittern beginnen und die Befürchtung hegen, ob ihnen daraus nicht neue Verfolgungen entstehen können. Beinahe ist es soweit gekommen, dass man mich nicht mehr besucht, und mir bei Begegnungen ausweicht. Die durch Sanaa reisenden Juden, die ich über verschiedene Dinge befrage, antworten mir: ,,Man hat uns geraten, Rabbi, nicht in Euer Haus zu kommen und Euch nichts zu erzählen, weil die Araber es uns übelnehmen könnten. Wir denken auch, Ihr seid ein Emissär der Türken und wollen Euch nickt dabei helfen unsere Söhne zu Soldaten zv. machen.'" Wieviel Geduld und Beredsamkeit muss ich aufwenden, um diese Unglücklichen zu beruhigen! Manche lassen sich überzeugen, andere bleiben unerschütterlich. Die bisher allen Plagen und Leiden überlassenen Armen können nicht begreifen, dass ich von so weiter Ferne hergekommen bin, einziir, um ihre Lebensweise kennen zu lernen, und sie von den Werken der Alliance profitieren zu lassen. Manche fassen sich ein Herz und sagen mir mit rührender Einfachheit: „Alle Rabbis, die aus Jerusalem hergekommen sind, haben Gehl von uns verlangt, Sie aber geben hier Geld aus und verschenken Geld, warum?'1 Ja, (üese Scheluchim aus dem Heiligen Land, die bescheiden und demütig hierher gekommen waren, haben hier oft ein trauriges Andenken hinterlassen. Sie belegten ein Dorf einfach mit dem Bann und hoben den Bann nur gegen ein von ihnen festgesetztes Lösegeld auf. Oft mussten die Leute, um bezahlen zu können, ihre Bücher und ihren Schemla verkaufen. Viele fürchteten auch nach der Vorhersage des Scheliach im Laufe des Jahres zu sterben und flehten das Beth Din von Sanaa auf den Knien an, den Bann aufzuheben. Einer dieser schrecklichen Schnorr-Rabbiner, namens Joseph Abithul, wurde vor kurzem nach einer fruchtbaren Tournee in 'der Nähe von Sanaa vollständig ausgeplündert. Sogar seine Tephilim wurden ihm abgenommen und als Flintenriemen verwendet. AVährcnd des dreimonatigen Aufenthalts im Yemen habe ich nicht alle von Juden bewohnten Gegenden besuchen können; aber man darf wohl behaupten, dass es kaum eine Stadt oder Dorf gibt, in dem keine Juden wohnen. Oft sind nur eine oder zwei Familien an einem Ort, dann auch zehn bis zwanzig und schliesslich gibt es auch Ortschaften mit hundert jüdischen Familien. Ich selbst habe 300 Städte und Dorf er mit jüdischen Einwohnern aufgezeichnet und die Zahl der jüdischen Einwohner in 150 dieser Orte gezählt; sie belicf sich auf 12 000 Seelen. Mehr als .'3000—4000 Juden werden wohl in den anderen Gemeinden zusammen nicht leben, so dass dies für das ganze Yemen mit Ausnahme von Eden eine jüdische Bevölkerung von 15 000 — IG 000 Seelen ergibt. Im Jahresbericht von 1881 ist von 15 000 Juden die Rede, im Bericht von 1S9S von ungefähr GOO00; diese Ziffer kam wohl der Wahrheit am nächsten. Die grosse Hekatombe des Jahres 1905 hat im ganzen Lande Yemen 20 000 bis 25 000 Juden weggerafft. Bei meinen Zählungen habe ich mich überall nach der Zahl der Gotteshäuser erkundigt und regelmässig bekam ich den Bescheid: „Früher gab es zwei bis drei Synagogen, heute kommen kaum zehn Männer in einem dieser Tempel zusammen." Der Jahresbericht von 1904 enthält zwei Tabellen der Bevölkerung einiger Städte; manche Ziffern sind zu hoch gegriffen. Das bedeutendste jüdische Zentrum bleibt Sanaa mit seinen ca. 3000 jüdischen Einwohnern, von denen 2750 stabil sind und 250 fluktuieren. Em Nor 1 westen liegt in einem Umkreis von 50—100 km eine fruchtbare und gut bevölkerte Gegend, die ehemals eine grössere Anzahl jüdischer Geineinden umfasstc und heute noch die Gemeinden Amram Schibau, Tauila und Kokoban enthält. Weiter nach Norden liegt das dem Imam gehörige Gebiet Nasched mit unendlich vielen kleinen re-ht traurigen Gemeinden. Ganz, hoch im Nordosten unter herrliehen Weinbergen ist Saada und zwischen schönen Palmenhaincn Maklaf und Ncgran. Die Juden dieser Ortschaften sind gross und kräftig, sie gehören einem kriegerischen Stamm an und sind stets nach arabischem Brauch mit dem krummen Dscliambieh und der langen Flinte bewaffnet. Sie schneiden niemals ihr Haar. Wenn sie nach dem Süden in die Gegenden kommen, wo der Jude das von uns beschriebene untergeordnete und verachtete Wesen geworden ist, behalten sie ihre Waffen und verstecken das Haar unter einem kleinen schwarzen Turban: an den Ohren lassen sie ein paar Locken hängen, die die traditionellen Simanim vorstellen sollen. Sie tragen weisse Gewänder, die aber so schmutzig sind, dass man sie für schwarz halten kann. Die Hungersnot und die Revolutionen haben sich in den letzten 20—30 Jahren in der Gegend Saada sehr fühlbar gemacht, so das« ein Teil dieser unabhängigen Völkerschaften auszuwandern begann, zum Teil nach dem Heiligen Lande. Die yemenitischen Juden zogen nach Westen und kamen an das Rote Meer, gingen von da aus auf Samba ks bis Djedda, Hodeidah oder Aden und reisten mit dem Dampfschiff nach Aegypten, Palästina und der europäischen Türkei. Die letzte Karawane, die Haülan, eine Tagereise von Saada, verliess, ist erst nach dreijähriger Wanderschaft in Jaffa angekommen! Als sie endlich den Meeresstrand erreicht hatten, waren sie von allen Mitteln entblösst. Zu Fuss waren sie nordwärts gepilgert und durch das Land Assyr gezogen. Unterwegs machten sie sieh den Arabern nützlich: die Frauen nähten für sie, die Männer arbeiteten Schmuekgegenstände und damit verdienten sie gerade genug, um nach der Ankunft in Djedda die Fahrt bis Jaffa bezahlen zu können. Die jüdischen Gemeinden im südlichen Yemen sind jetzt wohlhabender und besser bevölkert als die im Norden ansässigen. Durch die Nähe und die geschäftlichen Beziehungen zu Aden erlernen sie den. Handel und gewinnen dadurch an Bedeutung. Die Ortschaften Damar, Redda, Jerim, Kataba, Damt und Sedde schicken viele Juden nach Aden, die dort eine Zeith ng arbeiten, Ersparnisse machen und dann zu ihren Familien zurückkommen. Die meisten jüdischen Dienstboten in Aden kommen aus Redda, sie sind wegen ihrer Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit berühmt. Im Südosten und im Nordosten, in der Gegend von Beihau und im Wüstengebiet, leben noch einige kriegerische Judenstämme, die das Haar lang tragen und Waffen bei sich führen. Alle diese kleinen Gemeinden des Innenlandes, die unter ihrer Armut und unter dein Hass der Araber schon genug