Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Die zehnte ordentliche Tagung der deutschen Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 463 - 464 (sequence 6)
- Language
- German
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463 Mitteilungen der Allianee Israelite Universelle: Die zehnte orden'liehe Tagimg der D. C. G. etc. 464 Die deutschen Herren, die uns von Paris aus vorgeschlagen sind, sind mir persönlich zum grossen Teil bekannt, und nur das Rühmlichste kann ich von ihnen sagen. Aber Vorschläge kann und muss die Deutsche Conferenz- Gemeinschaft allein machen. Wenn unser Herr Vorsitzender, und nicht etwa eigenmächtig, sondern in Gemeinschaft mit dem Beiliner Lokal-Comite, "Wahlvorschläge uns unterbreitet und wir diese Vorschläge annehmen, so geht es nicht an, dass von Paris aus andere Vorschläge gemacht werden und uns hinter dem Rücken unseres Vorsitzenden zugemutet wird, ihn zu desavouieren. Also können wir in diesen Punkten den Standpunkt des Herrn Vorsitzenden nicht bloss billigen, sondern als allein richtig anerkennen. Sollten wir, die wir in unserem Lande eine Mitgliederzahl haben, die kein anderes Land aufweist — wie viel Mitglieder Frankreich besitzt haben Sie ja bereits gehört — wirklich nicht das Recht haben, für einige vakante Stellen Kandidaten zu nominieren, dann sind wir nicht einmal existenzbei echtigt, sondern lächerliche Figuren. Dann wollen wir uns lieber freiwillig auflösen, als dass wir, um mich eines Wortes des Kollegen Vogelstein- Königsberg zu bedienen, unser Recht als Central-Comite- Mitglied nur dadurch dokumentieren, dass wir uns diesen Titel auf unsere Visitenkarten drucken lassen. Ferner ist in Paris der von der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft und dem Lokal-Comite-Berlin gemeinsam angenommene Vorschlag, Herrn Rein ach bei den nächsten Wahlen zum Central-Comite nicht aufzustellen, abgelehnt worden. Wir können aber in unserer EigeDschait als Juden einen Mann nicht zur Wahl stellen, der, mag er noch so bedeutende Verdienste um die Wissenschaft sich erworben haben, dem Judentum gegenüber eine Stellung einnimmt, die es in seinen heiligsten Gefühlen verletzen muss. Es ist selbstverständlich, dass in unserer Allianee jeder Jude willkommen ist. Wenn aber einer erklärt, für mich ist das Judentum weder Religion, noch Volk, noch Rasse, so kann er sicher eine würdige und bedeutende Persönlichkeit sein, unserer Meinung nach aber niemals der spiritus rector einer jüdischen Vereinigung, die sich jüdisch nennt, jüdisch sein will und jüdisch sein soll. Wir würden es niemals verantworten können, wollten wir einen solchen Mann vielen Tausenden von -luden zur Wahl empfehlen. Ein Mann, der in der Heilighaltung des Sabbats und der Speisegesetze eine Minderwertigkeit erblickt, ein Mann, der in dem Ihnen bekannten Brief im Frankfurter Familienblatt in kränkender Weise über -Judentum und Juden sich äussert, gehört nicht an die Spitze unserer Allianee. Ihm darf nicht ein solcher Einliuss eingeräumt werden, wie ihn Herr Reinach auszuüben hat. Wir fragen nicht nach der religiösen Richtung eines ieden Central-Comite-Mitgliedes. Alle Richtungen können und sollen im Central-Comite vertreten sein, von der äussersten Orthodoxie bis zum äussersten linken Flüjel. Aber die Vertreter der Juden an der Spitze der Allianee müssen vor allem das Judentum auch respektieren, und von seinen Geboten und Einrichtungen nicht in so gehässiger, verunglimpfender Weise sprechen. Aber, meine Herren, hier handelt es sich nicht darum, ob wir vom theoretischen Standpunkt die Wahl dieses Mannes ablehnen müssen. Es können und müssen praktische Konsequenzen hieraus folgen. Bedenken Sie, meine Herren, die Allianee hat 160 Schulen im Orient. Mehr denn 40 000 Kinder sollen in diesen Schulen im jüdischen Geist erzogen werden. Ihnen soll die Liebe zur jüdischen Religion, zur jüdischen Geschichte, zu den jüdischen Traditionen beigebracht werden. Und nun soll an der Spitze dieser Institution ein Mann stehen, der es offen und klar ausspricht, für mich ist der grösste Teil der elf Millionen Juden rückständig, weil sie mit unglaublicher Strenge den Sabbat halten und die absurden Speisegesetze. Welches Vorbild soll es für die Lehrer und Leiter der Schulen sein? Aber noch mehr! Denken Sie, es würde einmal unseren Gegnern einfallen, in irgendeinem Lande das Schächten zu verbieten und dadurch Tausende von Juden der Möglichkeit berauben, sich wie andere Menschen zu ernähren, oder den Juden gar den Sabbat zu verbieten. In diesem Fall würde es doch gerade Pflicht unserer Allianee sein, nach unseren Statuten, in denen es heisst, denen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, wirksame Hilfe angedeihen zu lassen, energisch einzugreifen. In diesem Fall müsste doch ein Mann wie Herr Reinach trotz seiner Stellung als stellvertretender Vorsitzender der Allianee, konsequenter Weise sich auf die Seite unserer Feinde stellen, da ihm die Sabbathaltung und die Speisegesetze absurde Archaismen sind, die ausgerottet zu, werden verdienen. Da muss ich sagen, dass wir d$n Berliner Herren dankbar sein müssen, dass sie die Anregung zur Ablehnung des Herrn Reinach gegeben haben, und Herr Geheimrat Landau hätte geradezu seine Pflicht verletzt, wenn er uns diese Anregung nicht übermittelt hätte. Aber diese Amegung ist auch von anderer Seite gekommen. Unser Freund Dr. Brann-Breslau war vor einiger Zeit in München, und wir haben darüber ganz f-pontan gesprochen, ohne vom Beschluss des Berliner Lokal-Comites eine Ahnung zu haben. Wir hoffen im Uebrigen, dass Herr Reinach selbst einsehen wird, dass unsere Stellung zu ihm von unserem Standpunkt aus berechtigt ist und selbst die Konsequenzen hierau für sich ziehen. Die Hen en in Paris schreiben : wir richten uns nur nach den Verdiensten der Persönlichkeiten im C.C. um das Judentum, nicht aber nach ihrer religiösen Richtung. Sie haben aber gesehen, meine Herren, dasses sich hier nicht bloss um die private religiöse Richtung des Herrn Reinach handelt. Wir müssen seine Wahl ablehnen und müssen Herrn Geheimrat Landau unser Vertrauen auch in diesem Punkt aussprechen.