Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Kann ich Helene heiraten?
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 437 - 438 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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437 Bruno Lossing: Kann ich Lea heiraten? 438 Linkovitz wurde rot vor Wut und Abraham erinnerte sich plötzlich, dass er einen Gang zu besorgen hatte und eilte aus dem Laden. Jedoch verzweifelte er nie. Wenn nur irgendeine Gelegenheit sich bot, brachte er die Sache vor, und entschieden, aber respektvoll gab er Linkovitz zu verstehen, dass er kurz über iang Lea heiraten werde. Schliesslich aber wurde Linkovitz rasend vor Wut und drohte ihm: „Wenn du mich noch einmal um Leas Hand bittest," schrie er, „rufe ich die Polizei!" Einmal entliess er Abraham, aber Abraham ■weigerte sich kühl, seine Entlassung anzunehmen. „Sie sehen", führte er aus, niemand ausser mir kann Fleisch schneiden und Hühner füllen wie es Lea liebt. Ausserdem", fügte er hastig hinzu, da er einen gefahrdrohenden Blick in Linkovitz' Augen gewahrte, „ich würde ja für Cohen zu arbeiten haben, der so erpicht darauf ist, alle Ihre Kunden zu bekommen." Linkovitz brummte, aber es wurde nichts mehr über die Entlassung Abrahams gesagt. Bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen er Lea sah, ersannen und diskutierten sie zahllose Pläne, wie des Vaters Einwilligung zu gewinnen wäre. Einmal schlug Abraham vor, dass er Linkovitz in den Keller einschliessen und ihn da bei Brot und Wasser so lange halten wollte, bis er zugab, aber Lea schüttelte den Kopf. ,,Er würde lieber sterben,"' sagte sie. „Er ist so schrecklich hartnäckig." „Dann," sagte Abraham, „will ich die Synagoge vernichten." Lea wurde bleich. „Er würde dich töten", sagte sie. „Nein, liebster Abraham, da ist nichts zu tun, wir müssen warten." Und Abraham wartete mit zusammengebissenen Zähnen. So lagen die Dinge, als eines Tages Herr Linkovitz in den Laden hereinstürmte, triumphierend ein Kuvert [schwingend, das eine russische Postina rke trug. „Ich habe ihn bekommen! Ich habe ihn bekommen, Hurra!" rief er strahlend aus. „Was bekommen?" fragte Abraham. „Den Chazan! Salomon Wolkenschieber, den grossen Chazan! Er kommt von Russland, um in der Synagoge Beth El-Kohel zu singen. Aber gescheit hab' ichs gemacht. Ich habe keiner Seele ein Wort gesagt, bis alle Anordnungen getroffen waren, und jetzt kommt er herüber. Abraham," er legte seine Hand in guter Stimmung auf seines Assistenten Schulter, „Herr Schule mann und seine ganze Gemeinde werden krank werden, wenn sie es hören." Und, wahr genug, kaum hatte man Wind bekommen, dass Wolkenschieber, der berühmte Chazan von Odessa, kommen würde, um in Linkovitzes Synagoge zu singen, als es eine leichte Sensation schuf und Herr Schulomann und seine Gemeinde gelb vor Neid wurden. Herr Linkovitz kündigte das bevorstehende Ereignis mit grosser Energie an, und als der Mittwoch, an dem der Chazan in Ncwyork anlangen sollte, näher rückte, bestimmte er den nächsten Sonnabend als das Datum seines ersten Erscheinens in der Synagoge, und machte dies überall bekannt. „Abraham," sagte Herr Linkovitz am Dienstag, „morgen kommt er. Das Synagogen-Komitee muss eine Zusammenkunft abhalten, daher habe ich sie gebeten, in meinem Laden zusammenzutreffen, denn ich muss dabei sein. Du musst deinen Jontil'f-Anzug anziehen und zum Dampfer gehen, um ihn zu erwarten. Sei sehr respektvoll. Er kommt für billiges Geld. Führe ihn geradeswegs in mein Haus. Lea hat schon ein Zimmer für ihn vorbereitet. Was immer geschehen mag, lass ihn Schule mann nicht sehen." „Sie sind sehr klug," sagte Abraham. Herr Linkovitz strahlte. „Kann ich Lea heiraten?" fragte Abraham. Linkovitz starrte ihn einen Augenblick an, dann drehte er sich um, ging davon und brummte: „Wahnsinniger!" Abraham seufzte. „Es ist eine trübe Welt!" II. Abraham stand am Landungsplatz und beobachtete, wie Salomon Wolkenschieber vom Schiff ausstieg und verwirrt um sich sah. Der Chazan hoffte augenscheinlich darauf, dass jemand ihn erwarte und ihm mit seinem Gepäck durch die Schwierigkeiten der Zollrevision helfen würde. „Er sah gerad' so aus wie ein Chazan," erklärte Abraham später der Lea. Aber er hatte in bezug auf Lea einen anderen Plan diesen Morgen entworfen. Ihr Vater war sehr spöttisch gewesen; weswegen er in wütender Laune war und absolut nicht geneigt, verwirrten Chazans die geringste freundliche Hilfe anzubieten. Er wartete daher, bis nach langem Warten und vielen Rippenstösscn Herr Wolkenschieber sich anschickte, den Hafendamm zu verlassen. Dann näherte er sich ihm und fragte ihn jüdisch: „Sind Sie Herr Wolkenschieber?" „Jawohl!" erwiderte der Chazan. „Nun gut, kommen Sie!" Und er schleifte den armen Chazan hinter sich her, bis sie die Strasse erreichten. Plötzlich schlug er sich an die Stirn und blieb wie festgewurzelt stehen. „Was ist's?" fragte der Chazan. „Haben Sie eine Sorge?" Abraham grinste. „Ha! ha! ha! Kommen Sie nur, alter Mann." Sein Benehmen war wie ausgetauscht. Sein sorgloses Betragen und seine Gleichgültigkeit waren verschwunden. Er nahm dem Chazan eine schwere Schachtel ab. „Lassen Sie mich dies tragen, mein Freund," sagte er freundlich. Er nahm den erstaunten Chazan beim Arm, als ob er fürchtete, er könnte ihm entfliehen, führte ihn munter durch die Stadt und plauderte liebenswürdig während des ganzen Weges. Mehrere Mal zeigte der Chazan Neigung stehen zu bleiben und auf die verschiedenen neuen Dinge zu schauen — ein vollkommen natürlicher Impuls von Seiten eines Fremden in einem fremden Land — aber Abraham flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist gegen das Gesetz, vor zehn Uhr auf der Strasse stehen zu bleiben. Hier sind alle zu beschäftigt. Kommen Sie nur!*'' Sie mieteten einen Wagen und fuhren weit die Stadt hinauf. Abrahams Gesicht trug ein breites Grinsen, und jedesmal, wenn er auf das unschuldige Gesicht des Chazan blickte, wandte er seinen Kopf sofort weg, um seine Miene zu verbergen. „Was ist das für ein Gebäude?" fragte der Chazan, indem er auf Madison Square Garden zeigte. „Das ist eine Synagoge" antwortete Abraham glatt. „Ei, wie schön!" Als sie zum grossen Zentralbalmhof kamen, wies der Chazan darauf und blickte fragend auf .Abraham. „Eine andere Synagoge", antwortete dieser prompt. Der Chazan erstrahlte vor Freude. Das war ein Land für ihn! „Wir sind da, kommen Sie \" sagte Abraham. Er führte ihn zu einem kleinen Hotel und ersuchte