Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 469 - 470 (sequence 2)
- Language
- German
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4G'J Mitteilungen der Allianco lsraelite Univeraelle: Die Alliance-Expedition nach dem Yemen. 470 zu waschen und die Handmühlen zu putzen. Die wichtigste Angelegenheit ist die Herrichtung des Mehls für die „Asymas" (Mazzoth). Das Korn, oh es nun Scliemura (das seit der Ernte besonders für das Osterbrot aufgehobene) ist oder anderes, wird einzeln Korn für Korn gemahlen. Alte Frauen übernehmen die Arbeit des Mahlens. Am Sabbat vor Ostern gehen Oberrabbiner und Richter in alle Synagogen der Stadt und ermahnen alle Gemeindemitglieder, ihre jungen Frauen recht sorgfältig heim Fortschaffen des Chametz zu beaufsichtigen. In anderen Städten der Türkei halten die Rabbiner an diesem Tage lange Predigten. Hier verstehen die More sich nicht gut auf öffentliche Reden, und wenn sie ihren Gemeindemitgliedern etwas zu sagen haben, setzen sie einen kleinen Artikel auf und lesen ihn mit eintöniger Stimme vor. In diesem Jahr beginnt das Pessachfest an einem Samstag abend: wir müssen das ("lebet im Dunklen verrichten, denn im ganzen Judenviertel gibt es keinen einzigen Mohammedaner, der die Lichter anzünden könnte: eme einzige Lampe brennt seit dem vorigen Abend und gibt nur ein ganz blasses Licht. In dem kleinen Tempel von (Javch sind 70 Personen eng aneinander gepresst; alle Hausierer sind heute aus den Dörfern in die Stadt zurüekgekom men. Alle sitzen in ihre schwarzen Sehemlas gehüllt auf dem Fußboden. Man beginnt mit dem (lebet: ...Huldiget dem Ewigen''. Der heute funktionierende Vorbeter bat ein air/p neb mos Organ: er liest eine Strophe, der Chor antwortet mit der zweiten, und so wird der ganze Psalm abwechselnd vom Yorbeter und dem aus wenigen Personen begehenden Chor vorgetragen. Plötzlich stimmt die Gemeinde das Hallelujah an. das ist ein Triumphgeschrei, ein Begeisterungsgesang, der in vollen Tönen durch den Raum schallt. Ich fühle mich nicht mehr einsam, und ich kann begreifen, wie sehr die zum lieben Gott emporgerichteten Ritten den Mut der Unglücklichen in den Tagen grossen Leids aufgerichtet haben. Es ist dunkle Nacht geworden, der Sabbat ist vorüber; nun werden die Lampen angezündet, und der Gottesdienst wird in dem üblichen Lärm zu Ende geführt. ]ch bin beim Oberrabbiner zum Seder eingeladen und habe die Einladung tinter der Bedingung angenommen, cla<s ich mir das Essen aus meiner "Wohnung schicken lassen du'f. Wir kommen in das vollständig finstere Haus. Mein Wirt zieht seinen Talar aus, um die Lampen zurechtzumachen, und ich gehe inzwischen in die Rüche, weil ich gern das Vorbereiten der Mazzotb beobachten möchte. In einem kleinen Raum ist an der Längsseite eine Art breiten Sofas aus Ton angebracht, auf dem man grosse Löcher bemerkt, das sind die hiesigen Backöfen. Auf der Erde sitzt eine Frau und. rührt mechanisch das in einer Terrine befindliche Wasser um: in das Wasser schüttet sie ein Mass Mehl, und während sie mit der linken Hand die Terrine festhält, knetet sie mit der Rechten das Mehl und macht daraus einen Teig. Das Wasser genügt nicht: sie nimmt mit clor linken Hand Wasser, knetet mit der rechten weiter und balanciert dabei die Terrine mit grossem Geschick. Fast, eine Stunde lang wird der Teig so bearbeitet, bis er schliesslich ganz weiss und sehr elastisch wird. Wahrend dieser Zeit wird der Backofen geheizt und verräuchert das ganze Haus. Nachdem der Teig fertig ist, wird er in einzelne Teile geschnitten, die man auf eine Platte legt; die Mutter des Rabbi nimmt ein mit einem Tuch bedecktes Kissen — in der Art der von Putzmacherinnen benutzten Hauben köpfe — breitet den Teig aus. dann versenkt sie die Hand in den 'Backofen, drückt den Teig gegen die erhitzte Wand und zieht eine Minute später einen weissen knusperigen, sehr appetitlichen Kochen daraus hervor. Welcher Unterschied zwischen diesem Gebäck und den dicken, schweren und unverdaulichen Ostcrbroten der Türkei! Hier werden sie täglich zweimal frisch gebacken und dabei die grösste Vorsicht zur Vermeidung des Caametz angewendet; es ist sehr mühsam für die Hausfrau, aber ihr Leben setzt sich nur aus Arbeit und Ti• ü bsal zu sammen. Ich kehre in das Zimmer zurück. Der Oberrabbiner hat inzwischen die Lampen angezündet und seine Funktion als Schocket ausgeübt; indem er vor der Haustür einen Hammel und ein Kalb schlachtete. Jetzt ist er wieder hier; sein Bruder mit seiner Familie und einige Nachbarn sind erschienen, um dem Seder beizuwohnen. Die Tafel wird hergerichtet: sie besteht aus einer niedrigen Fussbank, um deren Rand man kreisförmig Rüben, Petersilie und Kresse legt. Das bildet einen etwa 50 cm hohen Kreis, dessen Innenraum von den Töpfen mit verschiedenen Esswaren ausgefüllt ist. Während man auf die Fertigstellung der Mazzoth -wartet, wird, wie gewöhnlich, ein religiöses Thema diskutiert. Zum Beispiel: Warum wird der Wein der Arba Kosseth nicht in ein einziges Glas gegossen; warum trinkt man nicht alles auf einmal aus — hiesse das ein Gesetz oder einen Brauch verletzen? Jeder spricht seine Meinung aus, und der Diener, ein alter neben dem Oberrabbiner sitzender Junggeselle erklärt, man brauche die Arba Kosseth, um viermal statt eines einzigen Mals den Segensspruch, sprechen zu können. Auch, die Frauen sind ins Zimmer gekommen. Der älteste Sohn füllt die Gläser, man macht Kiddusch, wäscht sich die Hände und liest mit grosser Geschwindigkeit die Hagada. Da keine Kinde:" bei Tisch sind, brauchen nicht viele Erläuterungen gegeben zu werden. Bei der Stelle, wo von den zehn Plagen die Rede ist, wird ein Scherben herbeigeholt, in den der Oberrabbiner zehn Tropfen Wein aus seinem Glase träufelt. Man liest weiter. Wenn man an dem Absatz angelangt ist, der mit den Worten: „ Bezeth Jisrael Mimizrajim" beginnt, rufen alle Anwesenden beim Schluss jeder Strophe: „Hallelujah, Hallelujah!'' Der letzte Abschnitt der .Hagada ist ein schöner Gesang zum Preise des Schöpfers, der in unseren türkischen Buchausgaben nicht abgedruckt ist. "Reim „Karpas" pflegt man im Orient und Okzident ein Sellerie- oder Petersilienblättchen in Essig zu tunken; hier nimmt man zu einer kleinen Kugel zusammengerollte Petersilie — ungefähr in der Grösse einer Olive — und tunkt sie in das Charosseth. Diese Mischung, die an den Mörtel erinnern soll, den unsere Vorfahren in Aegypten herstellen mussten. wird hier aus dreizehn verschiedenen Zutaten zusammengesetzt: aus Datteln, Aepfeln, Mandeln, Sesam. Nelken usw. Nachdem die Vorlesung der Hagada beendet ist, wird nach Landessitte gespeist, indem alle ihre Hände in denselben Napf stecken. Danach kommt das Tischgebet und das „Schefoch/" und der Seder ist vorüber. Am zweiten Pa isahabend bin ich heim More Aron (lohen, Richter beim Beth Din; er ist ein prächtiger stattlicher Greis mit schönem, langem weissem Part und immer freundlichem, sympathischem Gedcht. Der Imam hatte ihn zum Oberrabbiner ernennen lassen, er legte diese Würde aber bald ab und nahm dafür den Posten eines einfachen Richters an; er wollte sich nützlich machen, ohne dafür Ehrungen oder Vorteil zu gewinnen. Von Beruf Schneider, näht und stickt er den ganzen Tag an den Galamänteln für die Araber, die ihn sehr lieben und ihn gern bei sich empfangen. Er ist das Oberhaupt einer Patriarcheufamilie, die er mit Milde regiert. Von seinen fünf verheirateten Söhnen, die mit ihren Familien in seinem Haus wohnen, sind drei bereits Grossväter. Es ist eine Freude, in dieses gottgesegnete Haus zu kommen. More Aron liebt die Poesie der alten Bräuche und hängt an der Vergangenheit. Der Wohlklang seiner Stimme hat sich trotz seines hohen Alters noch voll erhalten, darum hat der von ihm abgehaltene Seder einen grossen Reiz. Vor Beginn der Vorlesung bricht er eine Mazzi in zwei Teile, hüllt sie in ein Tuch, legt sie auf die Schulter und spaziert damit durch das ganze Haus: das bedeutet den Auszug aus Aegypten. Die Manisehtana wird von zwei seiner Enkel in* Arabische übersetzt, „damit die Frauen auch etwas davon verstehen," erklärt mir der milde Greis. Wenn man das „Kama Maaloth Tobet" beginnt, setzen Männer und Frauen sieh um die Tische und heben diese in die Höhe, sobald das Dajenu gesagt wird, lassen sie die Tische mit einem Ruck wieder herunterfallen. Die letzten Strophen werden mit grossem Nachdruck vorgetragen. Nach der Mahlzeit wird in sehr Arergnügter Stimmung das „Schefoch", das Hohelied, das „Echod mi Jodea" und das „Had Gaclia" gelesen. Erst um Mitternacht war das Fest beendet.