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Ost und West · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 473 - 474

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-05-01
Page
Seite 473 - 474 (sequence 4)
Language
German
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473 Mitteilungen der Alliance Jsraelite Universelle: Die Allnmce-Expedition nach dein Vezncn 474 zu leiden haben, verärgern sieh noch durch innere Streitigkeiten; sie besitzen keinerlei Organisation und gehorchen keiner Autorität. An ihrer Spitze steht zwar als anerkanntes Oberhaupt ein Scheich, er ist jedoch kein Vater für die Gemeinde. sondern eher ein kleiner Tyrann. Er will sich bei der türkischen Regierung oder beim Lnam beliebt machen und ausserdem Geldgewinn aus seiner Stellung ziehen. Wenn den Juden irgendeine Leistung auferlegt wird, hat der Scheich sie auf die einzelnen Familien zu verteilen, und er tut dies mit mehr oder weniger Unparteilichkeit, je nach den Geschenken, die ihm gemacht werden. Der wahre tHirt der Gemeinde ist der Rabbiner, der More. Er leitet den Gottesdienst und die religiösen Studien, aber er hat keinen grossen Einfluss, und die ewig aufsässigen Gemeindemitglieder hören nicht auf ihn. Um ein rasches Wort,»um eine'Bagatelle schlägt man sich. In der verhältnismässig aufgeklärten Stadt Amram ist seit einiger Zeit der Gottesdienst in Unordnung geraten, weil jeder einzige Jude Chasan sein will. Ein paarmal ist die Polizei eingeschritten und hat die Synagoge geschlossen; sobald man sie wieder aufmacht, beginnt der Kampf von neuem. In Bahrau hatten sieh zwei Frauen gezankt und jeder Ehemann hat für seine Frau Partei genommen. Daraufhin spaltet sich die Gemeinde in zwei feindliche Lager; die Synagoge ist seit sechs Monaten leer, der Gottesdienst kann nicht stattfinden, denn niemand will sich der Möglichkeit aussetzen, im Tempel mit einem Gegner zusammenzutreffen. Diesen Unglücklichen muss man zu Hilfe kommen, man muss ihnen etwas Erziehung und Anleitung geben, man muss sie lehren, wie sie ihr Leben einrichten sollen. Ihre Existenz in diesen Dörfern ist unhaltbar und könnte niemals erträglich gestaltet werden. Die Kinder wachsen wild auf, in sehr A'ielcn Gemeinden gibt es nicht einmal ein«; Tahnud-Thoraschule, und der Vater muss während seiner Arbeit die Kinder im Lesen unterrichten. Unsere Bemühungen müsston darauf gerichtet sein, die Juden vom Linde in einer bestimmten Zahl von Genieinden zu konzentrieren. Wir hatten gar nicht nötig, sie herbeizurufen, sie würden von selbst den Gemeinden zuströmen, in denen wir eine Talmud-Thora einrichten und das Lehrlingswerk der Kinder beaufsichtigen. Die ersten aus der Schule von Sanaa hervorgehenden Schüler könnten ein ausreichendes Lohrpersonal für die Schulen des Tnncnlandes bilden. Diese jungen Leute würden fortgesetzt Beziehungen zu dem Alliance- Vertrcter in Sanaa unterhalten und dieser müsste beim geringsten Zwischenfall die Lösung der Streitfragen anbahnen, sei es mit Hilfe der Behörden oder der arabischen Stammeshäupter oder der Autorität, die das Beth Diu von Sanaa gonicsst. Der Vertreter der Alliance in der Hauptstadt des Ycmeu würde das wirkliche Oberhaupt aller Juden des Lindes sein und es würde ihm sehr schnell gelingen, die materielle und moralische Lage seiner Brüder zu bessern und sie zu einem festen Bunde zu vereinen. Statistik. In den folgenden Blättern zeige ich das Ergebnis meiner Zählungen. Ich hätte die Arbeiter nach ihren einzelnen Gewerben einteilen können, das wäre aber eine sehr zeitraubende Arbeit von wenig praktischem Nutzen gewesen. Ich habe bereits auf das ausgezeichnete Gedächtnis der ycinenitisehen Juden hingewiesen, darum darf ich annehmen, dass die möglicherweise bei der Angabc von Ziffern vorgekommenen Irrtümer nur von untergeordneter Bedeutung sind. Wie man sieht, habe ich bei verschiedenen Gemeinden gar keine statistischen Angaben machen können, weil es mir in diesen Fällen nicht möglich war, genaue Erhebunsen anzustellen. Jedenfalls ist die Zahl der Juden in diesen Ortschaften minimal und kann das Gcsamtergeonis nicht wesentlich beeinflussen. (Siehe umstehende Tabeben). Die Rückkehr. Die Städte Menaha und Sanaa habe ich genau kennen gelernt. Sehr gern wäre ich auf die steilen Berge gestiegen, um die Juden zu besuchen, die ich in Sanaa kennen gelernt habe, ich hätte den verlassenen Gemeinden gern freundschaftlichen und tröstlichen Zuspruch gebracht und hätte vor allem gern an Ort und Stelle Pläne für das Schulwerk ausgearbeitet, das wir hier unternehmen wollen. Ich hatte bereits zwei grosso Reisen in das Innere des Landes geplant : die eine in nordwestlicher Richtung nach Amram, Schibam, Kokaban, Tauila und Mahuit und die andere nach dem Süden mitten durch die alte Heerstrasse des Yemen in die Orte Damar,. Jorim, lhb-Tais. Von da aus wäre ich d :rch die südliche Wüste nach Aden gelangt. Für diese Forschungsreisen bedurfte ich neben einer ausreichenden Wache auch der Erlaubnis von Seiten der Regierung. Diese Erlaubnis ist mir vorweigert worden. ..Das Land ist unruhig", Avurde mir gesagt, „die Wege sind nicht sicher, und der Imam lässt öfter Europäer umbringen, nur um uns Schwierigkeiten aufzuladen". Nach langen Diskussionen und endlosen Versuchen habe ich mich schliesslich von den vorsichtigen Beamten überzeugen lassen und treffe meine Vorbereitungen zur Abreise auf der Landstrasse nach Hode'idah. Montag, IG. Mai. Heute reise ich ab. Mit der Morgendämmerung bin ich aufgestanden. Das Haus und die Strasse sind voll von Juden, die mir Lebewohl sagen wollen. Sie scheinen traurig und auch, ich bin tief bewegt. Drei Monate lang habe ich bei ihnen gelebt, wir haben uns aneinander angeschlossen, und es schmerzt mich, von ihnen zu scheiden. Ich habe sie in allen Betätigungen ihres Lebens gesellen, habe über ihre Leiden und ihre Erniedrigung mit ihnen geweint, habe ihnen von einem ruhigeren und ehrenvolleren Leben erzählt und ihnen Hoffnung darauf gemacht, und heute, wo sie 7iiieh scheiden sehen, sind sie voller Betrübnis. Ihr Traum ist Arcrflogen, und die traurige Wirklichkeit drückt sie zu Boden. „Sie reisen ab", sagt man mir, „Sie sind glücklich, wieder zu Ihren Lieben zurückzukehren, und uns werden Sie A'ergessen und unserem Elend überlassen." So oft ich auch wiederhole, dass die Alliance sie nicht vergessen wird, dass sie ihre traurige Lage kennt, und dass der Weg zu ihnen uns jetzt bekannt ist — sie hören kopfschüttelnd zu und befürchten, dass man sie nur mit leeren Worten abspeisen will. Sic möchten mich gern hier behalten, weil sie sich gewöhnt hatten, mich in allen Dingen um Rat zu fragen; sie fürchten jetzt, allein nicht mehr das Rechte zu treffen und bitten mich, wenigstens bis zur Ankunft des Schuldirektors noch hier zu bleiben! Die Tiere sind beladen, alle Truppen der Garnison sind mobil gemacht und defilieren vor meiner Haustür. Seine Exzellenz der Gouverneur vcrLisst nämlich heute Sanaa, deshalb wird die Landstrasse avoIü bewacht sein und ick kann unbesorgt abreisen. Die ganze Gemeinde begleitet mich, wir gehen durch das Bab El Jeud und haben ciie schöne Landstrasse A'or uns. Nach einer Viertelstunde haben wir die grosse Zisterne erreicht, die das von den Bergen kommende Regenwasser sammelt, und halten an. More Aron Cohen, der schöne weissbärtige Greis stimmt mit seinem kräftigen melodischen Organ das Mischeberach an, und bei jedem Segenswunsch, den er für mich ausspricht, antworten alle Freunde im Chor: „Amen!" Das war ein herzbewegender Absehicd. Die Offiziere und Soldaten, die dort auf den Vali warteten, kamen näher und hörten erstaunt zu. Nach Beendigung der Segenssprüche überreicht More Aron mir eine Handvoll Rosinen — das ist. ein gutes „Siman" — dann drücken Notabein und Rabbinen mir die Hand und wir trennen uns. Noch lange laufen junge Leute und Kinder mit, am Fuss der ersten Ebene verabschiede ich mich A'on allen und steige zu Pferd. Inzwischen hat der Wachtposten uns erreicht, wir reiten in schnellem Tempo durch gelbe, der Sichel harrenden Felder bis Sinan Pascha und gelangen abends nach Hamis. Ich hatte mich eben hingesetzt, als ein Jude in grösster Hast in mein Zimmer stürzt. Bei meinem Anblick bleibt er verblüfft stehen und fragt, ob er sich nicht im Zimmer

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