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Ost und West · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 435 - 436

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Kann ich Helene heiraten?
Date
1911-05-01
Page
Seite 435 - 436 (sequence 1)
Language
German
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433 436 KANN ICH LEA HEIRATEN? Humoristische Erziihlung Moische Linkovitz war Vorsteher der Beth El- Kohel-Synagoge, Präsident, Schatzmeister, Leiter und erster Aktienbesitzer der Linkovitz'schen Geflügel- Gesellschaft und Vater der Lea Linkovitz. Er trug seine Ehrengrade mit Würde. Cohen, der Fleischer, behauptete, daß Linkovitz mehr an die Synagoge als an seine eigene Tochter dachte, daß ihr Ruhm ihm teurer war als seine eigene Seele. Aber Cohen war mehr oder weniger ein Lügner, war Linkovitz' Konkurrent im Geflügelhandel, und ausserdem spielt er in dieser Erzählung keine Rolle. Er verdient daher nicht geschildert zu werden. Die Synagoge Beth El-Kohel war genau wie hundert andere Synagogen, weder mehr noch weniger wichtig, und es gab Tausende und Tausende von Juden im Ghetto, die nie von ihrem Namen gehört hatten. Linkovitz war für die Synagoge Vater und Mutter zugleich. Er kaufte die Einrichtung, er bestimmte den Sehamoss — der eine Kombination von Totengräber, Gemeindediener und Unterlehrer war — zahlte sein Gehalt. Er zahlte die Miete und die Gasrechnungen. In der Tat, vom Türknopf bis zum Sofor Thora, das in der Lade am anderen Ende des Raumes ruhte, könntest du kaum einen einzigen Gegenst and gefunden haben, bei dem Linkovitz nicht ein gewisses Eigentumsrecht besass. Sehulemann, der Vorsteher der Synagoge Beth-Oeb. die weiter hinten in derselben Strasse lag, pflegte über Linkovitz als einen Mann, der sich für das zukünftige Leben Gunst zu oi"kau fen suc] 11e, zu spotten. Aber Schul cm.ann, niusst du wissen, stand zu seiner Synagoge in ganz demselben Verhältnis wie Linkovitz zu de?' seinigim, und da sie einander gründlich verachteten, vuirde es nicht vornehm sein,ernsthaft das zu glauben, was sie über einander sprachen. Die Linkovitzschc G e f 1 ü ge 1 h a n d 111 n g w a r ei n gewöl i nl ich er FI eise herladen, dessen Mission in der Welt — vom Standpunkt des Abraham Nassauer aus betrachtet — war, dem besagten Abraham Nassauer Beschäftigung zu geben. Die Firma pflegte zu gehen: „M. Linkovitz, Fleisch und Geflügel". Die Idee einer Company entstammte dem fruchtbaren Gehirn des Abra- Bronzestatuette Spinozas »am. Die Aussichten von j. Memlos dn Coita. dieses Projekts, das Linon Bruno Lessing. Nachdruck verboten. kovitz sehr zusprach, waren, dass im Falle des Gelingens, er genau so viel vorn Nutzen hatte, während im umgekehrten Falle es verschiedene Wege gab, durch die" eine vereinigte Gesellschaft sich der Verantwortlichkeit entziehen könnte — verwickelte Woge, die dem Einzelnen nicht zugänglich waren. Er umarmte Abraham wegen dieses trefflichen Rates, und ersuchte ihn, sich etwas als Belohnung zu erbitten. „Geben Sie mir Lea!" sagte Abraham prompt. Linkovitz würdigte ihn nicht einmal der Antwort, aber er kaufte Abraham einen neuen Hut. Abraham war sehr schlank und mager mit einem mächtigen Schopf kohlschwarzen Haares, das sich ihm über Ohren und Stirn kräuselte und mit scharfen blauen Augen, die unaufhörlich zwinkerten. Er war beharrlich und besass ein Uebermass von Selbstvertrauen, und ich hoffe, du wirst ihn li-m gewinnen, denn er ist der einzige Held, den diese kleine Geschichte besitzt. Was Lea Linkovitz anbetrifft, so war sie ihrem mürrischen Vater so wenig ähnlich, wie die Perle der Auster. Natürlich liebte sie ihn, aber die allüberwiegende Tatsache der Schöpfung war, dass Abraham Nassauer sie liebte. Darüber hinaus geschah nichts im Weltall. Hättest du ihre anmutige, zarte Gestalt und ihr süsses, lebhaftes Gosiehtchen mit seinen tanzenden braunen Augen und anbetungswürdigen Lippen gesehen, du würdest Abraham nicht ein bisschen getadelt haben; ein Wunder wäre es gewesen, wenn er sie nicht geliebt hätte. Unter den jungen Leuten gab es noch viele andere, die sie liebten, aber sie taten nichts dazu. Die Sonne ging auf und unter mit Abraham. Der Lauf ihrer Liebe jedoch war nichts weniger als geebnet. Es schien in der Tat Lea so hoffnungslos, dass sie den Gedanken hatte, Abraham vorzuschlagen, mit ihr zusammen von der Brooklyn-Brücke in das Wasser zu springen, um ihrem grausamen Schicksal zu entrinnen und in gegenseitiger Umarmung zu sterben. Jedoch fürchtete si >, dass Abraham sie auslachen werde. Eines Tages, als linkovitz die Jüdische Zeitung" las, hatte sich Abraham ihm genähert — ich glaube, er hielt ein Hühnchen in der einen Hand und ein Fleischerbeil in der anderen — und plump bat er um Leas Hand. „Ich liebe sie"', sagte er. „Sie liebt mich. Wir möchten uns heiraten. Willigen Sie ein?" Heri' Linkovitz Hess seine Zeitung langsam herabfallen. Dann nahm er langsam seine Brille ab und putzte sie mit seinem Taschentuch. Dann setzte er sie langsam wieder auf seine Adlernase und warf einen langen, langen Blick auf Abraham. Dann nahm er seine Zeitung wieder auf, und ohne ein Wort zu sagen, begann er von neuem zu lesen. Worte waren unnötig. Abraham kehrte niedergeschlagen zu seinem Fleischerblock zurück und liess all seine Missstimmung an dem leblosen Huhn aus. Das nächste Mal, als er diese Sache zur Sprache brachte, blickte ihn Linkovitz eine ganze Weile verächtlich an und sagte dann: „Bist du meschugge? Warum denn, du hast ja noch keinen Cent erworben! Wie kannst Du ein Weib mit 10 Dollar die Woche ernähren?" Abrahams Gesicht erglänzte. „Wie, Herr Linkovitz", rief er eifrig aus, ,,\vir können ja kommen und mit Ihnen leben. Sie können mich zu Ihrem Teilhaber machen und dann werde ich massenhaft Geld haben."

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