Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Kann ich Helene heiraten?
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 443 - 444 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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4i3 Bruno Lessing: Kann ich Lea heiraten? 444 einen der russischen Juden, der mit ihm sprechen kann. Ich verstehe nicht alles, was er sagt."' Der Polizeibeamte winkte dem Ghazan, ihm zu folgen und führte ihn schweigend zum Bahnhofsgebäude, wo, nachdem ein Dolmetscher gefunden war, der Ghazan die ganze Geschichte erzählte. ,,Das ist ein mir ganz neues Spiel,"' sagte der Hauptmann. „Hier, Bill, führe ihn herunter und sieh zu, ob du nicht jenen Burschen finden kannst, der ihn ins Hotel nahm. Inzwischen hatte Abraham, nachdem der erste Schrecken vorüber war, im Kabinett herumgespäht, war auf Händen und Füssen herumgekrochen, blickte unters Bett und hatte die ganze Zeit über sanft gerufen: „Ghazan, Ghazan!" wie wenn jemand eine Katze ruft. Aber es war kein Cliazan da. „Hm!"' dachte Abraham. ,,Das ist eine feine Geschichte!" Er ging in den Korridor hinaus und suchte ihn der ganzen Länge nach ab, aber es war keine Spur von dorn Ghazan zu entdecken. Er fragte im Bureau nach und erkundigte sich bei den Dienern, aber sie hatten ihn nicht gesellen. „Der Narr!" brummte er. „Ich glaube, er hat einen Spaziergang gemacht und er wird sich sicher verirren." Er ging ungeduldig den Korridor auf und ab, bis ein plötzlicher Gedanke ihm den Schweiss auf die Stirn trieb. „Schulcmann! Es mag sein, dass der uns gefolgt ist! Der kann hierher gekommen sein und ihn gestohlen haben!"' Bei diesem Verdacht von Schrecken überwältigt, sank Abraham erschöpft auf ein Sofa, um aber im nächsten Augenblick wieder auf die Füsse zu springen. „Ich darf keinen Augenblick verlieren. Ich muss Herrn Linkovitz benachrichtigen." Er eilte durch die Stadt, ein traurig gequälter und verzweifelnder junger Mann. Es überlief ihn kalt bei der Vorstellung, in welche Wut Herr Linkovitz geraten würde, wenn er erführe, dass der Chazan verschwunden sei. Und Lea — — — Die anderen Vorübergehenden glaubten, der junge Mensch hätte plötzlich seine Sinne verloren. Als er vom Wagen abstieg, eilte er in fürchterlicher Hast durch das Ghetto, und hielt nicht eher, bis er das Haus, in dem linkovitz wohnte, erreicht hatte. Die Stufen herauf, drei mit einmal, krach, bums! und-- „Lea! Schnell!" schrie er atemlos. „Dein Papa sagt, wir können uns heiraten. Setze deinen Hut auf. Eile doch! Es kann sein, dass er seinen Sinn ändert. Wir lassen uns sofort trauen. Komm, Liebste!" Leas Gesieht wurde rosenrot und ihre Augen glänzten. „Ist es wahr, Abbey? Du bist so aufgeregt! Was ist geschehen? Wie hast du seine Einwilligung bekommen? Können wir nicht warten? Ich habe kein Hochzeitskleid.---"' „0 Lea!"' rief Abraham ausser Atem, „es kann sein, dass wir nie wieder die Möglichkeit haben. Wenn wir warten, wird er gewiss anderer Gesinnung werden. Aber heute ist er gut gestimmt, und er sagt, er willigt ein. Grlaube mir, Lea, beim Sefer Thora schwöre ich, dass er's gesagt hat." Lea warf einen langen und ernsten Blick in Abrahams Augen. „Natürlich glaube ich dir, Abbey. Warte, bis ich meinen Hut aufsetze," sagte sie. IV. „Jetzt," sagte Abraham Nassauer zu Frau Abraham Nassauer, „lass uns zum teuren Vater gehen und ihn um 150 Dollars bitten, um nach den Niagara- Fällen eine Hochzeitsreise machen zu können." Auf ihrem Weg nach der Linkovitz'schen Geflügelhandlung erzählte Abraham seiner rosigen Frau, was heute geschehen war. Lea erbleichte. „Falls ihn Papa nun nicht finden kann, Abbey. AVas wirst du tun?" Abraham machte ein saures Gesicht. „Dann glaube ich, werden wir keine Hochzeitsreise machen können." Aber im nächsten Augenblick erstrahlte sein Giesicht. „Es ist alles in Ordnung, Lea. Da kommen sie---Papa, der Ghazan, und das ganze Komitee. Ich staune, wo sie ihn gefunden haben!" In diesem Augenblick hatte der Ghazan Abraham erblickt. „Da ist er!" schrie er. „Da ist der Schwindler! Ich will ihn erwürgen!" Und er würde sich sicherlich auf den Bräutigam geworfen haben, hätte nicht Rosenstein ihn zurückgehalten. „Sage, du junger Strolch!"' begann Rosenstein. „Du Frechling, du---" Aber Abraham erhob seine Hand. „Seht!" machte er. „Das ist nicht die Art, wie man vor einer Dame spricht. Wenn Sie mir etwas in solcher Sprache zu sagen haben, warten Sie. bis ineine Frau fort ist. Dann werde ich Ihnen zuhören." Linkovitz wurde bleich. „Seine Frau?"' zischelte er heiser. „Sie hat die Ehre," .sagte Abraham, mit der einen Hand Lea an sich ziehend, in der anderen den Trauschein schwingend. Und dann dämmerte es langsam bei Herrn Salomon Wolkenschiober, dass es noch andere Dinge im Himmel und auf Erden gäbe, als die. von denen er in seiner Philosophie geträumt. (I'ebersetzt von Helene Harnerling.)