Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Die zehnte ordentliche Tagung der deutschen Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 459 - 460 (sequence 4)
- Language
- German
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459 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die zehnte ordentliche Tagung der D.C.Cr, etc. hundert zu verdanken haben. Versessen aber haben diejenigen unserer französischen Kollegen im C. C, die der jetzigen Leituüg ihren Stempel aufdrücken, die Tendenz ihrer eigenen internationalen jüdischen Gründung, und allmählich sind sie im Begriff, den Prinzipien und den Statuten der Alliance Israelite Universelle entgegen, unter dem Vorwand, als ob sie sich gegen das Hineintragen deutscher Aspirationen zu wehren hätten, aus der internationalen jüdischen Vereinigung eine fast lein französische Institution zu machen. So sehr französische Juden veipflichtet sind, gute französische Patrioten zu sein, so wenig darf es von der Judenheit anderer Länder zugelassen werden, dass in der Alliance, die lediglich jüdischen, ausserhalb Frankreich liegenden Interessen zu dienen hat, ein rein französischer Geist vorherrsche, und dass alles vom rein französischen Standpunkt aus beurteilt und ausgeführt werde. Wir wollen — und hier komme ich auf den Schwerpunkt der ganzen Frage — in unserem grossen Erziehungs- und auch humanitäten Werk unter Ausschluss jeglicher partikularistischer Aspirationen gemäss den Statuten Artikel 1 überall für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Juden wirken, und Artikel 2 denen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, wirksame Hilfe angedeihen lassen. Wir wehren uns daher gegen jegliche separatistischnationale Bestrebungen in unserer Vereinigung. Unsere Vereinigung darf weder ausschliesslich französisch noch ausschliesslich deutsch oder englisch, und ich möchte auch sagen noch ausschliesslich zionistisch sein. Die Grösse und die ganze Bedeutung unserer Organisation besteht darin, dass alle Juden, ganz gleich welchen nationalen Standpunkt sie einnehmen, in ihr Platz linden können, in ihr Platz gefunden haben! Wer würde es nun zu behaupten wagen, dass unseren Wahlforderungen etwa separatistische Motive zugrunde lägen? Wir sind nach unseren Statuten eine auf allgemeinem direktem Stimmrecht beruhende demokratische Vereinigung. Und es kann nicht scharf genug getadelt werden, dass die Wahlen seit 1905 trotz wiederholter Aufforderung .seitens der D. C. G. unterlassen worden sind, und dass jetzt, da es zu den Wahlen kommen soll, in einer so rücksichtslosen Weise vorgegangen wird, dass es fast unmöglich sein wird, sich mit den Wählern auseinanderzusetzen. Dieses Vorgehen kann s^ine Erklärung nur darin finden, dass eine solche Auseinandersetzung mit den Wählern den Pariser Herren rieht erforderlich, jedenfalls nicht wünschen: wert scheint. In autokratischer Weise wird gerade wie uuter dem Regime absoluter Herrscher, gegen den Wunsch einer grossen Anzahl von Mitgliedern, einfach eine Kandidatenliste aufgestellt und bloss um der Form zu genügen, den Wählern zugestellt. Paris darf diktieren, die anderen sollen gehorchen! G e wiss ist es richtig, dass es noch immer allen Wählern freisteht zu wählen, wen sie wollen. Aber man lasse die tatsächlichen Verhältnisse, wie sie nun einmal liegen, nicht ausser Acht. Die Mitglieder der verschiedenen Länder können sich in der Tat nicht miteinander direkt verständigen, und darum ist eine Verständigung der Centraileitung mit den verschiedenen Lokal- Co mit es und auch der D. C. G. notwendig. Nun hat man es aber in Paris für billig erachtet, gerade die Wünsche der D. C. G. abzulehnen, ungeachtet des Umstandes, dass Deutschland mit seinen 13 000 Mitgliedern jedem anderen Lande, selbst Frankreich mit seinen 2000 zählenden Mitgliedern gegenüber, bei weitem die grösste Zahl der Mitgliedschaft der Alliance aufweist. Und wir sind so wenig unterrichtet über alles das, was in Paris beschlossan und abgelehnt wird! Wer weiss überhaupt, wie viele Mitglieder des C. C. in allen den letzten wichtigen Sitzungen teilgenommen haben, ob alle unsere französischen Kollegen über die wirklichen Vorgänge richtig aufgeklärt sind? Denn die Art und Weise, wie die Zentralleitung die C. C.-Mitglieder in Deutschland behandelt, die Art und Weise, wie die französischen Kollegen über die wirklichen Forderungen der D. C. G. im Herbst irregeführt worden sind, lässt nicht gerade darauf schliessen, dass die Zentralleitung in Paris bestrebt ist, unsere französischen Kollegen über die wirklichen Motive unserer Forderungen aufzuklären. Was ist nun bei dieser Sachlage zu tun? Sollen wir tateulos zusehen, wie die jetzige Leitung sich auf die Dauer und durch die von ihr diktierten Wahlen nunmehr wenigstens der Form nach legaler Weise weiter befestigt? Sollen wir uns auch das Hecht, unsere Kandidaten für Deutschland vorzuschlagen, nehmen lassen? Nein! Wir müssen unsere eigene Kandidatenliste durchzusetzen suchen, auch gegen den Wunsch der Pariser Leitung, weil wir auf die Mitwirkung von Männern unter keinen Umständen verzichten dürfen, von denen wir die üeberzeugung haben, dass sie getreu unseren Statuten die Ziele und Bestrebungen der Alliance im Auge haben, und auch in Paris durch ihre persönliche Anwesenheit vertreten werden. Die von uns aufgestellten Kandidaten haben sich bereit erklärt zu den wichtigen Sitzungen der C. C. nach Paris zu fahren und das ist von der grössten Bedeutung für uns und die ganze Alliance, und es ist zu hoffen und zu erwarten, dass die Opferwilligkeit der deutschen Kandidaten auch in andern Ländern Nachahmung finden wird.