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Ost und West · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 441 - 442

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Kann ich Helene heiraten?
Date
1911-05-01
Page
Seite 441 - 442 (sequence 4)
Language
German
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441 Bruno Lessing: Kann ich Lea heiraten? 442 von unseren Leuten worden zu Schulemann gehen, um ihn zu hören. Und ausserdem, Abraham ist kein übelaussehender junger Mensch." Aller Augen wandten sich auf Abraham, und er errötete. „Und er ist auch gescheit. Er würde einen ganz tüchtigen Geschäftsteilhaber abgeben, denke ich. Mein teurer Linkovitz, warum hartnäckig sein? Denken Sie an all das, was Sie für die Synagoge getan haben. Möchten Sie, dass das ganze Ghetto jetzt über Sie lache?" Linkovitz, der sich während dieser ganzen Rede wie ein Wurm gedreht und gewunden hatte, erhob jetzt sein hageres bleiches Gesicht. „Ich bin geschlagen," sagte er. „Er kann sie haben. Sagen Sie ihm, dass ich gezwungen bin, sie ihm zu geben. Ich will nie wieder zu ihm sprechen. Lassen Sie ihn den Chazan bringen." Abraham stiess einen lauten Freudenschrei aus und stürmte zur Tür. „He, wohin gehst du?" rief Rosenstein. „Ich will's Loa sagen! 0, ja, aber sie brauchen den Chazan?" Er schaute kühn auf Linkovitz. Sie schwören, dass ich Lea haben kann, Herr Linkovitz?" fragte er. Linkovitz nickte. „Dann sagen Sic es, Herr Linkovitz. Sagen Sie, Sie schwören, dass ich Lea haben kann, wenn ich den Chazan bringe." Rosenstein runzelte die Stirn. „Junger Mann,"' begann er, aber Abraham schüttelte hartnäckig den Kopf. „Kein Schmie — keinen Chazan," sagte er. „Ich schwöre, ich schwöre!" schrie Linkovitz ungeduldig. „Holen Sie den Chazan." „Hurra!" schrie Abraham. „Der Chazan wird in einer Stunde hier sein." Abraham kam atemlos im Hotel an. Ohne an die Tür zu klopfen, kam er hurtig ins Zimmer hinein. „Kommen Sie!" schrie er. „Ich habe----" und dann hielt er innc und blickte entsetzt um sich herum.. Da war die Schachtel, und da lagen die Zeitschriften, die er hergesandt hatte, aber der Chazan war verschwunden. III. Salomcm Wolkenschioher war durstig geworden. Es war ein elektrischer Druekknopf im Zimmer, vermittels dessen er bequem jene grosse amerikanische Einrichtung, Eiswasser, erhalten hätte. Aber elektrische Druckknöpfe und Salomon Wolkenschioher waren einander fremd. Mit grosser Furcht und Zögern stahl er sich daher heimlich aus seinem Zimmer und ging viele Treppen herunter in.der Suche nach einem Trunk. Auf dem Hausflur angekommen, wurde ihm die ganze Hoffnungslosigkeit seines Wunsches klar. Ei' konnte ja nicht ein Wort englisch sprechen. Und wenn, durch Zufall, er jemanden treffe, der russisch oder jüdisch sprechen konnte, würde er ihn nicht zu allererst nach dem Erlaubnisschein fragen. Er war schon im Begriff, wieder hinaufzusteigen — der uniformierte Fahrstuhlführer, das fühlte er, würde ihn sicher nach dem Erlaubnisschein fragen — als ihm plötzlich ein glänzender Gedanke blitzte. Die Synagoge! Sie war nur einige Schritte von hier entfernt, er konnte sie mit Leichtigkeit linden, und sicher würde der Rabbi oder der Schamcss oder irgend jemand sonst dort sein, der ihn verstehen und ihm sagen würde, wie er einen Trunk Wasser bekommen könnte. Indem er scheu nach rechts und nach links blickte, stahl er sich heimlich vom Hotel weg und ging in der Richtung nach dem Grossen Hauptbahnhof. Da die vorübergehende Menge keine Notiz von ihm nahm, so wurde er nach und nach mutiger und ging schneller und mehr aufrecht; doch fühlte er sich ordentlich erleichtert, als er den Balmhof erblickte. Mit schnelleren Schritten vorwärtsgehend, stürzte er durch den Torweg und hielt atemlos, verwirrt. Wenn du nie eine Synagoge gesehen hast, so gibt es keine bessere Art sie zu beschreiben als so: Sie ist einem Bahnhof weniger ähnlich, als irgend etwas sonst in der Welt. Jedoch, dachte der Chazan, die Amerikaner sind ein exzentrisches Volk; wer kann da wissen — 1---Und gerade jetzt erschien ein uniformierter Beamter und rief mit feierlichem Gesänge aus: „Southwestern Limited auf Bahn No. 3. Albany die erste Station!" „Der Chazan!" murmelte Salomon mit einem Seufzer der Erleichterung, und mit freudigen Schritten näherte er sich dem Beamten. „Bester Herr," sagte er jüdisch, „wo kann ich einen Trunk Wasser bekommen?" „Wie?" fragte der Stationsvorsteher. Die Knie des Chazan begannen zu schlottern. „Ich habe noch keine Erlaubnis," stammelte er, „aber ein Freund ist gegangen, mir eine zu verschaffen. Ich will gleich in mein Zimmer zurückgehen, wenn Sie mir nur sagen wollen, wo ich etwas zu trinken bekommen kann, ich bin schrecklich durstig." Der Beamte legte ihm die Hand auf die Schulter und wies auf das Informationsbureau. „Geh dort hinüber, mein Sohn!" sagte er, ,,die Leute dort werden dich verstehen."' Mit tiefer Verbeugung eilte der Chazan nach dem Informationsbureau. Und dort fand er zu seinem Entzücken eine Person, die Deutsch sprach und auch genügend jüdische Ausdrücke kannte, um ihn zu verstehen. Die Frage des Chazan beantwortete er, indem er auf einen Trinkbrunnen zeigte. Der Chazan hätte ihn umarmen mögen. .Vis er seinen Durst gelöscht hatte, kehrte er zum Informationsbureau zurück und fragte: „Ist der Rabbi heute liier?" „Welcher Rabbi?" fragte der Beamte. „Der Rabbi von dieser Synagoge. Sicher haben Sie doch einen Rabbi, nicht wahr?" Der Mann sah ihn ärgerlich an. „Was ist denn das alles?" fragte er. „Sehen Sie das für eine Synagoge an?" „Ist das keine Synagoge?" fragte der Chazan erstaunt. „Der Herr, der mir (inen Erlaubnisschein holen wollte, sagte, es ist eine. Aber es kann sein, er hat sich geirrt." „Was für einen Erlaubnisschein?" Der Chazan blickte sich vorsichtig um, und dann flüsterte er, indem, er sich vertraulich vorwärtsbeugte, „Ich habe noch keine Erlaubnis, auf den Strassen spazieren zu gehen, aber er wird sie gleich bringen. Ich denke, ich werde zurück auf mein Zimmer gehen." „Warten Sic eine Minute," sagte der Beamte. Und allmählich zog er die ganze Geschichte aus dem unschuldigen Chazan heraus. Dann grinste er. „Mein Freund," sagte er, „ich fürchte, Sie sind beschwindelt worden."' „Was ist das, Schwindel?" fragte der Chazan. Der Dolmetscher erklärte es ihm, und dann stieg ihm endlich langsam der ganze schreckliche Verdacht auf. Der junge Mann, clor ihm bei dem Dampfer begegnete, hatte nicht einmal seinen Namen genannt. Warum hatte er ihn in jenes Hotel gebracht? Wo war Herr Linkovitz, mit dem er korrespondiert hatte? Der Schweiss stieg ihm auf die Stirn. „Sagen Sie mir," flehte er den Dolmetscher an, „was soll ich tun?" Der Dolmetscher rief einen Polizeibeamton. „Hier, Bill, ist ein Bursche, dem sein Gepäck abgeschwindelt worden ist. Eine neue Art Spiel. Es ist besser, du nimmst ihn zum. Bahnhof und suchst

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