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Ost und West · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 457 - 458

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Die zehnte ordentliche Tagung der deutschen Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Israélite Universelle
Date
1911-05-01
Page
Seite 457 - 458 (sequence 3)
Language
German
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457 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die zehnte ordentliche Tagung der D. C. G. etc. 458 Somit blieb uns nichts anderes übrig-, als unsere Kandidaten, die die Zustimmung der D. C. G. erhalten hatten, dem C. C. in Paris zu benennen und ihm unsere Liste zu übermitteln, was auch am 12. April geschah. Auf dieses Schreiben ist bis heute eine Antwort nicht eingelaufen. Dagegen wurde in Paris schleunigst eine ausserordentliche Sitzung des C. C. zum 15. April einberufen, ohne dass wir Mitglieder der D. C. G. hiervon in Kennlnis gesetzt wurden, geschweige denn dass wir etwa zu dieser Sitzung eine Einladung erhalten hätten. In dieser Sitzung wurde nicht etwa über das dem Central-Comite von uns auf offiziellem Wege zugestellte erwähnte Schreiben vom 12. April nebst Kandidatenliste verhandelt, sondern über unser Schreiben vom 9. April, das zunächst nur für die Mitglieder der D. C. G. und des Berti ner Lokal - Comites bestimmt und an diese gerichtet war, und das zu den Herren in Paris auf einem uns unbekannten Wege gelangt sein musste. Das Resultat jener Sitzung wurde am darauf folgenden Tage in einem vom Herrn Präsidenten und Herrn Sekretär unterschriebenen Brief niedergelegt. Dieser Brief wurde wiederum mit Umgehung unseres Präsidiums an Mitglieder der D. C. G. gerichtet, mit der Aufforderung, nach Paris zu berichten, ob sie sich den Anschauungen der Pariser anschliessen. In diesem Fall sollten sie dem Präsidiumjder D. C. G. in unzweideutiger Weise zur Kenntnis bringen, dass sie nicht mit ihm einverstanden seien! Ich bin überzeugt, dass Sie alle mit mir darin übereinstimmen Averden, da;s diese von Paris gewählte Taktik nicht sehr viel zur Hebung des Ansehens der Deutschen Conferenz - Gemeinschaft beitragen kann. Ausserdem liegt in dem von den Parisern für gut gehaltenen Verkehrsmodus mit den Mitgliedern der D. C. G. eine offen wiederholt geübte "Verletzung der D. C. G. selbst, was schon von meinen Vorgängern hervorgehoben worden ist. Sie werden gewiss ferner zugeben, dass Unstimmigkeiten und Missverständnisse kaum zu vermeiden sind, wenn sich die Centralleitung in Paris mit Umgehung unseres Präsidiums in Fragen von so eminenter Wichtigkeit mit Mitgliedern der D. C. G. einzeln in Verbindung setzt, und dazu noch in der Absicht, die vom Präsidium unternommenen Schritte zu kontrekarrieren. Auch werden Sie zugeben, dass es andererseits für die Leitung der D. C. G. nur nachteilig sein kann, wenn einzelne Mitglieder unserer Organisation sich ihrerseits in solchen Fragen unter Umgehung unseres Präsidiums mit der Leitung in Paris zu verständigen suchen. Das Präsidium der D. C. G. hat unbedingten Anspruch darauf, dass ihm sowohl von seiten des C. C. in Paris als auch von den Mitgliedern der D. C. G. die Loyalität und das Vertrauen entgegengebracht werden, auf das jedes zu Recht bestehende Präsidium Anspruch erheben muss. Gewiss sind die I). C. G.-Mitglieder zugleich Mitglieder des C. C. und die Pariser könnten den Standpunkt einnehmen, dass sie sich wohl mit den einzelnen Mitgliedern der D. C. G. direkt in Verbindung setzen können, in gleicher Weise wie mit den C. C.-Mitgliedern in anderen Ländern. Allein dieser Standpunkt ist nicht mehr haltbar, nachdem das Central-Comite die D. C. G. von neuem anerkannt und die Mitglieder der I). C. G. in dem von ihnen gewählten Präsidium ihre allein berufene Vertretung sehen müssen. Unter keinen Umständen aber durfte die Centralleitung das Präsidium umgehen, selbst wenn es sich auch an die einzelnen deutschen 0. C.-Mitglieder gewandt hat. Und in unserem Fall hat die Centralleitung die Pflicht gegen mich nicht bloss in meiner Eigenschaft als jetziger Präsident der D. C. G. verletzt, sondern auch in meiner Eigenschaft als Mitglied des C.C. Denn jenes Schreiben über die Sitzung vom 15. April hätte auch mir ex officio ohne weiteres gleich allen übrigen Mitgliedern der D. C. G. zugeschickt werden müssen! Die Angelegenheit wegen der Demission der drei Frankfurter Herren muss ich hier übergehen, weil die Details uns zu weit führen würden. Mit allem Nachdruck heben wir aber hervor, dass gerade wir das Verbleiben dieser Herren in unserer Organisation gewünscht und von ihnen erbeten haben, und dass wir ihr Verbleiben im C. C. noch jetzt mit Freuden begriissen würden. Aus dem Vorhergehenden ersehen Sie, dass das Central-Comite in Paris trotz des Friedensschlusses und trotz des grössten Entgegenkommens unsererseits fortgesetzt mit allen Mitteln bemüht ist, die D. C. G., und damit die von ihr vertretene gesamte deutsche Mitgliedschaft der Alliance, aus der ordentlichen Leitung unserer grosszügig gedachten intei nationalen jüdischen Vereinigung auszuschalten. Dieser Standpunkt aber ist ein Anachronismus und ist weder mit den demokratischen Grundsätzen der Verfassung der A. I. U. noch mit den fortgeschrittenen Verhältnissen der Juden in Deutschland vereinbar. Freilich war es eine grosse Tat — für uns Juden die grösste Tat des 19. Jahrhunderts — als vor fünfzig Jahren unse] e internationale jüdische Vereinigung gerade in Paris gegründet wurde. Wenn man die damaligen politischen und bürgerlichen Verhältnisse bedenkt, so war die Gründung einer solchen Institution auch nur in Frankreich möglich. Bei der Zerrissenheit in Deutschland und dem zaghaften Wesen der deutschen Juden wäre sie bei uns in Deutschland nicht möglich gewesen. Und die gesamte zivilisierte Welt und erst recht wir Juden dürfen nicht vergessen, wieviel wir Frankreich, seinen freiheitlichen Bewegungen im 18. und 19. Jahr-

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