Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 439 - 440

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Kann ich Helene heiraten?
Date
1911-05-01
Page
Seite 439 - 440 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584012-2602928--11753-2602990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

439 Bruno Lessing: Kann ich Lea heiraten? 440 um ein billiges Zimmer. Als sie allein im Zimmer waren, drückte Abraham den anderen sanft in einen Sessel und sagte mit ausdrucksvoller Miene: „Was immer geschieht, verlassen Sie diesen Stuhl nicht, bis ich zurückkomme. Icli muss Ihnen jetzt einen Erlaubnisschein verschaffen, damit Sie allein auf die Strasse gehen dürfen. Sonst werden Sie Unannehmlichkeit über Unannehmlichkeit haben. Es kann sein, dass ich in einigen Stunden zurück bin; es mag aber auch sein, dass es sehr spät wird. Aber Sie dürfen nicht fortgehen. Ich werde Ihnen einige Bücher mit Bildern senden, die Sie sich ansehen können." Der Chazan nickte. „Ich verstehe," sagte er. Sein ganzes Leben war er an diese grässliche bureaukratische Herrschaft, an die despotische Ucbcrwachung jeder seiner Handlungen und an offizielle Erlaubniseinholung für jeden Schritt, den er tat, gewöhnt. Es schien ihm die natürlichste Sache von der Welt; er fühlte sich jetzt ganz wie daheim. Abraham eilte indessen, nachdem er einige lustige illustrierte Zeitschriften bestellt hatte, die in das Zimmer des Chazan geschickt und ihm auf Rechnung gestellt werden soliten, nach dem Hauptquartier zurück, wo die Linkovitzsche Geflügel-Company ihren Sitz hatte. Die Aeltesten der Synagoge Bcth El-Kohel, mit Zylinderhüten und Gebrochen bekleidet, waren im Laden versammelt, als die Tür sich öffnete und Abraham seinen Kopf hineinsteckte. „Herr Linkovitz, ich möchte Sie gern einen Augenblick allein sprechen." Linkovitz ging zur Tür und blieb dann plötzlich mit der einen Hand auf dem Ladentisch, mit der anderen aufs Herz gepresst, stehen. Ein Gefühl bevorstehenden Unglücks hatte ihn plötzlich überkommen. Mit mächtiger Anstrengung lasstc er sich und stürzte durch den Torweg. „Wo ist der Chazan?" rief er aus. „Ist er gekommen? Hast du ihn nach Hause geführt? Ist alles in Ordnung? Was gibt's denn?" Abraham trat einige Schritte zurück. ,,Hören Sie, Herr Linkovitz," sagte er. „Werden Sie nicht aufgeregt. Kann ich Lea bekommen?" Linkovitz erhob gereizt den Arm, aber Abraham ging hurtig einige Schritte zurück. „Es ist nicht nötig, Herr Linkovitz,"' sagte er. Ich kann schneller laufen als Sie. Kann ich Lea haben. Sic wissen ja, sie will, aber wir beide lieben Sie und würden nicht heiraten ,wennSie nicht einverstanden sind." „Nein," lärmte Linkovitz, „zum tausendsten Male nein. Wo ist der Chazan?" Abraham war etwas blass geworden, aber er blieb vollkommen gelassen. „Ganz recht, Herr Linkovitz " sagte er ruhig. „Keine Lea — kein Chazan." „Wo ist er," fragte Linkovitz fast ausser sich vor Wut und Furcht. Abraham schüttelte den Kopf. „Niemand weiss es ausser nur. Er weiss es sogar selbst nicht, wo er ist, und er wird nicht fortgehen, bis ich zurück bin." Linkovitz starrte ihn einen Augenblick sprachlos an und dann klärten sich seine Züge auf. „Ha, du denkst, du Inst schlau! Ja? Aber warte! In 5 Alinuten wird ihn die Polizei suchen, und dann wirst du schon sehen, wie klug du bist. Ha! Ein Menschenräuber! Den Chazan willst du stehlen? In zwei Stunden wirst du als Menschenräuber im Gefängnis liegen." Linkovitz war zur Tür seines Ladens geschritten, als er sehr leise seinen Namen rufen hörte. Er wandte sich um. .Abraham grinste. „Lach nur; du Strolch," schrie er bitter. „Wenn du im Gefängnis ' sein wirst, wird dir das Lachen) vergehen!" „Es kann sein, dass Herr Schulemann mich, ausdem Gefängnis herausnehmen wird," sagte Abraham leise. „Er ist doch auch reich. Und wenn er den Chazan bekommt —" Der Schrei, der von den Lippen des Linkovitz kam, brachte das ganze Komitee auf den Bürgersteig. „Was ist?" schrieen sie. „Was ist geschehen,' Herr Linkovitz? Setzen Sie sich, hier ist ein Stuhl. Weh!r wie schlecht Sie aussehen. Was ist geschehen?" Linkovitz war zu aufgeregt, um mit Zusammenhang zu sprechen. Er konnte nur auf Abraham blicken und zeigen: „Der Verräter! Der Strolch!"' Hat den Chazan gestohlen! Ihn zu Schulemann zu bringen! Unseren Chazan! Meinen Chazan! Dieb! Menschenräuber!" Sie wandten sich zu Abraham. „Was ist denn dies alles? Was hast du getan?" fragten sie ihn. ..Nichts," erklärte er ruhig. „Ich habe ihm nur gesagt, dass ich seine Tochter heiraten möchte. Wir lieben uns beide. Er sagte nein, darum habe ich gesagt, er kann den Chazan nicht haben. Ich habe ihn einschiiessen lassen. Er will mich einsperren lassen, nun, so werde ich Herrn Schulemann sagen, wo der Chazan ist, und dann wird er so froh sein, dass er mich aus dem Gefängnis herausnehmen wird." Und jetzt brach ein solches Jammern und Wehklagen aus, man schwang aufgeregt die Arme und risssieh die Barte, dass ein Schutzmann auf den Tumult aufmerksam wurde und sich der Szene näherte, worauf die Verwirrung sich noch steigerte. „Sagen Sie nichts der Polizei!"' schrieen sie, Linkovitz bei den Schultern packend. „Sagen Sie nichts! Er wird zu Schulemann gehen. Kommen Sie herein, aber schnell!" Und ohne noch etwas hinzuzufügen, schleppten sie Linkovitz in den Laden hinein, wohin Abraham, nach einiger Zögerung und einem langen Blick auf den Polizeimann, ihnen folgte. Einmal drinnen, glitt er hinter den Ladentisch und spielte sorglos mit dem Griff eines Hackmessers. „Kommen Sie," sagte Rosenstein, der am wenigsten Aufgeregte von der Gruppe. „Wir wollen ruhig darüber sprechen. Was ist denn das alles, Herr Linkovitz?" Eine geraume Zeit konnte Linkovitz nur unzusammenhängende Worte hervorstossen, aber endlich offenbarte er den ganzen Umfang der Abrahamschen Untreue. Es gab viele Blicke des Schreckens über die Verderbtheit des Abrahamsehen Betragens, aber Abraham bemerkte mit der Schnelligkeit der- Jugend ein Zwinkern in den Augen Rosensteins, und, in der Hoffnung, in ihm einen Verbündeten gefunden zu haben, wandte er sich an ihn. „Sie sind ein kluger Mensch, Herr Rosenstein," sagte er. „Urteilen Sie! Konnte ich anders handeln? Hundert Mal schon habe ich ihn um Leas Hand gebeten. 0, wenn Sie wüssten, wie sehr wir uns lieben! Und immer sagt er nein." „Rosenstein strich seinen Bart und blickte lange und gedankenvoll auf Abraham. Dann, sich an Linkovitz wendend, sagte er: „Komm, Bruder, ich sehe nicht, dass wir eine andere Wahl hätten. Jeder wird über uns lachen, wenn der Chazan in Schulemanns Synagoge singt." — Linkovitz zuckte zusammen — „und Sie haben schon so vi°l Geld für die Vorbereitungen ausgegeben, dass wir wie Narren dastehen werden, und mag sein — wer kann es wissen — einige

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.